ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

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Confessiones 1,1

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Bekenntnisse 1,1

Papst Gregor der Große fand in Krisenzeiten in der Bibel und ihrer Bildersprache Orientierung für die notwendigen Reformen. Ein fiktives Interview im Rahmen einer Kirchenväter-Serie der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost. Von MICHAEL FIEDROWICZ

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Gregor der Große Die Last des Amts steht Gregor dem Großen auf dem Fresko in San Saba (Rom) ins Gesicht geschrieben. Halt findet er in der Heiligen Schrift. − Foto: Wolfgang Radtke.

Heiliger Vater, als Sie im Jahr 590 das Papstamt übernahmen, war die Lage der Kirche alles andere als ermutigend. Schon wenige Wochen nach Pontifikatsbeginn beschrieben Sie mit drastischen Worten die Situation, die Sie vorfanden.

Ja, lassen Sie mich kurz aus zwei Briefen dieser Zeit zitieren: «Ein altes und heftig geschütteltes Schiff habe ich, selbst unwürdig und schwach, übernommen, denn von allen Seiten dringt das Wasser herein und die morschen Planken, vom täglichen Unwetter erschüttert, verkünden schon ächzend den Untergang. … Ich seufze, denn ich spüre, dass durch meine Nachlässigkeit die Schiffsjauche der Laster anschwillt und bei heftigem Sturm die schon verfaulenden Planken ächzend vom Untergang künden.» Tatsächlich ließ sich kaum ein realistischeres Bild finden, um die Situation der Kirche in jener aufgewühlten Epoche vor Augen zu führen. Hungersnöte, Naturkatastrophen, Kriegswirren, Skandale im Klerus, Simonie, Pflichtvergessenheit, Verstrickung in politische Machenschaften, Bischofsweihen karrieresüchtiger Kandidaten, anhaltende Glaubensspaltungen und disziplinäre Kontroversen überschatteten das ausgehende sechste Jahrhundert.

Was an Ihren Ausführungen beeindruckt, ist die deutliche Sprache, die sich nicht scheut, die Dinge beim Namen zu nennen. Hier gibt es kein Schönreden der Krise, wie heute vielfach üblich, wenn die Bischöfe den allgemeinen Niedergang als «Chance zum Neuaufbruch» verkaufen, Kirchenschließungen und Gemeindefusionierungen als Erzeugung von «Synergieeffekten» anpreisen, Glaubensirrtümer anderer Konfessionen als «differenzierten Konsens beziehungsweise versöhnte Verschiedenheit» deklarieren und sogar den Priestermangel als «Stunde der Laien» geradezu begrüßen.

Die morschen Planken verkünden schon ächzend den Untergang

Ich fühlte mich verpflichtet zu sagen, wie es ist: «Die morschen Planken verkünden schon ächzend den Untergang.»

Diese ungeschminkte Situationsanalyse führte Sie aber trotzdem nicht in die Resignation, ließ Sie nicht in Lethargie versinken, vielmehr die notwendigen Reformen beherzt anpacken. Ein französischer Historiker schrieb anerkennend, Sie hätten in der Linie Ihrer Vorgänger im vierten und fünften. Jahrhundert das Schifflein Petri mit der Energie und Autorität eines Magistrats des alten Rom geführt.

Zweifellos kamen mir manche administrativen Erfahrungen zugute, die ich in meiner früheren Tätigkeit als römischer Stadtpräfekt sammeln konnte. Allerdings entnahm ich die Maßstäbe für eine Kirchenreform nun aber nicht irgendwelchen soziologischen Modellen weltlicher Institutionen, wie es heute so oft geschieht.

Wo fanden Sie überzeugendere Alternativen?

