ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Predigten aus neuerer Zeit, die sich augustinischer Gedanken bedienen.

Das Zentrum für Augustinus-Forschung in Würzburg verfolgt und registriert die Aktualität Augustins in möglichst allen einschlägigen Sparten der Wissenschaften unserer Zeit. Am Gespräch mit dem Kirchenvater aus dem 4. und 5. Jahrhundert sind nicht nur Theologen und Philosophen, Historiker und Soziologen, Psychologen und Linguisten – um nur einige Zweige der Wissenschaften zu nennen – interessiert, sondern sogar die Naturwissenschaften. Es versteht sich von selbst, dass Augustinus der kirchlichen Pastoral ebenfalls immer noch nachhaltige Impulse zu geben vermag.

Der ehemalige Professor der Rhetorik war ein hinreißender Prediger. Sogar aus Übersee strömten Gläubige herbei, um ihn zu hören. In der Verkündigung ging es ihm so gut wie ausschließlich um die Inhalte der christlichen Offenbarung. Er wusste nur zu gut, dass er die Fundamente des Glaubens den breiten Schichten des Kirchenvolkes vorzüglich in den Predigten seiner Gottesdienste vermitteln konnte. Dabei klammerte er aktuelle Probleme der Gesellschaft nicht aus. Christen sollten z.B. wissen, was sie bei Katastrophen auf Fragen nach ihrem Gott der Liebe zu antworten haben, reicht ihnen doch die Bibel ein ganzes Arsenal von Argumentationsmustern dazu.

Predigt beim Treffen der „Abituria Münnerstadt 1949“

am 29.06.2003 in Weissenburg

Eine Predigt über die Eucharistie bei Augustinus anlässlich der Enzyklika von Johannes Paul II. "Ecclesia de eucharistia - Die Kirche gründet in er Eucharistie"

Cornelius Petrus Mayer OSA

 

Vorspann

Natürlich machte ich mir über das Thema der Predigt zu unserem gemeinsamen Gottesdienst Gedanken. Manches wäre da naheliegend: unser fortschreitendes Alter etwa, und damit zusammenhängend die Frage: Wohin gehen wir? Der kulturelle Wandel etwa, der an uns selbst nicht spurlos vorüberging, tangiert er nicht auch unser Selbstverständnis als Christen? Vielleicht doch die Ökumene, die uns schon immer ein Anliegen ersten Ranges war. Soll sie an der Feier der Eucharistie stagnieren, gar scheitern?

Wie Ihr wisst, stand sie, die Feier der Eucharistie, im Mittelpunkt der Diskussion auf dem diesjährigen ersten gemeinsamen Kirchentag in Berlin. Sie fand dort nicht statt, obgleich zahlreiche Teilnehmer sich danach sehnten.

Ich denke, die Ökumene gehört mit zum integrierenden Bestand unserer Klassengemeinschaft. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grunde haben wir es uns nie versagt, die Eucharistie bei allen unseren Zusammenkünften zu feiern. Was liegt da näher, als sie selbst einmal thematisch zu machen?

Ich möchte deshalb unseren Wortgottesdienst auf die Lesung aus dem 11. Kapitel des Ersten Korintherbriefes, dem ersten schriftlichen Dokument über die Feier der Eucharistie in der frühen Kirche, beschränken und in der Predigt eine Deutung vornehmen, die uns leider fremd geworden ist, die aber immerhin die des hl. Augustinus war. Gerade für die Ökumene mag sie wegweisend sein.

In den Texten und Liedern und selbstverständlich auch in der Predigt soll sie zur Sprache kommen.

 

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther

Schwestern und Brüder!

Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe:

Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch.

Tut dies zu meinem Gedächtnis!

Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut.

Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Wort des lebendigen Gottes – Dank sei Gott.

Predigt

Papst Johannes Paul II. hat, wie Ihr wisst, zu den diesjährigen Kartagen eine Enzyklika über die Eucharistie veröffentlicht. Man mag über das darin Gesagte unterschiedlicher Meinung sein, eines wird man ihrem Verfasser nicht in Abrede stellen können: die Sorge um die zentrale und fundamentale Bedeutung der Eucharistie für unser Christsein.

«Ecclesia de eucharistia – Die Kirche lebt aus der Eucharistie», so lautet die Überschrift dieses Lehrschreibens, und schon sie, die Überschrift, ist ein Programm – nicht einfach ein Programm unter anderen auch, sondern das Programm des Christseins schlechthin.

Seit der Neuordnung der Liturgie rufen die das Abendmahl Christi Feiernden: «Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit», und dieser Ruf ist gleichsam eine nochmalige Verdichtung des Credos, des Glaubensbekenntnisses der Kirche.

Aus diesem Grunde hat die Kirche gerade dieses Sakrament von Anfang an mit viel Ehrerbietung und Ehrerweisung ausgestattet und vor jeglicher Profanierung zu schützen gesucht.

Jahrhunderte lang waren nicht einmal Katechumenen, geschweige denn Ungläubige, zur Feier der Eucharistie zugelassen. Selbst in Predigten sprach man nicht gern darüber. Der hl. Augustinus z.B. erwähnt sie oft nur mit der Andeutung: «norunt fideles – die Gläubigen wissen schon, was gemeint ist».

Allerdings – und dies ist für die frühe Kirche wieder kennzeichnend –, die Identifizierung der eucharistischen Gaben von Brot und Wein mit dem ‹Leib Christi› gehörte mit zum Kern der christlichen Unterweisung.

Was aber ist unter ‹Leib Christi› in bezug auf die Eucharistie zu verstehen? Das ist die entscheidende Frage, um die es stets ging.

Das älteste Dokument, das wir über die Feier der Eucharistie besitzen, ist, wie schon erwähnt, der Erste Korintherbrief. Der Apostels Paulus kommt darin auf Missstände beim eucharistischen Mahl zu sprechen und in diesem Kontext schrieb er die Sätze, die wir soeben als Verkündigungstext vernommen haben.

