ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Predigten aus neuerer Zeit, die sich augustinischer Gedanken bedienen.

Das Zentrum für Augustinus-Forschung in Würzburg verfolgt und registriert die Aktualität Augustins in möglichst allen einschlägigen Sparten der Wissenschaften unserer Zeit. Am Gespräch mit dem Kirchenvater aus dem 4. und 5. Jahrhundert sind nicht nur Theologen und Philosophen, Historiker und Soziologen, Psychologen und Linguisten – um nur einige Zweige der Wissenschaften zu nennen – interessiert, sondern sogar die Naturwissenschaften. Es versteht sich von selbst, dass Augustinus der kirchlichen Pastoral ebenfalls immer noch nachhaltige Impulse zu geben vermag.

Der ehemalige Professor der Rhetorik war ein hinreißender Prediger. Sogar aus Übersee strömten Gläubige herbei, um ihn zu hören. In der Verkündigung ging es ihm so gut wie ausschließlich um die Inhalte der christlichen Offenbarung. Er wusste nur zu gut, dass er die Fundamente des Glaubens den breiten Schichten des Kirchenvolkes vorzüglich in den Predigten seiner Gottesdienste vermitteln konnte. Dabei klammerte er aktuelle Probleme der Gesellschaft nicht aus. Christen sollten z.B. wissen, was sie bei Katastrophen auf Fragen nach ihrem Gott der Liebe zu antworten haben, reicht ihnen doch die Bibel ein ganzes Arsenal von Argumentationsmustern dazu.

750 Jahre Magna Unio

oder:

Warum 750 Jahre doch noch nicht genug sind!

Predigt von Br. Peter Reinl am 28.08.2006 in der Augustinerkirche Würzburg

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

750 Jahre grosse Union, 750 Jahre Augustinerorden, 750 Jahre mal mehr und mal weniger gelungenes Leben und Zusammen-Leben … 750 Jahre … die Frage sei erlaubt: Sind 750 Jahre nicht genug?

Könnten wir Augustiner anlässlich dieses Jubiläums nicht einfach stolz zurückblicken auf eine lange Tradition, in der Menschen standen wie Girolamo Seripando, der federführend das Konzil von Trient beeinflusste, oder auch Martin Luther – ehemals P. Augustinus – der mit Nachdruck und mit Recht einer Predigt der Werkgerechtigkeit seine Überzeugung von der Gnade und vom Erbarmen Gottes entgegenhielt – unter Rückgriff auf Paulus und Augustinus. Sollten wir nicht einfach stolz auf diese beiden oder auch einen Gregor Johann Mendel hinweisen und auf die vielen, die sich in der Vergangenheit bis zum heutigen Tag – so gut es eben ging – für das Reich Gottes engagierten … und die Klosterpforten schliessen? Die Klöster liessen sich wohl ganz gut verkaufen, unsere Älteren könnten Zimmer in Seniorenresidenzen beziehen, die Jüngeren als Priester in den Diözesen oder sonst wo auf dem Arbeitsmarkt ihren Platz finden. 750 Jahre sind doch wirklich genug, oder?

Wir können natürlich auch umgekehrt fragen: Was hindert uns daran, noch heute die Klosterpforten zu schliessen und als Einzelne loszuziehen? Anders: Wem ist damit gedient, dass es uns Augustiner und unseren Orden gibt? Aus welchen Gründen können wir den Wunsch hegen, dass diesen 750 Jahren noch viele weitere folgen?

Im Vierten Buch seiner Bekenntnisse kommt Augustinus darauf zu sprechen, was für ihn Zusammenleben, ja Gemeinschaft bedeutet. Diese Gemeinschaft ist für mich ein wesentlicher – auf den ersten Blick für viele von Ihnen vielleicht egozentrischer – Grund, warum ich gerne möchte, dass es mit uns weitergeht. Hören wir Augustinus, wie er sich Gemeinschaft vorstellt:

Miteinander plaudern und lachen,

sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen;

gemeinsam schöne Bücher lesen,

miteinander scherzen und sich gegenseitig Achtung schenken;

bisweilen Meinungsverschiedenheiten austragen, aber ohne Hass, wie man auch einmal mit sich selber uneins ist;

durch den nur selten vorkommenden Streit die sonst meist bestehende Übereinstimmung würzen;

einander belehren und voneinander lernen;

die Abwesenden schmerzlich vermissen, die Rückkehrenden freudig begrüßen:

durch solche und ähnliche Zeichen, wie sie in Liebe und Gegenliebe aus dem Herzen sich äußern in Kuss, Worten, Blicken und tausend freundlichen Gesten, einander in Bewegung versetzen, so dass aus den vielen eine Einheit wird. Das ist es, was man an Freunden liebt und dermaßen liebt, dass man sich Gewissensvorwürfe machte, wollte man nicht Liebe mit Gegenliebe, Gegenliebe mit Liebe vergelten, wollte man vom anderen noch Greifbareres verlangen als solche Beweise des Wohlwollens. (Bekenntnisse IV, 8, 13)

