ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Predigten aus neuerer Zeit, die sich augustinischer Gedanken bedienen.

Das Zentrum für Augustinus-Forschung in Würzburg verfolgt und registriert die Aktualität Augustins in möglichst allen einschlägigen Sparten der Wissenschaften unserer Zeit. Am Gespräch mit dem Kirchenvater aus dem 4. und 5. Jahrhundert sind nicht nur Theologen und Philosophen, Historiker und Soziologen, Psychologen und Linguisten – um nur einige Zweige der Wissenschaften zu nennen – interessiert, sondern sogar die Naturwissenschaften. Es versteht sich von selbst, dass Augustinus der kirchlichen Pastoral ebenfalls immer noch nachhaltige Impulse zu geben vermag.

Der ehemalige Professor der Rhetorik war ein hinreißender Prediger. Sogar aus Übersee strömten Gläubige herbei, um ihn zu hören. In der Verkündigung ging es ihm so gut wie ausschließlich um die Inhalte der christlichen Offenbarung. Er wusste nur zu gut, dass er die Fundamente des Glaubens den breiten Schichten des Kirchenvolkes vorzüglich in den Predigten seiner Gottesdienste vermitteln konnte. Dabei klammerte er aktuelle Probleme der Gesellschaft nicht aus. Christen sollten z.B. wissen, was sie bei Katastrophen auf Fragen nach ihrem Gott der Liebe zu antworten haben, reicht ihnen doch die Bibel ein ganzes Arsenal von Argumentationsmustern dazu.

Klassentreffen 19.-21. Juni 2011 in Aschaffenburg
Stiftsbasilika 11:00 Uhr
Predigt von Prof. Dr. Cornelius Petrus Mayer OSA

Vorspann

Jedes unser 31 Klassentreffen beschlossen wir mit einer Eucharistiefeier – wie sinnvoll! Heißt doch das griechische Verb εὐχαριστεῖν schlicht und einfach danksagen. Das soeben gesungene Lied «Nun danket alle Gott, mit Herzen Mund und Händen» hat der protestantische Theologe und Kirchenmusiker Martin Rinckart während des Dreißigjährigen Krieges – in Zeiten größter Not, von der Gleiches auch wir erlebten – geschrieben.

Und dennoch sollen wir danken! «Lasset uns danken dem Herrn, unserem Gott» Mit diesem Ruf wird die feiernde Gemeinde jeweils zum eucharistischen Hochgebet eingeladen, worauf diese antwortet: Das ist würdig und recht. Diesen Gedanken greift dann die Präfation auf, wenn sie fortfährt: «In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken».

Ich möchte gerade im Hinblick auf diesen uns ehrenden Tatbestand, dass wir das Danksagen bei unseren Treffen nie vernachlässigt, geschweige denn vergessen hätten, die Eucharistie selbst zum Thema unseres Nachdenkens in der Predigt machen.

Vorspann zur Lesung: Im 11. Kapitel seines Ersten Korintherbriefes kommt der Apostel Paulus auf den Einsetzungsbericht der Eucharistie zu sprechen. Das geweihte Brot – so lautet der Kern seiner Verkündigung – ist Christi Leib. Dieses ‹Christi Leibsein› versucht er im folgenden Kapitel 12 den Korinthern näher zu erläutern:

Lesung aus dem Ersten Korintherbrief

«12. Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus.

13. In dem einen Geist wurden wir durch die Taufe alle zu einem einzigen Leib, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und wir wurden alle mit dem einen Geist getränkt.

14. So besteht auch der Leib nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen».

Keines der Glieder kann auf die anderen Glieder verzichten, alle haben einträchtig füreinander zu sorgen, argumentiert Paulus, ehe er vielsagend weiterfährt:

«26. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm».

Und es folgt der Höhepunkt der Ekklesiologie, der Lehre des Apostels über die Kirche:

«27. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm».

Wort des lebendigen Gottes.