In diesen Sätzen spürt man bereits die liturgische Diktion, die feierliche Sprache der Verkündigung. Jedes Wort ist von Bedeutung. Da ist nicht von irgendeinem Menschen Jesus die Rede, sondern von Jesus, den Paulus den ‹Herrn› nennt. Über diesen Jesus gab es bereits zur Zeit des Apostels Paulus Hymnen, die in der Gemeinde zum Lobpreis eben des Herrenseins Jesu in einem ausschließlichen Sinn gesungen worden sind, wie jener aus dem Philipperbrief überlieferte, wonach Jesus Gott war, aber nicht daran festhielt, «Gott gleich zu sein, ... sondern sich erniedrigte ... bis zum Tod am Kreuz. Darum», so fährt jener Hymnus fort, «hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der jeden Namen übertrifft, damit vor dem Namen Jesu alle Mächte im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen, und jede Zunge bekennt, Herr ist Jesus Christus zur Ehre Gottes des Vaters» (Phil 2,5-11).

Wie dies der Text unserer Lesung ebenfalls andeutet, zielen die eucharistischen Gaben auf den für uns hingegebenen Herrenleib hin. Dies bezeugen auch die Synoptischen Evangelien, die in ihrem Bericht über das Letzte Abendmahl Jesu Worte so wiedergeben, dass dieser die seinen Jüngern gereichte Speise und auch den Trank auf seinen bevorstehenden Tod bezogen wissen wollte. Das Brot wird als ‹Leib dahingegeben›; der Wein wird als ‹Blut für viele vergossen› und Matthäus fügt hinzu: «zur Vergebung der Sünden» (Mt 26,26-28; Mk 14,22-24; Lk 22,19-20).

Die eucharistische Feier ist somit ein ‹Gedenken› im Vollzug des Opfers Christi – nicht in dem Sinn, als würde Christus aufs Neue gekreuzigt, sondern im Sinne der Fortdauer seiner Hingabe, durch die er das Werk der Erlösung ein für allemal vollbracht hatte. Darum fügt der Apostel Paulus seinem Bericht über die ‹Einsetzung der Eucharistie› hinzu: «... sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt» (1 Kor 11,26).

Indes, der Apostel Paulus lässt es bei dieser strikten Deutung der eucharistischen Elemente von Brot und Wein auf Christus, unseren Erlöser hin, nicht bewenden. Offensichtlich versteht er unter dem ‹Leib Christi› nicht nur den Mensch gewordenen Gottessohn, sondern auch die Kirche. Schon im nächsten Kapitel des gleichen Briefes an die Korinther verdeutlicht er diesen Sachverhalt, indem er schreibt: «Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus» (1 Kor 12,12).

Diese Sicht vom ‹Leib Christi› bezieht der Apostel sodann einige Sätze weiter auch auf die Eucharistie. «Ist der Kelch des Segens ... nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?», fragt er vielsagend, und er beantwortet diese für ihn offensichtlich wichtige Frage mit dem Bekenntnis: «Ein Brot ist es» und er fährt fort: «Darum sind wir viele ein Leib; denn (!) wir alle haben teil an dem einen Brot» (1 Kor 10,16f.).

Leider ist diese im Neuen Testament so ungemein klar verbriefte Sicht der Eucharistie innerhalb der Christenheit im Verlauf der Jahrhunderte ins Hintertreffen geraten, um nicht zu sagen, weithin verloren gegangen. Aber die erwähnte Enzyklika geht unter anderem in Kürze auch darauf ein, und es wäre wünschenswert, wenn es der Christenheit gelänge, sie wieder zu verlebendigen.

Der hl. Augustinus, auf den sich Johannes Paul II. in seinem Schreiben ausdrücklich beruft, hat sich diese paulinische Sicht der Eucharistie sozusagen ausschließlich zu eigen gemacht. Das Sakrament der Eucharistie bildete nicht selten das Kernthema seiner Osterpredigt. Versetzen wir uns im Geiste in seine Basilika.

Staunend werden die Neugetauften den Verlauf der Feier, an der sie am Ostermorgen zum ersten Mal teilnehmen durften, das Kernmysterium ihres Glaubens, erlebt haben. Zum ersten Mal hörten sie das Hochgebet mit den Einsetzungsworten über Brot und Wein; zum ersten Mal sprachen sie das Amen am Ende des Kanons; zum ersten Mal empfingen sie das eucharistische Brot und tranken aus dem Kelch den eucharistischen Wein.

Nach der Entlassung derer, die in der Osternacht noch nicht getauft werden wollten, und nach der Bereitung der Gaben, die nun sichtbar auf dem Altar lagen, hielt der Bischof diese berühmten Predigten über die Eucharistie, von denen uns noch einige überliefert sind. Ihr Tenor ist nüchtern. Sie deuten die Riten und die Erklärungen kreisen nahezu immer um den Satz aus dem Ersten Korintherbrief: «Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot».

Dabei hatte der predigende Augustinus nicht nur die Kirche von Hippo, deren Bischof er war, im Blick. Nein, die Eucharistie ist Sakrament der ganzen weltumspannenden Kirche. «So viele Brote heute auch auf den Altären Christi über den ganzen Erdkreis hin gelegen sein mögen, es ist ein einziges Brot», heißt es in einer dieser Predigten (Sermo Guelferbitanus 7,1).

Daraufhin entfaltete er seine Lieblingsidee vom Einswerden aller Glieder am Leibe Christi. «Dieses Brot ist Christi Leib. Von ihm sagt der Apostel im Blick auf die Kirche: ‹Ihr aber seid Christi Leib und Glieder›. Was ihr empfangt, seid ihr selbst, dank der Gnade, durch die ihr erlöst seid. Ihr gebt eure Unterschrift, wenn ihr mit dem Amen antwortet. Was ihr also seht, ist das Sakrament der Einheit» (ebd.).