Nachdem ich mich aus dem Staatsdienst zurückgezogen hatte, führte ich zunächst ein monastisches Leben im väterlichen Haus auf dem römischen Coelius-Hügel, dem St. Andreas-Kloster. Es war eine Zeit der Kontemplation, die hauptsächlich dem Gebet und der Schriftbetrachtung gewidmet war. Hier, in den biblischen Worten suchte und fand ich Symbolgestalten der Kirche, die andere Perspektiven erschlossen als das rein empirisch ohne Zweifel zutreffende Bild eines im Sturm schwankenden, vom Untergang bedrohten Schiffes.

In den biblischen Worten suchte und fand ich Symbolgestalten der Kirche

Wird heute in der Kirche über die Kirche und ihre Reform geredet, dann dominieren Vorstellungen von Institution, Apparat, Strukturen. Ganz anders die Kirchenväter.

Völlig richtig. Wir sprachen viel eher und angemessener vom Leib Christi, vom Tempel und der Stadt Gottes, vom himmlischen Jerusalem, vom Weinberg, von der Jungfrau und Mutter Kirche, von der Braut Christi, von Maria als Urbild der Kirche. Wenn wir es vorzogen, vornehmlich in Bildern und Symbolen von der Kirche zu sprechen, dann deshalb, weil diese eine emotionale Bindung an die Kirche ermöglichen und im Gegensatz zum modernen ,Pastoralsprech‘ die Chance eröffnen, ihr mit Glaube, Hoffnung und Liebe begegnen zu können. Nichts ist notwendiger als dies.

Gegenwärtig erleben wir eine verengte Fremdwahrnehmung der Kirche seitens der Gesellschaft, die diese bestenfalls als Sozialagentur mit humanitärem Auftrag gelten lassen will. Zugleich aber mehren sich innerhalb der Kirche Reformforderungen, die auf äußere Strukturfragen fixiert sind.

Angesichts der genannten Verkürzungen im Blick auf die Kirche bedarf es mehr denn je einer Innenansicht, die ihr eigentliches Wesen zum Leuchten bringt. Die Bildersprache, wie sie die frühe Christenheit gerne gebrauchte, ermöglicht eine solche Perspektive. Wenn ich höre, dass heute die Ordinariate und Generalvikariate zum Tummelplatz hochbezahlter Systemtheoretiker geworden sind, die mit komplizierten Organigrammen Steuerungsprozesse im bischöflichen Verwaltungsapparat entwerfen und alle möglichen Pastoralpläne erstellen, dann vertiefte ich mich ebenso wie andere Kirchenväter lieber in das biblische Hohelied, um im Liebeswerben zwischen Braut und Bräutigam Sinnbilder für ein erblühendes und glühendes Leben der Kirche zu entdecken.

Auch auf der Kathedra Petri versuchten Sie weiterhin, Aktion und Kontemplation miteinander zu verbinden, anstatt sich völlig von den vielfältigen Amtspflichten vereinnahmen zu lassen. Sie sparten nicht mit Kritik an Bischöfen und Priestern, die gänzlich in äußeren Aktivitäten aufgingen.

Auf weltliche Sorgen gerichtet, werden wir nämlich im Innern umso weniger empfindsam,
je engagierter wir im äußeren Bereich erscheinen

Ja, den Bischöfen Italiens, die in der Fastenzeit des Jahres 591 in Rom versammelt waren, schrieb ich folgende Worte mahnend ins Gewissen: «Wir sind äußeren Geschäften völlig verfallen, einiges haben wir ehrenhalber übernommen, anderes tun wir aus Pflichtgefühl. Wir geben den Dienst der Verkündigung auf und – zu unserer Strafe, wie ich es sehe – lassen wir uns Bischöfe nennen, die wir nur den Ehrentitel, nicht aber die entsprechende Vollkommenheit besitzen. Denn die uns Anvertrauten wenden sich von Gott ab, wir aber schweigen. In schlimmem Tun liegen sie danieder, wir aber reichen nicht die Hand zur Besserung. Täglich richten sie sich durch vielerlei Unrecht zugrunde, wir aber schauen tatenlos zu, wie sie auf dem Weg zur Hölle sind. Doch wann werden wir das Leben anderer bessern, wenn wir unser eigenes vernachlässigen? Auf weltliche Sorgen gerichtet, werden wir nämlich im Innern umso weniger empfindsam, je engagierter wir im äußeren Bereich erscheinen. Häufige Beschäftigung mit irdischen Sorgen verhärtet das Herz, um noch Himmlisches ersehnen zu können; und wenn es durch eben diese Beschäftigung mit weltlichen Aktivitäten hart geworden ist, verfügt es nicht mehr über die Schmiegsamkeit für die Belange der Gottesliebe.»