Ich bin froh, gibt es dieses Zusammenleben im Kloster, auch wenn wir oft meilenweit dem von Augustinus gezeichneten Gemeinschaftsbild hinterherhinken. Da mag es schon tröstlich sein zu wissen, dass das auch bei Augustinus nie so recht geklappt hat, dass auch Augustinus hier nicht die Wirklichkeit seines Gemeinschaftslebens umschreibt, sondern vielmehr ein Ideal zeichnet, das wie die Sterne unerreichbar ist, aber doch den Weg weist, die Richtung angibt. Dass es uns Augustiner gibt ist insofern zunächst einmal gut für uns, liebe Brüder. Wir haben uns aus freien Stücken, mit unserer Verschiedenheit, unseren Ecken und Kanten, unseren angenehmen Seiten, mit unserer Intoleranz, aber auch unserer Weite auf einen gemeinsamen Weg gemacht. Wenn wir das von Augustinus Bekannte nicht aus den Augen verlieren, wenn wir das Interesse aneinander bewahren und die Offenheit, einander von uns selbst zu erzählen, dann sind das vielleicht in unserer Sprache diese „Beweise des Wohlwollens“, von denen Augustinus spricht. Und wenn die tonangebend sind, dann haben nicht nur wir, die wir im Kloster leben, etwas davon, sondern alle, die mit uns zu tun haben. Denn im Wissen darum, dass wir uns in unserer Gemeinschaft Tag für Tag umeinander mühen müssen, dass nicht alles klappt, dass das Leben eben anders ist als hehres Ideal … in diesem Wissen werden wir auch den Menschen um uns herum Raum geben für ihre Ecken und Kanten, werden wir nicht Moral, Recht und Gesetz predigen, sondern das Leben, seine Grenzen, die Leidenschaft … werden wir nicht strafen, sondern vergeben und die Gnade und Barmherzigkeit Gottes in Erinnerung rufen.

Damit eng verbunden scheint mir das Gottes- und Menschenbild, das Augustinus uns vererbt hat. Die Art und Weise, wie er über Gott und die Menschen denkt und nachdenkt scheint mir daher neben der Gemeinschaft ein Zweites zu sein, das dafür spricht, dass wir weiterhin als Augustiner die Stimme erheben sollten. Hören wir zunächst wieder Augustinus:

Gott, mein Herz hast Du mit deinem Wort getroffen und ich liebte dich. Was aber liebe ich, wenn ich dich liebe? Nicht die Schönheit eines Körpers noch den Rhythmus der bewegten Zeit; nicht den Glanz des Lichtes, der so lieb ist den Augen; nicht der Blumen und Salben Wohlgeruch; nicht die Melodien in der Welt der Töne; nicht den Körper, der wohltuend ist in der Umarmung: Nichts von alledem liebe ich, wenn ich liebe meinen Gott.

Und dennoch liebe ich ein Licht und einen Klang und einen Duft und eine Speise und eine Umarmung, wenn ich liebe meinen Gott. Dort drinnen in meiner Seele erstrahlt, was kein Raum erfasst; dort erklingt, was keine Zeit entführt; dort duftet, was kein Wind verweht; dort mundet, was keine Sattheit verdrießt; dort schmiegt sich an, was kein Überdruss auseinander löst. Das ist es, was ich liebe, wenn ich liebe meinen Gott. (Bekenntnisse X, 6, 8)

Augustinus war kein Verächter dieser Welt, weder vor noch nach seiner Bekehrung. Mit dieser verbindet sich für ihn aber eine wesentliche Veränderung. Hat vor seiner Bekehrung das Schöne dieser Welt – die Musik, die Natur, der Körper … – seinen Sinn in sich selbst gefunden, so stellt Augustinus all das nach seiner Bekehrung in einen neuen Horizont, den Göttlichen. Unsere Sinne – riechen, schmecken, tasten, hören, sehen … – sie gehören für Augustinus zu uns und sie helfen uns dabei, das Göttliche in dieser Welt und in uns selbst zu entdecken. Wenn also Klang und Duft und Umarmung und Leidenschaft und Liebe mit Gott in Verbindung gebracht werden, dann „rühmen die Himmel die Herrlichkeit Gottes“ (Ps 19,2), dann liebe ich in Licht und Klang und Duft und Speise und Umarmung meinen Gott, dann habe ich den Psalmisten verstanden, der schreibt: „Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast Du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.“ (Ps 104,24).