Mit einfachen Worte, aber höchst anschaulich fährt er dann fort: «Was der Apostel in Kürze bereits andeutete, das betrachtet genauer und seht, wie dies geschieht. Wie kommt Brot zustande? Es wird gedroschen, es wird zermalmt, es wird in Wasser eingemengt, ehe es zum Backen kommt» (ebd. 7,2).

Der Prediger überträgt dann das vom Brotwerden Gesagte auf die Neugetauften. Ihnen ist Ähnliches widerfahren. Denn dem Gedroschen- und Zermalmtwerden entsprächen die während des Katechumenats empfangenen Exorzismen und die Bemühungen um die Umkehr zu einer christlichen Lebensführung; dem Wasser entspreche die Taufe und dem Backvorgang das Bestehen der leidvollen Versuchungen dieser Welt.

Das vom eucharistischen Brot Gesagte gilt auch vom eucharistischen Wein. Die vielen Beeren werden erst durch Pressen zu Wein. Stets ist es die aus der Vielheit gewonnene Einheit, auf die es dem Bischof ankommt.

In einer dieser Predigten prägte er den in bezug auf die Eucharistie auch rhetorisch vollendeten Satz, mit dem ich diese Predigt beschließen will. «Estote quod videtis et accipete quod estis – Seid, was ihr seht, und empfanget, was ihr seid!» (Sermo 272).

In der Sicht Augustins wäre es also gewiss eine Verkürzung, wenn wir in der Eucharistie nur den verklärten Leib Christi und nicht auch die Glieder seines Leibes, die Christen sehen würden. Es wäre ebenfalls eine Verkürzung, wenn wir darin nur uns selbst, die ein Gedächtnismahl, ein religiöses Happening, Feiernden erblicken wollten. Beides gehört zur Eucharistie, der Christus und die Christen. Nur so gilt der Imperativ: «Seid, was ihr seht, und empfanget, was ihr seid!» Amen.

Ansprache im Konvent St. Augustin in Würzburg

am 04.09.2001

Die Erklärung der Glaubenskongregation "Dominus Iesus" im Lichte der Theologie des hl. Augustinus

Cornelius Petrus Mayer OSA

Liebe Mitbrüder!

Am 6. August vor einem Jahr veröffentlichte die Kongregation für die Glaubenslehre die Erklärung Dominus Jesus. Über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche, die das Gemüt vieler Christen bewegte und erregte. Ich hatte dann am 10. Oktober hier dieses Thema aufgegriffen und dazu bemerkt, die dezidierten Aussagen über die Kirchlichkeit der katholischen Kirche und über die Mängel dieser Kirchlichkeit bei den von ihr getrennten christlichen Gemeinschaften habe nicht wenige, in der Ökumene engagierte Gläubige aufgeschreckt. Dennoch war ich der Meinung, Dominus Jesus sei eine längst fällige Erklärung gewesen, weil sie nicht nur die Katholiken, sondern die Christen alle wieder an jene Glaubenswahrheit erinnerte, mit der das Christentum steht und fällt.

Mit dem Bekenntnis Dominus Jesus steht und fällt indes auch die Ökumene, denn eine christliche Kirche, welch weiterer Benennung auch immer, ist eine solche nur kraft ihrer Verbindung zum Herrn, den sie verkündigt. Gewiss leitet die Erklärung Dominus Jesus von der Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu zugleich auch die der Kirche ab, und zwar die der Katholischen. Dennoch spricht sie ausdrücklich und nachdrücklich von Kirchen, von ‹echten Teilkirchen› und allerdings abschwächend von ‹kirchlichen Gemeinschaften›. Sie alle sind, «trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet» (7).

Ich will hier abermals nicht auf die Differenzen in der Ökumene eingehen, wohl aber auf das aller Ökumene zugrunde liegende Gemeinsame, und dies ist nach wie vor das Bekenntnis aller Christen zu Jesus, dem Herrn.

Dominus Jesus, so habe ich im vergangenen Jahr gesagt, war in der frühen Christenheit ein Fanal, ein Aufmerksamkeit erregendes Zeichen, das eine Veränderung, einen Aufbruch ankündigte. Mit solchem Fanal auf den Lippen mag Paulus zur Mission aufgebrochen sein. Wenn ich mich nicht täusche, bewirkte die Erklärung trotzt der fortschreitenden Säkularisation der Gesellschaft in der Welt von heute, zwar nicht bei allen Christen, wohl aber bei Christen in allen Kirchen eine bewusste, eine gezielte Hinwendung zur Mitte des Evangeliums.

Die Erklärung beklagte den zunehmenden Relativismus unter den Christen und sie wandte sich zurecht dagegen. Es steht zu vermuten, je intensiver der einzelne Christ bzw. die einzelne Christin sich wieder dieser Mitte des Evangeliums zuwendet, umso schärfer wird er oder sie die Unangemessenheit alles Relativen in dieser Mitte erkennen. Von ihr her aber gilt es die Ökumene ins Auge zu fassen, nur auf diese Weise kann und wird uns ihre angemessene Verwirklichung gelingen. Darauf sollten auch wir Katholiken bedacht sein.

In der Erklärung Dominus Jesus wird das Dekret Unitatis redintegratio - Die Wiederherstellung der Einheit, das offizielle Dokument des Zweiten Vatikanums über die Ökumene, des öfteren zitiert. Darin ist der Artikel 11 mit 3 Abschnitten gerade für uns Katholiken von denkbar großer Bedeutung. Während der erste Abschnitt vor einem verwaschenen und verschwommenen Irenismus, also vor einem Friede um jeden Preis, warnt, verlangt der zweite eine verständliche Sprache aller am ökumenischen Gespräch Beteiligten - also nicht nur der Theologen, der Katecheten und der Prediger. Von fundamentaler Wichtigkeit ist der dritte Abschnitt: «Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, das es eine Rangordnung oder ‹Hierarchie› der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhanges mit dem Fundament des christlichen Glaubens».