Besondere Bedeutung haben Sie dem Verkündigungsamt der Priester und Bischöfe beigemessen. Worin liegen heute die Defizite in diesem Bereich?

Mein Eindruck ist: Es wird nur noch das gepredigt, was der Verkündiger für sich selbst als annehmbar betrachtet, anstatt das ganze Evangelium unverkürzt zur Geltung zu bringen. In meinen Homilien zum Propheten Ezechiel sagte ich: «Wenn der Glaubenslehrer merkt, dass er sich gegen etwas verfehlt, darf er nicht aufhören, dies weiterhin zu verkündigen. Seine Stellung fordert, dass er davon spricht. Er möge sich daher seinen eigenen Worten angleichen, und wenn er davon nicht reden will, weil er nicht danach handelt, dann soll er es tun, weil er die Pflicht hat zu reden. Wenn er also sieht, wie er selber in die Tat umsetzt, was er sagt, dann soll er auch die Hörer dazu ermahnen und sie anfeuern, sich um gutes Handeln zu bemühen. Entdeckt er aber, dass er noch nicht erfüllt, wovon er redet, dann soll er zu dem Guten, zu dem er seine Hörer auffordert, gleichermaßen auch sich selbst anspornen.»

Die Persönlichkeit des Verkündigers war in Ihren Augen also maßgeblich für die Wirkung seiner Worte?

Ja, lassen Sie mich abschließend ein weiteres Zitat aus meiner Frühzeit anführen: «Als Prinzip für die Verkündiger gilt, im eigenen Leben das zu verwirklichen, wovon sie mit dem Wort überzeugen wollen. Die Autorität des Wortes geht verloren, wenn die Stimme nicht durch das Tun unterstützt wird. Wird ein anderer etwa auf seine Worte hören, wenn sein Handeln verneint, was seine Stimme verkündet, wenn er selber überhört, wovon er spricht?»

Der Autor lehrt Kirchengeschichte des Altertums, Patrologie und Christliche Archäologie an der Theologischen Fakultät Trier

HINTERGRUND

Leben und Schriften

Gregor der Große wurde um 540 in Rom geboren. Er entstammte einer vornehmen Senatorenfamilie. 572/73 bekleidete er als römischer Stadtpräfekt die höchste Position der Zivilverwaltung. 574 bekehrte er sich zur asketisch- monastischen Lebensform in Rom. Von 579–85 wirkte er als päpstlicher Apokrisiar (Nuntius) am Kaiserhof in Konstantinopel, kehrte 585/86 Rückkehr nach Rom zurück. Er wurde Berater von Papst Pelagius II. und 590 zu dessen Nachfolger gewählt. Nach jahrelanger Krankheit starb er 604.

Lektüretipp

Fiedrowicz, Michael: Gregor der Große – Von der Sehnsucht der Kirche. Johannes-Verlag, Freiburg, 1995, ISBN-13: 978-3894113261, EUR 14,50

© Die Tagespost vom 14.02.2020, Seite 12 (siehe Online-Fassung unter www.die-tagespost.de)

Wir danken der Redaktion der Tagespost und der Johann Wilhelm Naumann Verlag GmbH für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.

Weiterführender Link:

Weitere Beiträge der Interview-Serie über die Kirchenväter

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