ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Aufsatzband zur Tagung „Kampf oder Dialog“ befasst sich mit Kulturkonflikt und Kulturkontakt bei Augustinus   Von HARM KLUETING

Cover Kampf oder Dialog Cassiciacum 3911 internet © Augustinus bei Echter

„Begegnung von Kulturen, Kulturkampf, Kulturkritik, aber auch kultureller Dialog und Kulturverschmelzung prägen entscheidend den thematischen Hintergrund von Augustins ,De civitate dei‘“. So beginnt das Vorwort des Herausgebers zu dem Aufsatzband mit 24 Beiträgen einer Tagung in Rom in deutscher, englischer und italienischer Sprache. Was unter der Frage „Kampf oder Dialog?“ verhandelt wird, gilt aber nicht nur für Augustinus und seine Zeit, sondern auch für unsere Zeit, und scheint heute – seit der seit 2015 stark gestiegenen Zahl von Migranten aus außereuropäischen Ländern in Europa – noch aktueller als zum Zeitpunkt der Tagung 2012. Aber nur zwei der Autoren stellen die Verbindung zu unserer Gegenwart her: der Bamberger Erzbischof und frühere Kirchenrechtsprofessor Ludwig Schick in seiner hier abgedruckten und nicht auf der Tagung in Rom vorgetragenen Rede „Der ,Gottesstaat‘ Augustins – Maßgabe für heutige Staaten?“ und der emeritierte, zuletzt an der „Catholic University of America“ in Washington lehrende Philosophieprofessor John M. Rist in seinem Aufsatz „Can the ,City of God‘ Help Us Deconstruct Multiculturalism?“. „Deconstruct“ könnte hier mit „hinterfragen“ wiedergegeben und der Titel mit „Kann der ,Gottesstaat‘ uns helfen, den Multikulturalismus zu hinterfragen“ übersetzt werden.

In die Kulturkontakte der Zeit des Augustinus (354–430) führt der Althistoriker und emeritierte Professor der Freien Universität Berlin Alexander Demandt mit „Kulturkontakte zwischen Römern und Germanen in der Spätantike“ beziehungsweise in der Völkerwanderungszeit – 410 eroberten die Westgoten unter Alarich Rom – ein. Er betont, dass die Kontakte zwischen Römern und Germanen seit dem Einfall der Kimbern und Teutonen im heutigen Kärnten 113 v. Chr. in erster Linie militärischer Natur waren und stellt nicht nur die Dienste germanischer Fürsten im römischen Heer, sondern auch die Übernahme römischer militärischer Taktik und Waffentechnik durch germanische Völker heraus, um sodann vor allem sprachgeschichtliche Beobachtungen anzustellen: lateinische Lehnwörter, die in großer Zahl noch vor der sogenannten althochdeutschen Lautverschiebung, also vor ungefähr 500 oder 600, übernommen wurden und bis heute im Deutschen lebendig und uns oft gar nicht mehr als „lateinisch“ bewusst sind – vom Militär- und Bauwesen über Land- und Hauswirtschaft, Handel und Verkehr, höhere Kultur und politische Ideen, Kirche und Glauben – auch der christliche Glaube war mediterraner Kulturimport bei Goten und Galliern, Iren und Schotten, Angelsachsen und Franken – bis hin zur Zeitrechnung mit Wochentags- und Monatsnamen.

Er verschweigt nicht, dass es in geringem Maß auch germanischen Kultureinfluss bei den Römern gab, und nennt die Hose als Bekleidung statt Toga oder Tunika, wobei seine Bemerkung „Das kaiserlich römische Hosenverbot in Rom gilt bis heute für den höheren katholischen Klerus, allerdings nicht nur in Rom“ ironisch gemeint sein dürfte, weil unter der Soutane ebenso wie unter Albe und Kasel ja durchaus die Hose getragen werden kann und wird. Aber was haben diese Beobachtungen mit Augustinus zu tun? Demandt schreibt: „Bei Augustinus fehlen abschätzige Urteile über die Germanen. Entscheidend für ihn ist nicht die Nationalität, sondern die Religiosität. Augustins Gegenüberstellung von grausamen heidnischen Goten und sanften christlichen Goten ist historisch haltlos, aber entspricht der apologetischen Tendenz des Kirchenvaters und seinem naiven Glauben, dass die Christianisierung die Barbaren moralisiere, sie zu besseren Menschen mache.“

Der Tübinger evangelische Kirchenhistoriker Volker Henning Drecoll führt Kulturkontakt im theologiegeschichtlichen Internum vor. Er stellt Augustinus und seinen Zeitgenossen Pelagius – den von der britischen Insel stammenden Theologen, der die Erbsündenlehre ablehnte und die Willensfreiheit des Menschen betonte – gegenüber und sieht den entscheidenden Unterschied in der Anthropologie: Der Mensch stehe im Zentrum des Denkens des Pelagius. Wenn er vom Können oder Nichtkönnen spreche, habe er „das Können des Menschen vor Augen, nicht die Frage, ob Gott kann. Von der Anthropologie aus entwirft er eine Sündenlehre, seine Christologie, seine Erlösungslehre.“

Hingegen denke Augustinus von Gott her: „Alles, was im Menschen an Gutem entsteht, stammt von Gott. Am Anfang hatten die Engel und der Mensch den guten Willen – weil Gott ihn ihnen gegeben hat. Nachdem ein Teil der Engel und der Mensch aber von ihrer Möglichkeit, sich abzuwenden, Gebrauch gemacht haben, ist das gute Wollen nicht mehr gegeben, es sei denn, Gott stellt es – gnadenhaft – erneut her“.