Aus den Protokollen des Konzils geht hervor, dass um diesen Satz, der kennzeichnenderweise erst bei der Schlussredaktion des Dekretes als die gewichtigste von allen vorgenommenen Änderungen und Beifügungen in den Text mitaufgenommen wurde, in der Aula heftig gerungen wurde. Kennzeichnenderweise wurde gerade er von nichtkatholischer Seite am meisten beachtet und mit großer Genugtuung zur Kenntnis genommen. Wen wundert dies?

Wir Älteren wissen noch zu gut, bis zu welchem Grade zweit- und drittrangige Glaubenssätze das Bild der katholischen Kirche in den Augen der nichtkatholischen Christen prägten. Wohlgemerkt, nicht deren Vorhandensein im Katholizismus war das Beklagenswerte - ich werde gleich darauf noch zurückkommen -, sondern ihre nach außen wirkende scheinbare Vorrangigkeit bei der Wahrnehmung des für den Katholizismus Typischen. Man konnte von außen nicht selten den Eindruck gewinnen, in der katholischen Kirche stünden alle Glaubenswahrheiten auf gleicher Stufe und es gebe keine Rangordnung unter ihnen. Eine erhellende Passage aus dem Kommentar zum zitierten Satz aus dem Lexikon für Theologie und Kirche möge dies illustrieren:

«Man wird sich nicht darüber wundern, dass es den Nichtkatholiken schwer wird, in der katholischen Kirche die Mitte ... in Lehre und Praxis gewahrt zu sehen, wenn etwa das Gebet zu den Heiligen die Anrufung Gottes durch Christus überwuchert oder wenn die mariologische Literatur immer mehr anwächst und ganze Bibliotheken füllt, während die christologischen und soteriologischen Fragen vernachlässigt werden. Die Bemerkung des Weihbischofs St. A. Leven von San Antonio (USA) in einer Konzilsrede mochte eine rhetorische Übertreibung sein: ‹Es gibt nämlich Väter, die reden, als ob der einzige Text in der Heiligen Schrift Vers 18 aus dem 16. Kapitel des Matthäus-Evangeliums wäre: «Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen», aber sie weist auf eine Gewichtsverschiebung hin, die es innerhalb der katholischen Kirche gibt und die das Urteil der nichtkatholischen Christen über die katholische Kirche und ihre Lehre entscheidend mitbestimmt›»[1].

Es gehörte jedoch schon immer zur herrschenden Praxis der katholischen Kirche, ins Credo, also ins offizielle Glaubenbekenntnis, nur die inhaltlich bedeutsamsten Wahrheiten der Offenbarung mit aufzunehmen. Um es zu konkretisieren: der Lehre vom Ablass kommt nicht der Rang von der Trinitätslehre zu und der Lehre von den Ämtern in der Kirche nicht der Rang von Christi Menschwerdung und Erlösungswerk. Auf dass ich nicht missverstanden werde: Der Konzilstext von der Rangordnung der Wahrheiten will nicht einer Vernachlässigung zweit- oder drittrangiger Glaubenswahrheiten das Wort reden, wohl aber will er dazu ermuntern, dass wir stets bedenken, welcher Stellenwert diesen für unser Heil zukommt.

Die jüngere Theologie vergleicht die Fülle der einzelnen Glaubenswahrheiten lieber mit einem Kreis als mit einem Gebäude - weshalb man früher mit Vorliebe vom ‹Glaubensgebäude› sprach. Der gegenwärtig bevorzugte Vergleich hat den Vorteil, dass er all die unterschiedlichen Glaubenswahrheiten gleich konzentrischen Kreisen von ihrer Stellung zur Mitte hin bzw. von der gemeinsamen Mitte her zu verdeutlichen vermag. Das Kriterium über die einzelnen Glaubenswahrheiten ruht nicht in diesen selbst, sondern einzig und allein in ihrer Beziehung zur Mitte, und diese Mitte ist das Mysterium Christi, das seinerseits im Mysterium der Trinität gründet.

Ich will das Gesagte an unserem heutigen Fest veranschaulichen. Wir feiern Maria, Mutter vom Trost. Die beiden Kurzlesungen unseres Offiziums, sowohl jene der Laudes aus Gal 4 über ‹die Fülle der Zeit› als Datum der Menschwerdung des Sohnes Gottes wie die soeben vernommene aus Röm 15 künden von Christi Heilwerk. Infolge dieses seines Heilswerkes werden wir ‹mit der Geduld› und ‹mit dem Trost› Gottes beschenkt - beschenkt aber deshalb, «damit» wir «Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde» preisen.

Geradezu mustergültig ist somit die Kirche in ihrer Liturgie darauf bedacht, dass in den Festen ihrer Heiligen primär Gott gerühmt und gepriesen werde, und zwar stets aufgrund seines Heilswerkes an Jesus Christus, unserem Herrn. Vielsagend heißt es darum auch in der Präfation von den Heiligen: «Die Schar der Heiligen verkündet deine Größe, denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade» - ein Satz übrigens, der nahezu wörtlich im Schrifttum des heiligen Augustinus zu finden ist.