Vorspann zum Evangelium: Der sogenannte Einsetzungsbericht ist im Neuen Testament vierfach überliefert: bei Paulus sowie bei den drei Synoptikern: Matthäus, Markus und Lukas. Wir hören die lukanische Version.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas

15. Und er (Jesus) sprach zu ihnen: Sehnsüchtig habe ich verlangt, dieses Pascha mit euch zu essen, bevor ich leide.

....

18. denn ich sage euch: ich werde von nun an nicht mehr von dem Gewächs des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt.

19. Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis!

20. Und in gleicher Weise nahm er nach dem Mahle den Becher mit den Worten: Dieser Becher ist der neue Bund (,der durch mein Blut besiegelt wird), das für euch vergossen wird.

Herr, durch dein Evangelium nimm hinweg unsere Sünden.

Predigt

Wer von uns Christen heute würde schon auf die Frage, was er für seine eigentliche Würde betrachtete, antworten: ‹Glied am Leibe Christi› zu sein? Dabei rangierte gerade diese Antwort an erster Stelle im frühen Christentum. Wie in unserer Lesung vernommen, ist sie im Neuen Testament selbst verankert und sie hängt dort aufs Engste mit der Eucharistie zusammen. Augustinus im 5. Jahrhundert lehrte sogar, erst mit der Kirche zusammen sei Christus ‹der ganze Christus, der totus Christus›, da doch auch ein Leib aus Haupt und Gliedern bestehe. Ja, am Ende einer seiner Predigten, die das Christsein zum Thema hatten, rief er den die Eucharistie mit ihm Feiernden zu: «Also lasst uns gegenseitig beglückwünschen, dass wir nicht nur Christen, sondern Christus geworden sind».

Vielleicht schütteln einige den Kopf und fragen: Wir Sünder Christus? Wer sonst! Ist Christus nicht um der Sünder willen Mensch geworden? Und ist er nicht für uns Sünder gestorben? Freilich, ist er der Erlöser, sind aber wir nicht die Erlösten?! «Durch ihn (das Haupt) haben wir (die Glieder) den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen», heißt es im Römerbrief des Apostels Paulus, der fortfährt, «und (wir) rühmen uns unserer Hoffnung, mit der wir der Herrlichkeit Gottes entgegengehen. Mehr noch», heißt es vielsagend weiter: «Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung». Sie, «die Hoffnung, lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist» (Röm 5,2-5). Er, der Hl. Geist, ist die Seele dieses Haupt und Glieder belebenden Leibes.

Noch ein weiterer Gedanke scheint mir für ein neutestamentliches Kirchen- und Eucharistieverständnis von Bedeutung zu sein. Wir, die Kirche im dargelegten Sinn, feiern die Eucharistie ‹in memoriam›, in Erinnerung an Christi Kreuzestod und Auferstehung. Die Kirche spricht zu Recht vom Messopfer. Dies ist keineswegs so zu verstehen, als müsste Christus, der ‹ein für allemal› sein Opfer vollzogen hat, wie es im Hebräerbrief (10,1-18) heißt, dies immer wieder aufs Neue tun. Die Kirche indes soll in der Gesinnung ihres Erlösers die Eucharistie feiern. In welcher Gesinnung? In der Gesinnung der Hingabe. Denn ‹der Menschensohn›, sagt Jesus im Markusevangelium, ist nicht gekommen, «um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele» (10,45). «Betet, Schwestern und Brüder», ruft darum der Priester am Ende der Gabenbereitung der Gemeinde zu, «dass mein und euer Opfer Gott dem allmächtigen Vater gefalle», worauf diese antwortet: «Der Herr nehme das Opfer an aus deinen Händen zum Lob und Ruhm seines Namens, zum Segen für uns und seine ganze heilige Kirche».

