ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Dieser Artikel erscheint im Augustinus-Lexikon in dessen 4. Band, Faszikel 7/8 (2018) auf den Spalten 1055-1057.

  • quid sunt regna nisi magna latrocinia Dyonides vor Alexander 732x407
  • Der Seeräuber Dyonides wird vor Alexander den Großen geführt: Darstellung der Seeräuber-Anekdote in einer französischen Handschrift von De ciuitate dei (Miniatur, ca. 1475-1485). Nationalbibliothek der Niederlande. The Hague, MMW, 10 A 11. – Bildquelle: europaeana.eu

Die Frage: «quid sunt regna nisi magna latrocinia?», ergänzt um ihr Pendant: «latrocinia quid sunt nisi parua regna?», stellt A. in Deciuitate dei 4,4 im Kontext der Debatte über Gerechtigkeit und leitet sie deshalb mit der Voraussetzung ‹remota ↗iustitia› ein. Gegenüber der römischen Staatsideologie bestreitet A. der mit militärischer Gewalt errichteten Herrschaft der Römer, auf Gerechtigkeit gegründet zu sein (↗Imperium Romanum, 3,553sq.), und greift dabei auf die Seeräuber-Anekdote aus Cic. rep. 3,24 zurück [1]. Auch der Gedanke, daß Gesetze ohne Gerechtigkeit sich nicht von Abmachungen unter Räubern unterscheiden, findet sich schon in Cic. leg. 2,13. Darüber hinaus stellt A. die antike Überzeugung von Gerechtigkeit als Fundament eines Staates (Platon, Aristoteles, Cicero) in Frage, indem er an die Stelle einer rechtsmoralischen eine vertragstheoretische Staatsbegründung setzt: Grundlage für ein Gemeinwesen sei der Konsens einer Gruppe von Menschen, ihr Leben gemeinschaftlich nach allgemein akzeptierten Regeln zu organisieren [2]. In ciu. 19, wo A. dieses Thema erneut aufgreift, bindet er ein Gemeinwesen aber doch an Gerechtigkeit und verschärft diese Forderung zur Bindung an die wahre Gerechtigkeit (ib. 19,24: ‹iustitiae ueritas›), die es nur in Beziehung zum wahren Gott der Christen gebe (ib. 19,21sq.25sq.; cf. schon ib. 2,21) [3]. Da die unmoralischen Götter Roms (cf. ib. 2,3-22; ↗Paganus) keine Gerechtigkeit fundieren könnten, sei die falsche Gottesbeziehung und Religionsausübung der Römer (und anderer Völker wie der Athener, Ägypter oder Assyrer) der Grund dafür, daß für ihren Staat nicht von Gerechtigkeit geredet werden könne und es sich beim Römischen Reich daher nach Ciceros Definition nicht einmal um einen Staat handle (ib. 19,21) [4]. Da wahre Gerechtigkeit erst im Eschaton verwirklicht werden kann (ib. 19,27) [5], doch «auf Erden unerreichbar ist, erscheint jeder irdische Staat als relativ ungerecht, nämlich von der wahren Gerechtigkeit so weit entfernt, daß er nicht anders als eine Räuberbande aussieht» [6].

Anmerkungen

[1] Ciu. 4,4: «eleganter enim et ueraciter Alexandro illi Magno quidam comprehensus pirata respondit. nam cum idem rex hominem interrogaret, quid ei uideretur, ut mare haberet infestum, ille libera contumacia: quod tibi, inquit, ut orbem terrarum; sed quia <id> ego exiguo nauigio facio, latro uocor; quia tu magna classe, imperator»; cf. Nonius Marcellus pp. 125,12; 318,18; 534,15; ↗Cicero. – [2] Ciu. 4,4: «manus et ipsa hominum est, imperio principis regitur, pacto societatis astringitur, placiti lege praeda diuiditur»; cf. ib. 19,24: «populus est coetus multitudinis rationalis rerum quas diligit concordi communione sociatus»; ↗Ciuis, ciuitas, ↗Populus, ↗Respublica, ↗Societas; cf. Duchrow 288; Brown 42. O’Donovan 96-103 hebt hervor, daß A. damit nicht moderne kontraktualistische Staatstheorien antizipierte. – [3] Cf. Haddock 75sq.90-92; O’Daly 206-210; Tornau 215-218.295sq.; Fürst 268-278. – [4] Cf. ib. 2,18.21 mit Cic. rep. 1,39; 2,70; cf. Brown 25-45, besonders 44; Baier 135-139; Fortin 48sq. – [5] Darauf insistieren zu Recht Duchrow 291-298 und O'Daly 83sq. gegen die Annahme, christliche Staatswesen seien vom Vergleich mit Räuberbanden ausgenommen, wie Christes 173 fälschlich meint. – [6] Höffe 275.

Bibliographie

T. Baier, Cicero und Augustinus. Die Begründung ihres Staatsdenkens im jeweiligen Gottesbild: Gymnasium 109 (2002) 123-140. – P. Brown, Religion and Society in the Age of Saint Augustine, London 1972. – J. Christes, Christliche und heidnisch-römische Gerechtigkeit in Augustins Werk «De civitate dei»: RhM 123 (1980) 163-177. – U. Duchrow, Christenheit und Weltverantwortung. Traditionsgeschichte und systematische Struktur der Zweireichelehre, Stuttgart 21983. – E.L. Fortin, Justice as the Foundation of the Political Community. Augustine and his Pagan Models: Augustinus. De civitate dei (hrsg. von C. Horn), Berlin 1997, 41-62. – A. Fürst, Wahrer Gott – wahre Gerechtigkeit. Politische Implikationen des Monotheismus in der Spätantike: Fragen nach dem einen Gott. Die Monotheismusdebatte im Kontext (hrsg. von G. Palmer), Tübingen 2007, 251-282. – B. Haddock, Saint Augustine. The City of God. A Guide to the Political Classics. Plato to Rousseau (ed. by M. Forsyth/M. Keens-Soper), Oxford 1988, 69-95. – O. Höffe, Positivismus plus Moralismus. Zu Augustinus’ eschatologischer Staatstheorie: Augustinus. De civitate dei (hrsg. von C. Horn), Berlin 1997, 259-287. – G. O’Daly, Augustinus City of God. A Readers Guide, Oxford 1999. – O. O’Donovan, Augustine’s City of God XIX and Western Political Thought: Dionysius 11 (1987) 89-110. – C. Tornau, Zwischen Rhetorik und Philosophie. Augustins Argumentationstechnik in De ciuitate Dei und ihr bildungsgeschichtlicher Hintergrund, Berlin/New York 2006.

Alfons Fürst
Ordinarius für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und christliche Archäologie
an der Westfälischen Wilhems-Universität Münster

 

© (Text) Verlag Schwabe AG, Basel

Wir danken dem Schwabe Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.

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