Kommen wir auf das Bild des Kreises zurück, so sehen wir unschwer, dass die sogenannten zweit- und drittrangigen Glaubenswahrheiten keineswegs Zeichen der Dekadenz, des Verfalls und der Entartung der offenbarten christlichen Glaubenssubstanz und infolgedessen auch kein Hindernis der Ökumene sein müssen. Sie sind dies zweifelsohne dann, wenn man sie von ihrer Mitte, dem Mysterium der Heilsveranstaltung Gottes, loslöst und sie isoliert feiert. Sie gehören aber dann, weil ihnen der Bezug zur Mitte fehlt - um im Bilde zu bleiben -, auch nicht mehr zum Kreis. Bleibt dieser Bezug gewahrt, so bezeugen sie zusammen mit der Mitte das Ganze, den Reichtum, die Fülle, das Katholische, was das Wort ‹katholisch› bekanntlich von Haus aus bedeutet.

Ich komme zum Schluss. Der Artikel 11 des Ökumenismusdekrets ermahnt uns ‹zu einem brüderlichen Wettbewerb auf dem Weg zur Ökumene› und ‹zu einer tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi›. Daraus folgt aber, im Dialog mit den Gläubigen in der Ökumene genügt es nicht, die Glaubenswahrheiten unserer eigenen Kirche einfach quantitativ aneinander zu reihen. Es wird von uns mehr gefordert, nämlich die Wahrheiten unseres Glaubens in ihrer Gewichtigkeit zu kennen. Diese bemisst sich, wie dargelegt, nach dem Zusammenhang mit der Offenbarung des Mysteriums Christi.

Noch eine kurze Bemerkung: Wir deutsche Augustiner waren im vergangenen Jahrhundert in der Ökumene vielfältig engagiert, wir sind dies heute noch durch das Ostkirchliche Institut. Dennoch sollten wir uns - nicht zuletzt auch im Blick auf Martin Luther, der zu uns gehörte - für die Ökumene interessieren und engagieren - engagieren durch gründliche Kenntnis des Glaubens sowie durch kompetentes Reden.

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[1] J. Feiner, Das Zweite Vatikanische Konzil. Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen (lateinisch und deutsch), Kommentare, Bd. 2, S. 88, Freiburg 1967.

28. August Gedenktag

Augustinus

Bischof, Kirchenlehrer

[...]

Auf einem Fresko aus dem 6. Jahrhundert im Lateran rühmt ein lateinischer Vers den hl. Augustinus als den größten unter den Kirchenvätern. Dem Vers zufolge hätten zwar von den Vätern der eine dies, der andere jenes gelehrt; allein Augustinus habe das Ganze der Offenbarung zur Sprache gebracht. Trotzdem war dieser Heilige eher Seelsorger als ein Gelehrter. Eines der lesenswertesten Bücher, die es über ihn gibt, trägt nicht umsonst den Titel: „Augustinus der Seelsorger“ (F. van der Meer, Köln 31958).

Augustinus, Sohn des Heiden Patricius und der Christin Monika, wurde 354 in Tagaste (Tunesien) geboren. Seine Irrwege und seine Bekehrung zum Christentum 386 in Mailand erzählt er unter dem Leitmotiv der Parabel vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32) in den Weltliteratur gewordenen „Bekenntnissen“, in denen er zugleich Gottes Erbarmen am Menschen preist. Sein ganzes Denken kreist fortan um dieses zentrale Thema. Nach seiner Taufe kehrte er in seine Heimatstadt zurück, wo er in klösterlicher Umgebung zunächst das Leben eines Gelehrten führte. Schon damals begann er sich mehr und mehr dem Studium der hl. Schrift zu widmen, über die er „Tag und Nacht“ (Ps 1, 2) meditierte und die er auch seinem literarischen Schaffen zugrunde legte. Dabei kam ihm seine umfassende Bildung zugute. 391 wurde er jedoch Priester und etwa vier Jahre später Bischof der Hafenstadt Hippo. Die Seelsorge nahm ihn nunmehr voll in Anspruch. Und dennoch, als er im Alter von 76 Jahren starb, hinterließ er ein immenses schriftstellerisches Werk, in dem er den Glauben der Kirche verteidigte und vertiefte. (Literaturhinweis: Augustinus-Lexikon, Basel/Stuttgart 1986 ff.)

2. Persönlicher Zugang zum Gedenktag

Bei Augustinus verhalten sich Orthodoxie und Orthopraxie zueinander wie die beiden Seiten einer Münze. Statt Orthodoxie sprach er allerdings lieber von der Wahrheit und statt Orthopraxie von der Liebe, wobei er die Wahrheit mit dem Christus des Evangeliums, die Liebe hingegen mit dem an der Person eben dieses Christus in Erscheinung tretenden Heilshandeln Gottes an uns Menschen identifizierte. Christus, so wurde er nicht müde zu betonen, ist nicht nur ein von Gott gesandter Weiser oder Prophet - das ist zu wenig und nicht der Glaube der Kirche -, Christus ist vielmehr der Gottmensch, d. h. der „eine Mittler zwischen Gott und den Menschen“ (1 Tim 2,5), von dem die hl. Schrift lehrt, daß durch ihn und auf ihn hin alles geworden ist (Joh 1, 1-3; Kol 1, 16f), der in der Fülle der Zeit Mensch wurde (Gal 4, 4; Joh 1, 14), um den Menschen zu erlösen. Christus ist somit unser Schöpfer und unser Erlöser, und er ist deshalb unser Erlöser, weil er auch unser Schöpfer ist. Christus ist somit die schon im Neuen Testament personalisierte Wahrheit des Glaubens (Joh 14, 6), mit welcher der Glaubende nicht nur die einzelnen Glaubenswahrheiten, sondern alles Wahre, das er bereits in diesem Leben wahrnimmt, in Verbindung bringt. Im Erlösungswerk Christi manifestiert sich zugleich die Liebe; denn diese wurde uns dadurch geoffenbart, „daß Gott seinen einzigen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch ihn leben“ (1 Joh 4, 9).

Mit seinen Bemühungen, die Wahrheit und die Liebe im dargelegten Sinn als die Mitte des christlichen Glaubens zu verdeutlichen, erwies der hl. Augustinus sich als ein zuverlässiger Wegweiser, dem darin zu folgen die Kirche ihren Gläubigen auch heute noch ans Herz legt.