Wieder war es der hl. Augustinus, der die Verpflichtung der Kirche, bei der Feier der Eucharistie des Todes ihres Erlösers zu gedenken, sozusagen auf den Punkt gebracht hat. Er, Christus, war nämlich im Gegensatz zu den vielen Sühneopfern im Alten Testament der opfernde Priester und zugleich auch die Opfergabe. Die Kirche solle nunmehr als ‹Leib ihres Hauptes› lernen, in der Feier der Eucharistie sich selbst Gott hinzugeben und auf diese Weise sich zu opfern (Der Gottesstaat 10,20).

Apropos Opfer! Lebhaft erinnere ich mich noch an ein Thema, das unser verehrter Deutschlehrer zu Münnerstadt Martin Specht in der Oberklasse uns als Hausaufsatz stellte. Es lautete: «Wenn wir Geopferten werden zu Opfernden, dann haben wir heimgefunden ins Herz der Dinge und Gottes».

Welche Provokation an uns Jugendliche der Nachkriegszeit, aber auch welche Förderung durch Forderung! Erlebten wir doch das Ende eines politischen und gesellschaftlichen Systems, das das sinnlose Opfern und Geopfertwerden auf seine Fahne geschrieben hatte. Und wir lebten auch danach in einer Zeit, in der ein Überleben ohne Opfer kaum möglich war.

Der Satz beschäftigt mich heute noch, und zwar mit zunehmendem Alter zunehmend. Ja, gerade im Hinblick auf unsere fortgeschrittenen Jahre und auf unsere eucharistischen Feiern bei unseren Treffen gewann und gewinnt er immer noch an Leuchtkraft. Sollen wir doch bei der Feier der Eucharistie nicht nur des Todes Jesu gedenken, sondern auch seiner Verherrlichung, an der – so glauben wir zuversichtlich – die uns in Gottes Ewigkeit vorausgegangen sind, bereits Anteil haben.

Das ‹Heimfinden ins Herz der Dinge und Gottes› dürfen wir als Christen so interpretieren und so verstanden wissen, wie dies die zweite Strophe des Dankesliedes von Martin Rinckart besingt, mit der ich meine Predigt schließen will: «Der ewigreiche Gott / woll uns in unserm Leben / ein immer fröhlich Herz / und edlen Frieden geben / und uns in seiner Gnad / erhalten fort und fort / und uns aus aller Not / erlösen hier und dort». Amen.

SONNTAG IN DER WEIHNACHTSOKTAV C (27.12.2009)

Eucharistiefeier aus Anlass des 75. Geburtstages
von Schwester Dolores Schneider OSA in Himmelspforten

Zelebrant: Cornelius Petrus Mayer OSA

Vorspann:

Während ich zu Euch rede, werden wir alle älter, sagte einmal der hl. Augustinus in einer Predigt. Dennoch halten wir bei bestimmten Eckdaten des Lebens inne, bei den runden Geburtstagen, aber auch beim 75., der für das Dreiviertel eines Jahrhunderts steht.

Schwester Dolores, unsere Jubilarin, hat dieses Alter erreicht, und sie hat uns eingeladen, mit ihr in einer Eucharistiefeier Gott zu danken. Ich glaube, ihr im Namen aller versichern zu dürfen, dass wir dies gerne tun.

Ich hatte Schwester Dolores als Oberin im Marta-Haus in den 70er Jahren kennen gelernt, und es ist mir damals schon nicht entgangen, dass gottesdienstliches Feiern für sie so etwas wie ein Lebenselixier sein musste.

Dies potenzierte sich im Mutterhaus. Die Generaloberin Mutter Dolores schien jenem Kreis tiefgläubiger Menschen anzugehören, denen der biblische Dichter die Worte aus dem Psalm 122 in den Mund legte: Wie freute ich mich, als man mir sagte: ‹Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern›.

Ein solches Verhalten bezeugt das Evangelium unserer Tagesmesse auch vom zwölfjährigen Jesus. Als dessen Eltern am Ende einer Wallfahrt nach Jerusalem ihren Sohn suchten, den sie schließlich im Tempel fanden, antwortete dieser auf die Klage der Mutter: Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? (Lk 2,49)

Ich möchte deshalb davon ausgehend, den Psalm 122 zum Leitfaden meiner Predigt machen, zumal auch unser Ordensvater, der hl. Augustinus, diesen Psalm deshalb so hochschätzte, weil er eine klare Antwort auf die uns alle, im Alter jedoch zunehmend bedrängende Frage gibt: Wohin geht die Reise unseres Lebens?