In einer seiner Predigten – und die dauerten manchmal stundenlang – kommt Augustinus auf den Beweggrund seines seelsorglichen Handelns zu sprechen. Er sagt:

Was will ich? Was ersehne ich? Warum lebe ich überhaupt? Doch nur deshalb, damit wir alle miteinander in Christus glücklich sind. Denn das ist mein starkes Verlangen und meine Freude: Ich will nicht selig werden ohne euch. (Predigt 17,2)

Alleine kann keiner selig werden. Davon ist Augustinus überzeugt. Selig, ja zu beglückwünschen ist nur der und die, welche es versteht, Gottes- und Nächsten- und Selbstliebe unter einen Hut zu bringen. Was Augustinus damals als Seelsorger wichtig war, nämlich dass so viele wie möglich an dieser Seligkeit teilhaben, das sollte auch uns Augustinern heute wichtig sein: den Menschen nahe zu bringen, dass sie Gott nur in sich selbst und im Nächsten lieben können. Mag dieser Sachverhalt auch völlig abgedroschen klingen, ich bin mir sicher: Wenn unsere Seelsorge hier von dieser Überzeugung getragen ist, dann macht sie Sinn und es ist gut, dass wir hier sind.

Liebe Schwestern, liebe Brüder. Unsere Seelsorge; ein positives Gottes- und Menschenbild; der tägliche Versuch, Gemeinschaft zu leben – das sind drei von vielen Gründen, warum es sinnvoll sein dürfte – für uns Augustiner und für Sie – dass wir die Pforte geöffnet lassen, dass wir uns auch zukünftig um uns selbst und um Sie mühen, dass wir weiterhin ein Stück Weges gemeinsam gehen. Insofern möchte ich abschließend doch kurz und bündig – zumindest meine Meinung festhalten: 750 Jahre sind viel, aber – Gott sei Dank – noch nicht genug.

Vesper am 11.1.2006

in der Augustinerkirche Würzburg

(mit einer Homilie zum Psalm 126 (125), einem ‹cantica graduum – Gradualpsalm› nach der Auslegung des hl. Augustinus)

Cornelius Petrus Mayer OSA

01. Lied: GL 557, 1-5

02. Psalm 121: GL 752

03. Psalm 126: GL 753

04. Canticum: GL 686

05. Lesung: Kol. 3,15-17

06. Antwortgesang: GL 687

07. Homilie

08. Lobgesang Mariens: GL 688f.

09. Fürbitten

10. Segen

11. Marienlied: GL 572

 

Lesung aus dem Kolosserbrief 3,15-17

15. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi: dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes.

16. Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch! Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit. Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade.

17. Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn; durch ihn dankt Gott, dem Vater!

Homilie

Die beiden Psalmen, die wir soeben gesungen haben, gehören zu den sogenannten Stufenliedern des Psalters. Es gibt mehrere Erklärungen für diese seltsame Benennung. Die schönste und im Hinblick auf die neutestamentliche Verkündigung zutreffendste dürfte die des hl. Augustinus sein. (Kommentar zum Psalm 125)

Der Gesang dieser Psalmen, so Augustinus, sei die Stimme der im Herzen Aufsteigenden. Der wohin Aufsteigenden, fragt er. Und er antwortet: zu jenem himmlischen Jerusalem, das ‹die Stadt Gottes›, das der Himmel ist.

Mit dieser Erklärung ist Augustinus bei einem seiner Lieblingsthemen: der ‹ciuitas dei›, der ‹Stadt Gottes›, aber auch der Unterscheidung zwischen der ‹Stadt Gottes› hier auf Erden und jener, zu der wir als Pilger noch unterwegs sind.

In dieser Perspektive des Hier und des Dort haben Christen ihren Weg zu gehen, und zwar deshalb, weil Christus selbst uns diesen Weg gewiesen hat. Er kam als der Erlöser, so fährt Augustinus weiter. Als Erlöser wovon? Die Antwort lautet: Von der Knechtschaft der Sünde, die uns Menschen in Fesseln hält.

Sünde meint nach Augustinus, dem exzellenten Kenner der Schriften des Apostels Paulus, primär nicht das Übertreten von Geboten – das sind bereits der Sünde Folgen. Sünde meint primär den Status quo, den Zustand des unerlösten Menschen. Der Erlöste freilich befindet sich bereits auf den Stufen des aufwärts weisenden Weges.

Dies ist der Auslegungsrahmen der Psalmen mit dem Namen ‹Stufengesang›. Betrachten wir daraufhin in aller Kürze unseren Psalm 126.

Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Wer ist ‹Zion›, wenn nicht die pilgernde Kirche? Und was ist unter dem ‹Los der Gefangenschaft› zu verstehen, wenn nicht des Menschen unerlöster Zustand?

Weil aber Christus uns durch sein Kreuz und seine Auferstehung bereits erlöst hat, deshalb ist ‹unser Mund› jetzt schon ‹voll Lachen› und ‹unsere Zunge voll Jubel›.

Gibt es Größeres im Leben eines Menschen, als dass ihm dank des Erlösungswerkes Christi das Leben bei Gott geschenkt wird? Davon ist das Herz der Erlösten voll, und davon fließt ihr Mund über, indem sie singen: Ja, Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich.

Unser Psalm hat nach diesem Vers eine Zäsur. Der Beter bzw. der Sänger hält inne; denn er blickt auf seine immer noch anhaltende Pilgerschaft. Wie poetisch bringt der Psalm dies mit dem Vers 5 zum Ausdruck! Wende doch, Herr, unser Geschick, wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland!

Dann jedoch schöpft er in seinem Glauben an Gott Zuversicht, und er beendet seinen Psalm mit Metaphern, die zur sprichwörtlichen Redensart bedrängter Menschen geworden sind. Eine solche, im Glauben gründende Zuversicht vermag alle Hindernisse und Nöte unserer irdischen Pilgerschaft vergessen zu machen.

Der Psalm endet mit einer unübertroffenen Poesie der Hoffnung: Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Sie gehen hin unter Tränen und tragen den Samen zur Aussaat. Sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Garben ein.

Welche Garben? Die Garben der Gnade Christi, von der wir im Lied zur Eröffnung der Vesper gesungen haben: Von dir der Gnaden Glanz ausgeht. Denn er, Christus, ist das Licht der Welt, das jedem klar vor Augen stellt den hellen, schönen, lichten Tag, an dem er selig werden mag.

Und dann ist in diesem Christus-Hymnus der Böhmischen Brüder aus dem 16. Jahrhundert im 4. Vers auch noch von der ‹Stadt Gottes› die Rede, über die zu meditieren der hl. Augustinus nicht müde wurde: Zuletzt hilf uns zur heiligen Stadt, die weder Nacht noch Tage hat, da du, Gott, strahlst voll Herrlichkeit, du schönstes Licht in Ewigkeit. Amen.

Fürbitten

Lasst uns beten zu Christus, der Freude aller, die sein Kommen erwarten.

– Herr, erweise uns deine Huld.

1. Du bist das Licht der Welt; du kamst in unsere Welt, um uns der Macht der Finsternis zu entreißen.

2. Du wirst einst wiederkommen; gib, dass wir dich in Freude erwarten.

3. Du willst alle Menschen in deinem Reich, der Stadt Gottes, vereinen; lass unsere Verstorbenen dein Angesicht schauen.

Vater unser, ...

Biete auf deine Macht, Herr, und komm. Entreiße uns der Macht der Sünde; mach uns frei, rette uns und führe uns zum ewigen Leben. Der du mit Gott dem Vater in der Einheit des Hl. Geistes lebst und herrschst in Ewigkeit.

 

PREDIGT ZUM CHRISTKÖNIGSSONNTAG (A) 2005

gehalten im Konvent der Ritaschwestern, Würzburg, am 20.11.2005 von Cornelius Petrus Mayer OSA

 

Vorspann

Der Christkönigssonntag ist ein problematisches Fest, denn es wurde 1925 gerade zu jener Zeit eingeführt, als Gesellschaften sich zu Recht gegen monarchisch absolutistische Regierungsformen zur Wehr setzten. Anhänger der liturgischen Bewegung hätten es lieber am 6. Januar mit dem Fest der Epiphanie gefeiert.

Ich denke jedoch, der letzte Sonntag des Kirchenjahres ist ein keineswegs unangemessenes Datum für dieses Fest. Lenkt doch die Kirche in dem zu Ende gehenden liturgischen Jahr unsere Aufmerksamkeit auf jenes andere Ende, auf das alles Geschehen zuläuft, in das auch die Geschichte der Kirche als Christi Leib einmündet.

Die Präfation unserer Messe beschreibt diesen Endstand in hymnischer Sprache treffend als ‹Reich der Wahrheit und des Lebens›, als ‹Reich der Heiligkeit und der Gnade›, als ‹Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens›.

Unsere Lesung aus dem Ersten Korintherbrief – in der Predigt soll davon die Rede sein – spricht von diesem Ende.

Predigt.