3. Hinweise zu den Schrifttexten (1 Joh 4, 7-16; Mt 23, 8-12)

Sinnigerweise wählt die Liturgie als Lesung eine Perikope aus dem ersten Johannesbrief (4, 7-16), in welcher der neutestamentliche Verfasser dieses Briefes das Wesen der aller menschlichen Liebe vorgegebenen Schöpfer- und Erlöserliebe Gottes entfaltet. Christliche „caritas“ - auch als Tugendübung - hat die Annahme dieser Schöpfer- und Erlöserliebe Christi zur Voraussetzung. Nicht weniger treffend ist im Blick auf das christologisch fundierte und auf das personalisierte Wahrheitsverständnis die Wahl der Evangelienperikope aus dem Matthäusevangelium (23, 8-12). Sie formuliert den Absolutheitsanspruch der Lehre des Evangeliums sowie die daraus sich ergebende Struktur der christlichen Gemeinde. Bündig faßt der Kommunionvers den Kern der Frohbotschaft zusammen und gestaltet sie zusammen mit dem Zwischengesang zum Leitthema der gottesdienstlichen Feier: „Nur einer ist euer Lehrer: Christus. Ihr alle aber seid Brüder.“

4. Homiletische Vorüberlegungen

Das Thema der Predigt, der Christusbezug von Wahrheit und Liebe, ist durch die Textauswahl des Wortgottesdienstes vorgegeben. Der biblischen Offenbarung Rechnung tragend, ist durchaus im Sinne Augustins nicht nur zwischen dem Glauben als Summe der geoffenbarten Wahrheiten (fides quae) und dem Glauben als Vertrauen (fides qua) zu unterscheiden, sondern zugleich auch daran festzuhalten, daß für das christliche Existenzverständnis einer der genannten Aspekte allein nicht genügt. Denn nur jener Glaube führt zum Heil, der sich Gott anheimgibt (Röm 4, 3) und der sich in der Liebe auswirkt (Gal 5, 6). Die Wahrheit, die der Christ aus dem Glauben an Christi Heilswerk kennt, und die Liebe, zu welcher derselbe Glaube ihn anhält, bedingen sich gegenseitig. Christliche Verkündigung hat nach Augustin diese Einsicht stets zur Voraussetzung. Sie zielt auf deren Vermittlung und Vertiefung.

5. Predigtentwurf

„Inmitten der Kirche öffnete der Herr ihm den Mund.“ Mit diesem Bibelvers (Sir 15, 5) beginnt der Wortgottesdienst zum Fest des Kirchenlehrers Augustinus, der wie kaum ein zweiter in der Lage war, den christlichen Glauben auch in seinen Predigten so darzulegen, daß selbst der sogenannte kleine Mann von der Straße es wissen konnte, worauf es da allem voran ankommt. Augustinus war von Beruf Lehrer, Professor der Rhetorik. Er blieb dies auch nach seiner Bekehrung zum Christentum. Tag für Tag saß er auf der Kathedra in seiner Basilika, umringt von den Scharen der Gläubigen, die zumTeil aus fernen Ländern anreisten, um ihn, den gefeierten Theologen und Redner, zu hören. Dennoch war er zutiefst davon überzeugt, daß letzten Endes nicht er lehrte. Keiner hätte dem, was wir im Evangelium gehört haben - wir sollen niemanden einen Lehrer nennen, denn nur einer ist der Lehrer, Christus -, mehr zugestimmt als er. In einer seiner Schriften, der er den vielsagenden Titel „Der Lehrer“ gab, legte er ausführlich dar, daß wir Menschen, wo und wann immer wir Wahres erkennen, dies nur deshalb vermögen, weil wir dazu durch das Licht des Geistes befähigt werden. Diese Befähigung kommt von Christus, dem Prinzip der Schöpfung und Inbegriff allen Wissens.

Nach Augustins Auffassung ist Gegenstand der Lehre das Wahre oder, wie er zu sagen pflegte, die Wahrheit. Er wußte jedoch, wie schillernd, wie vieldeutig die Wahrheit wird, wenn Menschen sich ihrer bemächtigen. Aus diesem Grunde wollte er sie in Gott verankert wissen. Darüber hinaus teilte er die Auffassung, daß uns Menschen, solange wir in dieser Welt leben, der Einblick in das Ganze der Wahrheit versagt bleibt, daß wir dieses, wie schon der Apostel sagte, hier nur wie in einem Spiegel zu schauen vermögen (1 Kor 13,12). Was wir wahrnehmend erkennen, sind stets Teile. Das hinter allem einzelnen verborgene Ganze der Wahrheit zeigt sich uns nur bruchstückhaft. Der Sinn für das Ganze ist uns vorläufig allein im Glauben gegeben.

Zu diesem Ganzen gehören vor allem jene Fragen, die unser Heil betreffen. Gerade unter diesem Aspekt ist Augustins Auffassung von Christus dem Lehrer bedeutsam. Denn auf die Frage, worin denn die Lehre dieses einzigen Lehrers bestehe, erhalten wir die Antwort: im Evangelium. Das Evangelium beschränkt sich jedoch nicht auf sittliche Gebote und Verbote, es bezieht sich allem voran auf Christi Erlösungswerk. Der hl. Augustinus fand es in der Lesung unseres Wortgottesdienstes sozusagen auf den Nenner gebracht: „Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbar, daß Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern darin, daß er uns geliebt hat und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.“ Evangelium meint somit Erlösung, und sie besteht in der Hingabe des Sohnes Gottes als Sühne zu unserem Heil. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“, bekennt die Kirche bei jeder Feier der Eucharistie, und sie bestätigt damit gleichsam Christi Heilswerk als den Kern und die Mitte ihres Glaubens.