Davon also soll in der Predigt die Rede sein.

Predigt:

Dass Wallfahrten im Leben gläubiger Menschen eine erhebliche Rolle spielten und immer noch spielen, dies bezeugen die Religionen insgesamt, allem voran die biblischen.

Wallfahrten haben ein Ziel. In Israel hieß dieses Ziel: Jerusalem – Jerusalem mit dem vom Tempel beherrschten Sionsberg. Nach dem mosaischen Gesetz waren alle männlichen Israeliten verpflichtet, sogar dreimal jährlich im dortigen Tempel zu erscheinen und an der Festfeier teilzunehmen. Ich freute mich, als man mir sagte: ‹Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern›, so beginnt unser Psalm 122, und er fährt vielsagend fort: Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem: Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt.

Nun muss man wissen, dass der Name Jerusalem für Christen nach den Ereignissen, die das Neue Testament verkündet, zu einer Metapher, zu einem Bildbegriff für den Himmel im christlich religiösen Sinn, geworden ist. Ebenso muss man wissen, dass der Psalm 122 zu den Gradualpsalmen, zu den sogenannten Stufenliedern zählt, weil die Wallfahrer in Jerusalem angekommen, erst über Stufen zum Tempel gelangten.

Der hl. Augustinus, der, wie schon gesagt, diesen Psalm mustergültig auf die neutestamentliche Verkündigung hin auslegte, fragt in Bezug auf den von uns Christen zu leistenden Aufstieg: Wohin aufsteigen, wenn nicht in den Himmel? Der Himmel aber, so schärft er ein, sind nicht die Himmelskörper Sonne, Mond und Sterne. Der Himmel ist das geistig-geistlich zu verstehende Jerusalem, der Himmel ist die Stadt Gottes, jene aus Engeln und aus bereits Erlösten bestehende Gesellschaft von Bürgern, die auf Gott hin und von Gott her lebt.

Geradezu faszinierend legt der Kirchenvater den zitierten Vers Ich freute mich, als man mir sagte, ‹Zum Haus des Herrn vollen wir pilgern›, aus, indem er fragt: Wer sagt uns solches, wenn nicht die Bürger des Gottesstaates, die Bewohner des himmlischen Jerusalems. Noch getrennt von ihnen pilgern wir nicht selten durch viele Nöte hier auf Erden, aber der Hoffnung nach gehören wir bereits zu ihnen. Sie, die Bürger dieses himmlischen Jerusalem, ermuntern uns bei jeder Gedenkfeier der Apostel, der Märtyrer und aller Heiligen zu jenem Lauf, zu jenem Aufstieg, so dass wir uns von solchem Zuruf entflammt auch gegenseitig anfeuern: Ja, zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.

Und schon stehen wir in deinen Toren Jerusalem. Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und in sich fest gefügt, heißt es weiter im Psalm. Wieder erinnert der predigende Bischof seine Zuhörer daran, dass sie selbst als Glieder am Leibe Christi zu dieser ‹starken› und ‹dicht gebauten und fest gefügten Stadt› gehören. Denn heißt es nicht im Ersten Petrusbrief 2,5: Ihr werdet gleich lebendigen Steinen zu einem geistigen Haus aufgebaut? Und: Was heißt lebendig, wenn nicht gläubig?