In der Apostelgeschichte des Neuen Testamentes wird uns folgende kleine Episode erzählt: Als der Apostel Paulus in Athen das Evangelium verkündete, nahmen ihn einige auf den Areopag mit, wo die Athener die letzten Neuigkeiten besprachen. Dort gab es auch einen Altar mit der Aufschrift: dem unbekannten Gott.

Natürlich ergriff der Apostel die Gelegenheit, um aus der Sicht seines Evangeliums von Gott und der Welt zu reden – von Gott, der zur festgesetzten Zeit den Erdkreis richten werde, und zwar «durch einen Mann, den er bestellt und den er vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte».

Als die Zuhörer «von der Auferstehung der Toten hörten», so fährt der Bericht weiter, «spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören» (Apg 17,16-34). Daraufhin verließ der Apostel Athen in Richtung Korinth, wo er nach anderthalbjährigem Wirken eine blühende Gemeinde hinterließ.

Indes, in Korinth scheint es sogar Christen gegeben zu haben, die von einer Auferstehung der Toten ebenfalls nichts wissen wollten. Sie wollten das Evangelium lediglich auf das Nett-zueinander-sein, auf das Leben hier und jetzt, reduzieren. – Wäre dies alles, müsste man da am Evangelium nicht verzweifeln?

Gewiss begann Jesus seine Verkündigung mit dem lapidaren Satz: «Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahegekommen» (Mk 1,15). Sollte aber das, was wir tagaus und tag­ein nicht nur um uns, sondern auch in uns wahrnehmen, schon dieses ‹Reich› sein, von dem Jesus sprach? Ist etwa die pilgernde Kirche bereits jenes ‹Reich der Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und der Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens›, von dem die Präfation unserer Festmesse singt? Davon kann doch ernsthaft nicht die Rede sein!

Aus diesem Grunde wird der Apostel Paulus nicht müde, den Gläubigen einzuschärfen: So lange diese Welt besteht, gibt es die Sünde und den Tod. Dennoch hat sich in ihr seit der Auferweckung Christi von den Toten Entscheidendes zugetragen. Als Erster der von den Toten Auferweckten ist Christus der Inbegriff des Gottesrei­ches.

Es ist somit wichtig, zwischen der Welt, in der wir sind, und dem Himmel, wo er ist, zwischen Zeit und Ewigkeit zu unterscheiden. Das wussten die Kirchenväter, allem voran wieder Augustinus, der Welt und Zeit stets vom Himmel und von der Ewigkeit her bzw. auf den Himmel und auf die Ewigkeit hin in den Blick nahm und wohl deshalb so tiefsinnig über die Welt wie über die Zeit zu reden verstand.

Hier und jetzt sind wir ‹Kinder Adams›. Weil aber Christus, der Verkünder des ‹Reiches Gottes›, aus der Ewigkeit zu uns kam, darf sich unsere Perspektive auf dieses ‹Reich› nicht im Hier und im Jetzt erschöpfen. Denn Christus und die, welche zu ihm gehören, die, wie der Apostel im gleichen Brief an die Korinther lehrt, mit ihm zusammen ‹einen Leib› bilden, verbindet eine vorgegebene Ordnung.

Aus der Tatsache, dass dem Evangelium zufolge die Auferweckung von den Toten sich erst auf Christus erstreckt, sollen die Korinther und mit ihnen alle gläubigen Christen nicht folgern, für sie selbst gebe es keine Auferstehung.

Ganz im Gegenteil, gerade weil sie im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe jetzt schon, im Zustand ihrer Zeitlichkeit, zum ‹Leib Christi› gehören, deshalb sollen sie auch wissen, dass sie in der Ewigkeit erst recht zu ihm gehören werden. Das meint die Reihenfolge in der Epistel: zuerst ‹Christus, dann alle, die zu ihm gehören›.

Und nun kommt der Apostel vielsagend auch auf ‹Christi Herrschaft› zu sprechen, die letztlich freilich Gottes ureigene Herrschaft ist. Der Auferstehungsglaube des Neuen Testamentes steht und fällt mit der zu verkündigenden ‹Gottesherrschaft›. Ihre Errichtung ist nämlich das Ziel jener Geschichte, auf die nach dem Verständnis der Bibel alles Geschehen im Himmel und auf Erden brennpunktartig zuläuft.

Die letzten Verse unserer Epistel kleidet der Apostel deshalb geradezu in eine hymnische Sprache: Christus, der in die Welt kam – so der Text –, hatte den Auftrag, ‹jede Macht, jede Gewalt und Kraft›, die sich der göttlichen Ordnung widersetzt, zu vernichten. Auf diese Weise wird in Erfüllung gehen, wovon Maria im Magnificat sang: «Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron ... und er lässt die Reichen leer ausgehen» (Lk 1,51-53).