Der Herausgeber Christof Müller, Leiter des Zentrums für Augustinus-Forschung in Würzburg, verfolgt unter dem Titel „Polemik oder Protreptik?“ die Motivation von Augustins „Gottesstaat“. „Polemik“ kommt von griechisch „polemos“, Krieg, „Protreptik“ von griechisch „protreptikos“, Werbeschreiben, wie die verlorene Schrift „Protreptikos“ des Aristoteles (384–322 v. Chr.), die gleichnamige Schrift des Kirchenvaters Clemens von Alexandria (um 150–250) oder der protreptische Dialog „Hortensius“ des Cicero (106–43 v. Chr.), über den der junge Augustinus zur Philosophie kam. Die apologetische Zielrichtung von „De civitate dei“ ist bekannt: Verteidigung des Christentums gegen den Vorwurf der Gefährdung Roms vor dem Hintergrund der Eroberungszüge der Germanen. Neben der Verteidigung findet sich in „De civitate dei“ auch antipagane, gegen die altrömisch-heidnische Religion gerichtete Polemik und ebenso eine zum christlichen Glauben einladende, protreptische Argumentation. Müller: „,De civitate dei‘ ist eine Apologie, die das Christentum mit allen Regeln rhetorischer, philosophischer und theologischer Kunst verteidigt wie auch anempfiehlt.“

Hans Armin Gärtner, pensionierter Professor in Heidelberg, geht von der Kulturdefinition der UNESCO von 1983 aus, greift aus deren deutscher Übersetzung die Begriffe „Lebensformen“ und „Wertsysteme“ auf und kommt so zu den lateinischen Begriffen „gloria“ (Ruhm) und „concordia“ (Eintracht) bei Augustinus und im antiken Rom. Er verfolgt die Aussagen des Augustinus zu „gloria“ und „concordia“ und einer von ihnen geprägten Kultur. Augustinus werte „honor“ und „gloria“ ab und halte nichts von der römischen „concordia“. Doch kenne er eine andere „concordia“, die Eintracht der Gottesfürchtigen, wie es „das Nebeneinander von Gottes Bürgerschaft und irdischer Bürgerschaft“ gebe. Der Altphilologe schlussfolgert: Es gibt „für Augustinus nur eine beständige, ewige Kultur, die christliche; die anderen Kulturen, mit denen die Christen in vorläufigen Kontakt kommen, sind selbst vorläufig“.

Dominik Burkard, Professor für Kirchengeschichte in Würzburg, behandelt „Konfessionsspezifische Rezeptionskulturen? Zur frühneuzeitlichen Aneignung von Augustins ,De civitate dei‘“ und geht dabei auf Luther – die Frage der Zwei-Reiche- oder Zwei-Regimenten-Lehre –, auf den Pietismus – hier Burkards Deutung des Bildes „Der breite und der schmale Weg“ von Charlotte Reihlen (1805–1868), das er nicht nur von Matthäus 7, 13f., Lukas 13, 24 herleitet, sondern auch mit Augustins „De civitate dei“ in Verbindung bringt – und auf die „Rezeption Augustins im Katholizismus“ ein. Doch blendet er dabei den Jansenismus und Cornelius Jansenius den Jüngeren (1585–1638) mit seinem Werk „Augustinus“ von 1640 aus, obwohl er als Herausgeber des Tagungsbandes „Der Jansenismus – eine ,katholische Häresie‘? Das Ringen um Gnade, Rechtfertigung und die Autorität Augustins in der frühen Neuzeit“ von 2014 auch als Jansenismusforscher bekannt ist. Stattdessen stellt er, ausgehend von der Wahl des „Königs des Carnevals“ im römischen Germanicum schon im 16. Jahrhundert, hochinteressante Beobachtungen zu den Faschingsbräuchen mit ihren ephemeren „Narrenreichen“ an, in denen er „Ausdruck und Inszenierung des augustinischen Zwei-Staaten-Modells“ – das Reich des Karnevalsprinzen als „civitas terrena“ – sieht, wobei er das Gemälde Pieter Bruegels des Älteren, „Der Kampf zwischen Fasching und Fasten“, als „die vielleicht großartigste Darstellung der augustinischen Idee von den zwei Reichen“ bezeichnet.

Der Band enthält kein Personenregister, so dass sich nicht nachprüfen lässt, ob in einem der Beiträge einschließlich derer, die hier nicht erwähnt werden können, den Namen des Schweizer Historikers Jacob Burckhardt (1818–1897) überlesen wurde. Es wäre von hohem Interesse, Burckhardts Werk „Die Zeit Constantins des Großen“ von 1853 einzubeziehen, in dem es um den Kulturkonflikt zwischen paganer oder heidnischer Antike und Christentum geht.

Kampf oder Dialog? Begegnung von Kulturen im Horizont von Augustins „De civitate dei“. Internationales Symposion. Institutum Patristicum Augustinianum, Rom, 25.–29. September 2012. Hrsg. von Christof Müller in Zusammenarbeit mit Robert Dodaro und Allan D. Fitzgerald. (Cassiciacum. Forschungen über Augustinus und den Augustinerorden, Bd. 39 = Res et Signa, Bd. 11) Augustinus-Verlag bei echter, Würzburg 2015, 583 Seiten, ISBN 978-3-429-04188-5, EUR 48,–

Quelle: © ‹Die Tagespost – Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur› vom 27.07.2017, S. 6

Wir danken der Redaktion der Tagespost und ihrem Verlag J.W. Naumann für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.

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www.die-tagespost.de

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