Zugleich freilich kann Augustinus sich nicht genug tun, das himmlische Jerusalem von dem irdischen abzuheben. Wir Christen laufen als Kinder der Moderne Gefahr, den Kern der neutestamentlichen Verkündigung aufzugeben, wenn wir den Himmel als Ziel unserer Pilgerschaft nicht mehr genügend reflektieren und auch artikulieren. Gewiss tragen wir für diese Welt Verantwortung – das Liebesgebot allein schon unterstreicht dies sattsam. Heimat darf uns diese Welt nur auf Zeit sein. Dies unterstrich bereits der Apostel Paulus in seinem Philipperbrief unmissverständlich, in dem er schrieb: Unsere Heimat ist im Himmel (3,20). Was zeichnet den Himmel als Heimat aus? fragt Augustinus und seine Antwort lautet in aller Kürze, die Beständigkeit, Gottes zeitlose Ewigkeit. Er zitiert das Bibelwort: Einst hast du die Erde gegründet, das Firmament ist deiner Hände Werk. Sie werden vergehen ... du indes bist stets derselbe, deine Jahre enden nicht (Ps 102,26-28).

Bewegt fährt der Prediger fort: Gehen unsere Jahre nicht täglich zu Neige, vermögen sie überhaupt zu stehen? Die Jahre, die kamen, sind nicht mehr; und die kommen werden, sind noch nicht: jene haben aufgehört, und diese werden als vergängliche kommen. Ähnlich verhält es sich mit den Tagen und mit den Stunden. Beständigkeit hat nichts und niemand in dieser Welt. Betrachte deinen Leib; er hat keinen Bestand. Er verändert sich im Laufe der Lebensalter, er unterliegt dem Wandel in Raum und Zeit, den Krankheiten und den Schwächen des Fleisches ... Selbst der Geist des Menschen, die Vernunft, ist veränderlich, besteht nicht in sich: bald will sie, bald will sie nicht, ... bald erinnert sie sich, bald vergisst sie.

Allen und allem mangelt es an Stabilität, dem Himmel jedoch, den Bürgern des Gottesstaates, wird sie verliehen. Dort werden Jahre und Tage nicht gezählt; dort ist das Jahr gleich dem Tag und der Tag gleich dem Jahr, dort beginnt etwas nicht und hört auch nicht auf. Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn, wie es Israel geboten ist, den Namen des Herrn zu preisen – so der Vers des Psalms.

Ich brauche Weiteres nicht zu zitieren und auszulegen. Das Gesagte mag schon genügen, um zu sehen, welche Bedeutung der Pilgerschaft von ihrem Ziel her bzw. auf ihr Ziel hin in unserem Christsein zukommen soll, ja zukommen muss. Sie ist, wenn ich mit einem Fachbegriff aus der Musik so sagen darf, der ‹cantus firmus› der Evangelien und darum auch der christlichen Verkündigung – die ‹festgelegte Melodie›, die von anderen Melodien umspielt wird.

Das Thema der christlichen Pilgerschaft durchzieht Augustins Schrifttum wie ein roter Faden. Dem hochgebildeten Bischof war es dabei ein Leichtes, über den Himmel als Ziel philosophisch zu reflektieren. Als Seelsorger bediente er sich allerdings der Sprache der Bibel. Dabei ging es ihm um ein Doppeltes: einmal darum, um in den Christen, die sich als ‹Fremdlinge› in dieser Welt verstehen sollten, die Sehnsucht nach dem Himmel, ihrer eigentlichen Heimat, zu entfachen, dann aber auch darum, ihnen die Bedingungen zum Erlangen der himmlischen Verheißungen ans Herz zu legen. Und diese Bedingungen waren stets die Gesinnung und die Werke der Caritas.

An den Jahrestagen seiner Bischofsweihe pflegte Augustinus stets über seine pastoralen Aufgaben zu predigen. Lassen Sie mich diese Predigt mit einigen Sätzen aus einer solchen schließen. Ihr Thema war wieder der Himmel als Ziel christlicher Pilgerschaft: Dort wird niemand mittellos sein, niemand lahm, niemand blind, niemand hinfällig, niemand fremd, niemand nackt; alle werden gesund sein, alle rüstig, alle im Überfluss lebend, alle mit dem ewigen Licht bekleidet sein. Wen siehst du dort als Fremdling? Dergestalt ist unsere Heimat: hier sind wir Fremdlinge, nach jener wollen wir uns sehnen. Lasst uns von Gott Befohlenes ausführen, damit wir das von ihm Verheißene einfordern und das darüber hinaus Geschenke in Empfang nehmen können (Predigt 339,6). Amen.