Um die Verkündigung dieses endgültigen Sieges, den der Messias für Gott erkämpft, geht es dem Apostel. An dessen Ende steht Gottes uneingeschränkte Herrschaft. «Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem».

Das ist unser Glaube, das ist unsere Zuversicht, das ist das Fundament, auf dem wir zu stehen haben. Wohl deshalb ermahnt der Apostel im gleichen Brief seine Adressaten – und mit ihnen auch uns! –: «Wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle!» (1 Kor 10,12).

[...]

 

Predigt zum Evangelium Mt 22,34-40

30. SONNTAG - A. 23.10.2005

Konvent der RITASCHWESTERN

von Cornelius Petrus Mayer OSA

Vorspann

Um das Jahr 420 empfing der hl. Augustinus einen Brief von einem uns nicht näher bekannten gebildeten Laien mit dem Namen Laurentius. Dieser bat den damals bereits weltweit berühmten Bischof um eine Zusammenstellung des Glaubens der Kirche. Augustinus kam der Bitte nach und verfasste eine Schrift, der er den programmatischen Titel gab: Handbuch über Glaube, Hoffnung und Liebe.

In diesen drei Tugenden gipfelt nach Augustinus das Selbstverständnis des Christen. Das Tagesgebet unseres heutigen Sonntags, das sehr wahrscheinlich auf den Bischof von Hippo zurückgeht, bringt dies bündig zum Ausdruck.

Christen sollen wissen, dass der Glaube und die Hoffnung nur für diese Zeit gelten. Die Liebe wird aber bleiben. Deshalb ist sie auch die Größte unter den dreien. Von ihr ist im Evangelium die Rede.

Predigt

Die Antwort Jesu auf die Frage des Gesetzesgelehrten nach dem wichtigsten Gebot im Gesetz ist ein Zitat aus dem Alten Testament. Es ist deshalb nicht richtig, wenn man gelegentlich hört, das Alte Testament verpflichte den Glaubenden auf das Gesetz, das Neue dagegen auf die Liebe. So einfach ist das nicht. Auch nach dem Alten Testament gipfelt das Gesetz in der Gottes- und Nächstenliebe. Ja, das Doppelgebot der Liebe ist geradezu der gemeinsame Nenner beider Testamente, der berühmte rote Faden, der beide durchzieht und beide miteinander verbindet.

Ist nun das Liebesgebot beider Testamente identisch? Was die Verpflichtung, es zu erfüllen betrifft, zweifelsohne ja. Was allerdings die Motivation zu seiner Erfüllung, betrifft, so fügt das Neue Testament schon noch einiges hinzu. Eben: das spezifisch Neue!

Worin gründet dieses Neue? Um es in aller Kürze zu sagen: In der Erfahrung der Liebe Gottes zu uns Menschen. Israel – so hörten wir in unserer Lesung aus dem Buch Exodus 22,20-26 – hat Gottes Güte, Erbarmen und Mitleid in Ägypten vielfach erfahren dürfen, deshalb sollte es Fremde nicht ausbeuten, Waisen nicht ausnützen und auf Wucher verzichten.

Von wesentlich tieferer Erfahrung der Liebe Gottes zu uns Menschen spricht das Neue Testament. Gewiss heißt es auch hier: «Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist». Aber indem das Neue Testament uns die Barmherzigkeit des Vaters vorzüglich im Kreuz und in der Auferstehung seines eingeborenen Sohnes veranschaulicht, vermittelt es uns einen Begriff von der Liebe, der schlechthin nicht mehr zu überbieten ist. «So sehr hast du die Welt geliebt», heißt es in einer der Sonntagspräfationen, «dass du deinen Sohn als Erlöser gesandt hast. Er ist uns Menschen gleichgeworden ... damit du in uns lieben kannst, was du in deinem eigenen Sohn geliebt hast».

Wenn also Augustinus, wie eingangs gesagt, das Wesen des Christlichen im Glauben, Hoffen und Lieben zusammengefasst sieht, dann bezieht er den Glauben auf das Erlösungswerk Christi am Kreuz, die Hoffnung auf die Teilhabe an dessen Herrlichkeit, die Liebe aber auf die Gnade, die unser irdisches Leben bereits mit dem verheißenen ewigen verbindet.

Die christliche ‹caritas› ist deshalb mit der kreatürlichen Liebe nicht einfach identisch. Was ist das Wesentliche an ihr? Hören wir auch dazu den heiligen Augustinus.