Freilich wird mit diesem bekennenden Zuruf zugleich eingestanden, daß der Mensch erlösungsbedürftig ist. Solch Eingeständnis mag uns heute angesichts des Fortschrittes in den Wissenschaften und in der Technik schwerfallen. Das moderne Lebensgefühl suggeriert die selbstgerechte Frage: Haben wir es nicht weit gebracht? Ihre Beantwortung bleibe dahingestellt. Das Heilsverständnis des an Christus Glaubenden übersteigt weltliches Heil. Dies besagt nicht, der Glaubende brauche sich um diese Welt nicht zu kümmern, wohl aber, daß er sein Heil weder von dieser Welt noch in dieser Welt erwartet. Ihm wird das Heil als verheißenes ewiges Leben geschenkt. Das ist die frohe, weil froh machende Botschaft des Evangeliums.

Christ werden und Christ bleiben - dies hat der hl. Augustinus den Lesern seiner Bücher und den Hörern seiner Predigten immer wieder eingeschärft - ist eine durch das Heilswerk Christi vermittelte, unverdiente Gnade. Was Augustinus in seinen Weltliteratur gewordenen „Bekenntnissen“ dem Leser vermittelt, das ist Gottes Heilshandeln am Menschen - mustergültig aufgezeigt an der Bekehrung ihres Verfassers. Christ sein ist mehr als natürliche Gotteserkenntnis und Sittlichkeit. Es hat das Ein- und Zugeständnis der Ohnmacht, das Heil aus eigenem Vermögen wirken zu können, es hat die Demut sowohl auf Seiten des Menschen wie auch auf Seiten Gottes zur Voraussetzung. Freilich, einen den Menschen entgegenkommenden demütigen Gott, den das Evangelium in der Menschwerdung Christi verkündet und den es in der Parabel vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) illustriert, den vermögen viele nicht anzunehmen. Der hl. Augustinus erkannte aber gerade in dieser Parabel, die wie ein Leitfaden seine „Bekenntnisse“ durchzieht, die Geschichte eines jeden Menschen in bezug auf dessen Unheil und Heil. Er erkannte darin das Geschick Adams und aller Adamskinder als ein Wegstreben von Gott und als ein Verweilen in der Fremde. Im Lichte des Evangeliums von Christi Menschwerdung und Erlösungswerk legte er seine als Rückkehr ins Vaterhaus gedeutete Bekehrung so aus, daß dabei die Initiative unmißverständlich Gott allein zukam. Denn während der von seinem Schöpfer getrennte Sünder in der Fremde umherirrte, blieb Gott als Schöpfer und Erlöser, der Liebe ist (1 Joh 4,8), sozusagen sich selbst treu. Er gab den Entfremdeten, den Sünder, nicht auf. Im Gegenteil, er unternahm das Äußerste zu dessen Rettung: Er gab den Sohn dahin, um den Knecht zu erlösen (Exsultet).

Christliches Verständnis von Wahrheit und Liebe resultiert somit aus dem Glauben an Christi Person und Werk. Darum heißt es auch in unserer Lesung: „Wir haben die Liebe erkannt und an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat.“ Der hl. Augustinus wurde nicht zuletzt deshalb zum bedeutendsten der Kirchenväter, weil er sein im Dienste der Verkündigung stehendes theologisches Denken konsequent auf diese in der biblischen Offenbarung grundgelegte Mitte hin ausrichtete. An seinem Gedenktag bittet die Kirche zu Recht Gott, er möge in ihr aufs neue jenen Geist erwecken, mit dem er den heiligen Bischof erfüllt hat.

Cornelius Mayer

Entnommen:
Franz Josef Stendebach / Klaus Roos (Hg.): Predigthilfen zu den Festen und zu ausgewählten Gedenktagen des Kirchenjahrs. Persönlicher Zugang – Hinweise zum Festtag – Exegese – Predigtentwürfe. Mainz 1992, Seiten 214-218.

 

28. August – Fest des Hl. Augustinus
Von P. Karl Rahner SJ

Am 28. August feiert die heilige Kirche das Fest des hl. Augustinus. Sie erinnert uns an einen Mann, dessen geistiger Einfluß aus der Geistesgeschichte des Abendlandes nicht weggedacht werden kann, sie weist uns aber besonders auch auf das Vorbild eines Heiligen hin, das uns immer aufs neue zur Nachahmung anspornen soll.

Unruhig – das ist das erste Wort, das uns dieses Leben sagt –, unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Gott. „Haltlos verzettelte ich mich, und abgekehrt von Dir, dem Einen, verlor ich mich an die Vielheit“, so hat Augustin später selbst die Bilanz seiner dreiunddreißig ersten Lebensjahre aufgestellt, die Bilanz seiner Jugend und der ersten Mannesjahre, der Jahre der Sünde und des Irrtums, zu Hause im numidischen Thagaste, auf der Schule in Madaura und im großstädtischen Karthago, als Rhetorikprofessor in Thagaste und Karthago, in Rom und Mailand. Überall suchte er die Ruhe seines unruhigen Herzens, suchte sie im Genuß des Lebens, in „modernen“ Religionen in den Philosophemen der Tagesmode, im ehrgeizigen Streben des Gelehrten. Mit dreiunddreißig Jahren hat er es gelernt auf Irrwegen und durch viele bittere Erfahrungen: unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Gott. Nur in ihm kommt unser Herz zur Ruhe. Er, die Wahrheit und die Güte und Schönheit selbst, muß der Mittelpunkt unseres Herzens sein, er das Licht des Geistes, er die Kraft unseres sittlichen Wollens, er der Trost unseres Herzens. Nur wer sich im Dienst Gottes, und sein Schicksal in der Hand des Ewigen weiß, nur wer sich dem heiligen Gott in Liebe restlos übergibt, nur wer weiß, daß alle Straßen unseres Lebens uns vor sein Antlitz führen müssen, nur wer an ihn glaubt, auf ihn hofft, ihn liebt, nur der wird ruhig, der allein hat in seiner Seele ewigen Grund und letzte Sicherheit.