Nachwort vor dem Segen:

Liebe Schwester Dolores. Am Ende dieses Gottesdienstes möchte ich Dir insofern danken, als Du mir die Wahl des Themas der Predigt leicht gemacht hast. Als Generaloberin glich auch Deine pastorale Aufgabe der unseres Ordensvaters, Deine Dir anvertrauten Mitschwestern zur christlichen Pilgerschaft zu motivieren. Die am Ziel Angekommenen mögen Dir und auch uns helfen, das gleiche Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Und ein Letztes: In der Regel des hl. Augustinus heißt es, wir Ordensleute sollten ‹Liebhaber bzw. Liebhaberin geistlicher Schönheit› sein. Bleibe es.

In von biblischer Sprache getränkten Texten preist der Kirchenvater Christus als den Mittler, Erlöser und Herrn - diese gehören zum Schönsten, was in Augustins Werk zu lesen ist, und sind des Meditierens würdig. Eine Adventsbetrachtung von Cornelius Mayer OSA

Der hl. Augustinus – dies sagen nicht wenige Gelehrte – habe die Theologie der Kirche wie kaum ein anderer Theologe geprägt. Zwar gab es zu seiner Zeit den Advent als liturgische Zeit noch nicht, aber zur Bezeichnung sowohl der Menschwerdung Christi wie auch dessen Wiederkunft am Ende der Zeiten war das Wort in der frühen Kirche bereits geläufig. Mit Advent bezeichneten ursprünglich die heidnischen Römer die Ankunft ihres Kaisers in ihrer Stadt. Christen hingegen bezogen dieses Wort gezielt auf die Ankunft ihres Herrn. Aber auch den Titel Herr, den schon das Alte Testament vorzüglich Gott reservierte, reservierten auch sie so gut wie ausschließlich Jesus. Der Name Κύριος Ἰησοῦς, Dominus Jesus, Herr Jesus, hatte somit im Neuen Testament eindeutig den Charakter eines Bekenntnisses. Ja, die Identität eines Christen oder einer Christin gründete weithin darin.

Mit dem Bekenntnis Herr Jesus gaben Christen zugleich zu verstehen, dass Jesus nicht einer unter anderen, sondern ihr Erlöser ist, der durch seine Menschwerdung, seinen Tod und seine Auferstehung die mit der Erschaffung des Menschen beginnende und mit seiner Wiederkunft endende Heilsgeschichte, die in ihm ihre Fülle und ihren Mittelpunkt fand, zur Vollendung bringen werde (Dominus Iesus 13). Das Neue Testament befleißigt sich einer an dieser Glaubensgewissheit keinen Zweifel aufkommen lassenden Sprache.

Ein solch luzider Text steht im Philipperbrief. Er ist ein Hymnus, der in der frühen Kirche kursierte und den Paulus wohl deshalb zitierte, weil er das Wesentliche über Jesus Christus zum Ausdruck bringt. Er (so heißt es darin) war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn über alle erhöht, und ihm den Namen verliehen, der jeden Namen übertrifft, damit vor dem Namen Jesu alle Mächte im Himmel, auf Erden und unter der Erde ihre Knie beugen, und jede Zunge bekennt: Herr ist Jesus Christus zur Ehre Gottes des Vaters (2,6-11).

Das Bekenntnis Herr ist Jesus Christus hatte somit in der frühen Kirche den Charakter eines Fanals. Ihm wohnte ein emanzipatorischer Impetus inne, ein Antrieb, mit dem überzeugte Christen ihren Mitbürgern, gegebenenfalls auch den Herrschern dieser Welt zu erkennen gaben, dass sie ihr Heil von keinem anderen erwarteten als von Jesus Christus. Nun wird dieser oft selbst von Nicht-Christen gerühmt – gerühmt im Hinblick auf die Bergpredigt und auf das Liebesgebot als Inbegriff seiner Ethik. Aber das Bekenntnis Herr ist Jesus Christus gründet nicht in der Ethik, so sehr diese die Ethik anderer Religionen und Weltanschauungen auch überragt. Das Credo der Kirche gründet im Erlösungswerk Jesu Christi: in seiner Menschwerdung, in seinem Kreuzestod, in seiner Verherrlichung.