«Gott ist Liebe», lehrt der Erste Johannesbrief. Und nun fragt Augustinus zurecht, wie denn dieser in Gott gründende Liebesbegriff zu verstehen sei. In seinem großen Werk Über den dreieinigen Gott geht er dieser Frage nach. Er kommt darin zum Ergebnis, dass Gottes Liebe mit seinem Willen identisch ist. Unter den drei göttlichen Personen ist der Hl. Geist der Inbegriff des göttlichen Wollens. Deshalb heißt es auch im Römerbrief: «Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Hl. Geist, der uns gegeben ist».

Daraus folgt ein Doppeltes: Einmal, dass die christliche ‹caritas› sich nicht einfach in unserer kreatürlichen Liebesfähigkeit erschöpfen kann. Es heißt im Römerbrief nicht, «die Liebe ist ausgegossen», sondern «die Liebe Gottes». Also ist die ‹christliche caritas› Gottes Gabe, darum auch Inbegriff der Gnade. Sie, die Gnade, wurde uns dank des Erlösungswerkes Jesu Christi geschenkt. So wird auch verständlich, weshalb der heilige Augustinus in bezug auf die allzeit geforderte Liebe bei der Erfüllung der Gebote Gottes in sei­nen Bekenntnissen schreiben konnte: «Gib, was du forderst, und dann fordere, was du willst».

Mit diesem Satz brachte er das Wesen des Christentums sozusagen auf den Punkt: «Gib uns die Gnade, zu lieben, was du gebietest, damit wir erlangen, was du verheißen hast», so formuliert die Kirche mit Augustinus in unserem heutigen Tagesgebet. Das heißt, sie hält uns bei der Feier der Eucharistie an, um Mehrung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu bitten,

Das Zweite, was aus diesem Verständnis der christlichen ‹caritas› folgt, ist eine gewisse Entlastung in der Erfüllung des Liebesgebotes. Wir müssen nicht, weil wir es gar nicht können, den Nächsten immer und überall affektiv lieben. Die mit der Gnade identische ‹caritas› soll allerdings bewirken, dass wir dem Nächsten Böses nicht wollen. Diese, mit dem guten Willen identische ‹caritas› wird jedoch als Grundhaltung von uns verlangt. Wir können sie gewiss nicht ständig zur Schau tragen, aber bejahen müssen wir sie, und zwar prinzipiell, d.h. gerade auch dann, wenn wir in konkreten Situationen an der geforderten Liebe versagen.

Freilich verkümmert diese Grundhaltung, wenn wir ihrer nicht von Zeit zu Zeit eingedenk sind, wenn wir darüber nicht reflektieren. Solche Zeiten der Reflexion sind Bibellektüre, Exerzitien, Wallfahrten, geistliche Übungen aller Art, insbesondere die Feier der christlichen Mysterien mit der Eucharistie als Höhepunkt.

Im 10. Buch seiner Bekenntnisse legt der hl. Augustinus geradezu mustergültig dar, wie der mitten in der Welt, und das heißt, von Zerstreuungen vieler Art umgebene Christ, sich immer wieder sammeln solle und sammeln könne, um sich über die ihm zuteil gewordene Liebe in Form der Gnade zu vergewissern, um sich darüber auch zu freuen. Am Ende der Darstellung dieser einzigartigen Selbstreflexion des mit sich ins Reine gekommenen Christen Augustinus steht das sprachlich wie inhaltlich packende Bekenntnis:

«Und oftmals tu ich so; dies ist's, was mich erfreut, und ich entfliehe von dem Zwang der Geschäfte zu dieser Wonne, sooft ich mir Erholung gönnen kann. Und in diesem allem, was dich befragend ich durchlaufe, find ich für meine Seele keinen sichereren Ort als nur in dir, wo mein Zersplittertsein sich sammeln und nichts von mir dir entziehen soll. Und zuweilen versetzt du mich in eine höchst ungewöhnliche Gemütsbewegung in meinem Inneren, ich weiß nicht in welche Wonne; würde sie mir hier schon endgültig gewährt, ich weiß nicht, was ein solches Leben sonst noch sein müsste! Aber ich sinke wieder unter Gewichten, trübsalschwer, zurück in diesen Alltag, und es verschlingt mich das Gewohnte und hält mich fest, und reichlich fließen meine Tränen».

Um aus dem Gewohnten herauszukommen, ist die Feier der Mysterien unserer Erlösung an den Sonn- und Feiertagen so wichtig. Indem wir sie vollziehen, ‹mehrt Gott in uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, damit wir erlangen, was er uns verheißen hat›. Amen.

Der Psalter als Gebet der Kirche

Homilie zur Vesper am 12.10.2005

Cornelius Petrus Mayer OSA

Sieht man vom Vater unser-Gebet, das der Herr seine Jünger lehrte, und von einigen Hymnen des Neuen Testamentes wie dem soeben gesungenen Christus-Hymnus aus dem Philipperbrief ab, dann ist der Psalter das Gebet der Kirche.