Ziehet an den Herrn Jesus Christus“, das ist das zweite Wort, das uns Augustins Leben sagen will. Es ist ja das Wort, das den letzten Anstoß zu seiner Bekehrung gab. Nur in Christus finden wir Gott, niemand kommt zum Vater denn durch ihn. Er nur weiß den Weg, die Wahrheit und das Leben, weil er sie selber ist. Seine Lehre ist Weg und Wahrheit, seine Gnade Leben und Kraft, sein Kreuz die wahre Weisheit. Wir kommen zu Gott, der Ruhe unseres unruhigen Herzens nur durch den menschgewordenen Gott. Nur wenn wir ihm und an ihn glauben, ihn aus ganzem Herzen lieben, durch die Gnade mit ihm verbunden sind, seinem geheimnisvollen Leib, der Kirche als lebendige Glieder eingegliedert sind, geheiligt und vergöttlicht durch das Leben des Hauptes, das in den Sakramenten auf uns, seinen Leib überströmt, nur dann sind wir in der Wahrheit und in Gott. So hat es Augustin gelebt und gelehrt: Ziehet an den Herrn Jesus Christus.

Die Liebe Christi drängt uns“, das ist das dritte Wort, das er uns sagen will. Wie ganz anders ist sein Leben geworden, als er es sich selbst gedacht hätte als Neugetaufter. Im trauten Freundeskreis als Mönch wollte er seiner Seele und seinem Gott leben in stiller Beschaulichkeit, „Gott und die Seele und sonst nichts“ hatte er als Neubekehrter zum Motto seines Lebens machen wollen. Aber die Vorsehung hat noch ein Wort dazugeschrieben: „und der Bruder in Christo“. Christi Liebe drängte ihn. Und so hat sein Leben sich ganz für die Mitmenschen verzehrt. In der Liebe Christi überwand er alle Hindernisse seiner Veranlagung, seine schöngeistigen Neigungen, seine gefühlvolle Weichheit, seine empfindsame Besinnlichkeit. Im Dienst des Nächsten konnte er sogar auf sein Liebstes verzichten: auf das stille Forschen des Denkers und auf die ungestörte Gottinnigkeit des Mystikers. So hielt er als Bischof unermüdlich seine Katechesen und Predigten, so ritt er auf die Weinberge und Ölgärten des Kirchengutes, um etwas für die Armen zu haben, so schlichtete er in Geduld die Streitigkeiten seiner Bauern, Händler und Fischer, so schrieb er seine unzähligen Briefe, so sah er in Klöstern und im Klerus nach dem Rechten. Dienst der Liebe war auch seine Schriftstellerei, wenn er schrieb über Natur und Ursprung des Übels und der Sünde, über Christi Gottheit, über die Kirche und ihre Sakramente, die aus Christi Kraft wirksam sind, über die heilige Dreifaltigkeit, über die Gnade, ohne die wir nichts vermögen, über Fragen der Sittenlehre, über den Sinn des Weltgeschehens und der Geschichte. Er, der die Ruhe seines Herzens in Gott suchte, der ihm aufgeleuchtet war im Antlitz Christi, fand ihn, indem er selbstlos nach Christi Beispiel dem Nächsten diente. Die Liebe Christi drängt uns.

Und noch ein viertes Wort sei über das Leben und Sterben des Bischofs von Hippo geschrieben, das Wort des 23. Psalms: „Und wenn ich auch wandelte in Todesschatten, ich will kein Unheil fürchten, weil Du mit mir“. Als Gott dieses Licht im Hause der Kirche auf den Leuchter stellte, da wurde draußen in der Welt die Nacht immer dunkler, und Todesschatten fielen auf den Weg. Seine Heimat war zerrissen durch Kämpfe religiöser, politischer, sozialer Parteien; Rom, das Herz der Welt von Alarich erobert und geplündert, das Reich in unaufhaltsamen Verfall. Als er, ein müder Greis von 75 Jahren, sich 430 zum Sterben niederlegte, da mußte er in seiner belagerten Stadt den Tod erwarten. Und wenn er auf sein Lebenswerk zurückblickte, da konnte er von seinem damaligen menschlichen Gesichtspunkt aus wirklich sein Wort sprechen: nihil sum nisi quod exspecto misericordiam Dei. Nichts mehr bin ich; nur noch eins: Harren auf die Barmherzigkeit Gottes: Seine afrikanische Kirche am Anfang vom Ende, die Parteien der Arianer und Donatisten, die er durch seinen Geist glauben durfte vernichtet zu haben, wieder obenauf, die Welt einer alten Kultur im Versinken, überall dunkle Nacht und irdische Hoffnungslosigkeit. Und oft fragte sich sein gequältes Herz, ob schon das letzte Gericht vor derTüre stände. „Und wenn ich auch wandelte in Todesschatten, ich will nichts fürchten, denn Du bist bei mir“. Augustin zweifelte nicht, er wurde nicht irre an seinem Gott. Das Licht der Ewigkeit leuchtete ihm in das Dunkel seiner Zeit, und die Hoffnung des Glaubens auf den ewigen Sabbat ließ ihn starkmütig ertragen das lastende Dunkel der sechs irdischen Tage von Unglück und Not. Ihm war auch noch der Gott der unbegreiflichen Wege und Gerichte der Gott der Liebe und Barmherzigkeit.

Quelle:
Pater Karl Rahner SJ: Das große Kirchenjahr. Hrsg. von Albert Raffelt, Freiburg im Breisgau: Herder, 4. Aufl. 1992, Seiten 509-512

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Siehe auch die neue Ausgabe: Karl Rahner - Sämtliche Werke

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