Mustergültig ist dies in den Schriften des hl. Augustinus nachzulesen. Im 10. Buch seiner zur Weltliteratur zählenden Bekenntnisse beschreibt er den Weg des Menschen zu Gott. Dort kommt er auf die Notwendigkeit eines Mittlers zwischen Gott und den Menschen zu sprechen. Er habe gehört, schreibt er, viele würden ihren Weg aus der Verflechtung in Schuld bevorzugt unter Führung der Wissenschaft, also auf Menschen vertrauend antreten. Ihnen streitet der Kirchenvater den Erfolg ab. Warum? Weil sie nicht Mittler, sondern nur Sterbliche, selbst der Erlösung bedürftige Sünder, sind.

Augustinus beschließt dieses Buch mit einem hymnischen Text, der allein den rühmt, der sich um seines Erlösungswerkes willen von uns gerühmt und gefeiert wissen will. Diese von Bibelzitaten geradezu überfrachteten Zeilen gehören mit zum Schönsten, was wir von ihm über Christus, den Erlöser und Herrn, lesen. Sie sind gerade wegen ihrer biblischen Diktion des Meditierens würdig.

Der wahre Mittler aber, den du in deiner verborgenen Barmherzigkeit den Menschen gewiesen und gesandt hast, dass sie an seinem Beispiel die Demut selber ler­nen sollten, ‹der Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus› (1 Tim 2,5), erschien zwi­schen den sterblichen Sündern und dem unsterblichen Gerechten, sterblich mit den Menschen, gerecht mit Gott, damit er ... durch seine gottverbundene Gerech­tigkeit den Tod der gerechtfertigten Gottlosen vernichte, den er mit ihnen gemein haben wollte.

... Wie hast du uns geliebt, guter Vater, ‹der du deines einzigen Sohnes nicht geschont hast, sondern ihn für uns den Frevlern übergeben hast› (Röm 8,32) Wie hast du uns geliebt, um deretwillen jener ... gehorsam wurde bis zum Tod des Kreuzes (Phil 2,6.8) ... Für uns ist er dir Sieger und Opfer geworden, und darum Sieger, weil Opfer. ... Mit Fug und Recht ruht meine ganze Hoffnung auf ihm, du werdest durch ihn all mein Siechtum und Gebrechen heilen, der zu deiner Rechten sitzt ‹und bei dir bittend für uns eintritt› (Röm 8,34): sonst müsste ich verzweifeln. Denn es ist viel und groß mein Siechtum und Gebrechen, viel ist's und groß; doch größer noch ist deine Heilkunst.

... Sieh, Herr, ich werfe auf dich meine Sorge, damit ich lebe, und ‹ich will betrachten die Wunder deines Gesetzes› (Ps 118,18). Du weißt um meine Unkenntnis und meine Schwachheit: Belehre mich und ‹heile mich› (Ps 6,3). Er, dein Alleinziger, ‹in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind› (Kol 2,8), er hat mich losgekauft mit seinem Blut. Es sollen nicht die Stolzen mich bemäkeln, weil ich mein Lösegeld erwäge und esse und trinke und davon spende, und dass ich in meiner Armut wünsche, mit denen daran satt zu werden, ‹die essen und gesättigt werden: Und es werden den Herrn preisen, die ihn suchen› (Ps 21,27; conf. 20,70).