Nun stehen die Psalmen nicht im Neuen, sondern im Alten Testament. Die Kirche hat sie aber sozusagen von ihren Anfängen an auf Ereignisse hin gebetet, die sie in ihren gottesdienstlichen Feiern verkündet. Das ist also der Verstehenshorizont, innerhalb dessen wir die Psalmen beten sollen.

Da heißt es z. B. im Psalm 127 (126): «Wenn der Herr nicht das Haus baut, mühen die Bauleute sich umsonst». Die frühen Christen erblickten in diesem Vers den Kern des Evangeliums gleichsam auf den Nenner gebracht. Denn das Haus, das da gebaut wird, was ist es anderes, wenn nicht die Kirche, und die Kirche wiederum, was ist sie anderes, wenn nicht Christi Leib. Infolgedessen ist es der Herr selbst, der durch sein Erlösungswerk, durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung dieses sein Haus baut. Darin gründet und gipfelt zugleich das Evangelium (siehe die Auslegung Augustins zu diesem Psalm in Enarrationes in Psalmos 126,2-3).

Schon lange, bevor es den Begriff Evangelium im technischen Sinn für die Bezeichnung unserer vier Evangelien gab, bezog die Kirche dieses Wort so gut wie ausschließlich auf Christi Person und Werk.

So beginnt der Apostel Paulus seinen vielgerühmten Brief an die Gemeinde von Rom mit dem vielsagenden Bekenntnis – wir haben den Text soeben vernommen –, er sei «auserwählt, das Evangelium Gottes zu verkündigen, das er (Gott) durch seine Propheten im voraus verheißen hat in den heiligen Schriften, das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn» (Röm 1,2-4).

Die Kirche verkündet in den Lesungen der eucharistischen Feiern dieser und der kommenden Wochen den Römerbrief. Es kann den aufmerksamen Hörern nicht entgangen sein, dass bereits in den ersten Versen des Briefes das Wort Evangelium dreimal vorkommt: Das Evangelium ist als solches Gottes frohe Botschaft, und es ist zugleich frohe Botschaft von seinem Sohn, dem Mensch gewordenen, dem gekreuzigten und dem verherrlichten Jesus Christus, unserem Herrn.

Wie in einer guten Ouvertüre schon all das anklingt, was in der Oper zu hören sein wird, so deutet der Apostel mit dieser Einleitung seines Briefes bereits dessen Inhalt an. Worum geht es da? Um es in aller Kürze zu sagen, um die Rettung des Menschen.

Der Römerbrief ist gewiss keine leichte, aber eine ungemein faszinierende Lektüre – faszinierend deshalb, weil jedermann sich darin wie in einem Spiegel vor Gott erkennen kann und erkennen soll. Was gehört zu dieser Selbsterkenntnis? Zunächst, dass jeder ohne Ausnahme Sünder ist. In einer Kaskade von Bibelsätzen, vorzüglich dem Psalter entnommenen, zeigt der Apostel, «dass es keinen gibt, der gerecht ist, auch nicht einen» (Ps 14,1).

Aus dieser fundamentalen Einsicht folgt das Wissen um die Erlösungsbedürftigkeit eines jeden. Und dann kommt im Römerbrief Gott ins Spiel – Gott, der ausschließlich und allein aus dem ‹Sünder› einen ‹Gerechten› zu machen vermag.

Gott tut dies aber nicht billig, nicht indem er zweimal zwei fünf sein lässt. Nein, der Preis dieses ‹Gerechtmachens› ist groß – es ist der Preis der Hingabe seines Sohnes. «Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt» (4,25). Dies also ist in aller Kürze die Summe des Evangeliums, der Kern des christlichen Glaubens.

Inmitten seiner Argumentation bricht der Apostel immer wieder auch in Jubel, in die eigentliche Grundstimmung des Christen aus wie im Kapitel 5 dieses Briefes, mit dem ich meine Homilie beschließen will:

«Gerecht gemacht aus Glauben haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung, mit der wir der Herrlichkeit Gottes entgegengehen. Mehr noch: wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist» (5,1-5).

Vielleicht noch ein Letztes: Wann immer es in der Kirche im Laufe ihrer Geschichte mit dem Glauben bergab ging, da war es stets die Besinnung auf die Verkündigung des Evangeliums aus dem Römerbrief, die die Wende brachte.

Warum das so ist? Die Antwort darauf ist einfach: Weil es im Römerbrief um die Substanz des Christentums schlechthin geht.