Nicht weniger dezidiert kommt Augustinus auf die zweite Bedeutung des Advents Christi, auf dessen Wiederkunft am Ende der Zeiten, zu sprechen. Sein 22 Bücher umfassendes epochales Werk Der Gottesstaat scheint geradezu daraufhin konzipiert zu sein. In den ersten 10 Büchern widerlegt der Verfasser die christenfeindliche Propaganda, wonach der Fall Roms im Jahr 410 allem voran eine Folge der Aufgabe des Heidentums gewesen sein soll. In den Büchern 11-22 aber entwirft er ein adventliches Geschichtskonzept, das beginnend mit der Schöpfung über den Sündenfall und Christi Menschwerdung auf ein grandioses Finale hin angelegt ist – ein Finale, in dem Christus Gott alles unterwerfen werde, damit dieser über alles und in allem herrsche (1 Kor 15,28).

Nach diesem Geschichtskonzept führen Christen ein auf den Advent hin ausgerichtetes Leben: sie verkünden Christi Tod, sie preisen seine Auferstehung, bis er kommt in Herrlichkeit. Davon war Augustinus fasziniert und diese Faszination versuchte er seinen Lesern zu vermitteln. Er verglich gerne die Epochen der Geschichte mit dem Sechstagewerk des biblischen Schöpfungsberichtes. Diese seien deutlich auf die Sabbatruhe hin angelegt, die sinnbildlich als siebte Epoche zu gelten habe, schreibt er im Schlusskapitel des Gottesstaates. Denn die erste Epoche, so heißt es dort, gleichsam der erste Tag, reicht von Adam bis zur Sündflut, der zweite von da bis Abraham, ... Darauf folgten die Epochen von Abraham bis David, von da bis zur babylonischen Gefangenschaft und von da bis zur Geburt Christi im Fleisch. Bis dahin also fünf. Die sechste, in der wir leben, dauere noch an, denn es stünde geschrieben: Es gebührt euch nicht zu wissen die Zeit, die der Vater seiner Macht vorbehalten hat (Act 1,7). Danach werde Gott gleichsam am siebten Tag ruhen, indem er nämlich uns in sich ruhen lässt.

Augustinus unterlässt es hier, die Epochen im einzelnen nochmals zu schildern, über die siebte jedoch kann er nicht schweigen. Diese, so heißt es wörtlich, wird unser Sabbat sein, dessen Ende keinen Abend kennt. Er, unser Sabbat, ist der Tag des Herrn, gleichsam der achte, der ewige Tag, der durch Christi Auferstehung seine Weihe empfangen hat, der die ewige Ruhe nicht nur des Geistes, sondern auch des Leibes versinnbildlicht. Dann – so lässt der Kirchenvater sein Werk über den Gottesstaat ausklingen –, dann werden wir feiern und schauen, schauen und lieben, lieben und preisen. Das ist’s, was dereinst sein wird an jenem Ende ohne Ende. Denn welch anderes Ende gäbe es für uns, als heimzugelangen in jenes Reich, das kein Ende hat?


Diese Adventsbetrachtung wurde am 10.12.2008 der Reihe «Musik und Meditation im Advent» in der Würzburger Augustinerkirche vorgetragen.

 

«Ordensleute prägten das Bild der caritativen Kirche»

Im Mutterhaus der Ritaschwestern zu Würzburg fand am 5. April 2008 anlässlich des Diamantenen Professjubiläums einiger Schwestern ein Festgottesdienst statt. Die Jubilarinnen wünschten sich als Evangelienperikope den Gang Jesu über dem Wasser nach Joh 6,16-21, deren Höhepunkt lautet: «Ich bin es, fürchtet euch nicht!». In der Homilie zu dieser Perikope zitierte der Prediger Cornelius Petrus Mayer OSA ausführlich aus dem Traktat 25,6 des Kirchenvaters Augustinus zum Johannesevangelium.

GOTTESDIENST ZUM 60. PROFESSJUBILÄUM

Mutterhaus der Rita-Schwestern, 5.4.2008

Eingang: Trompete und Orgel

Lied: LQ 936, 1-3

Vorspann:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch!

Hochverehrte Jubilarinnen, liebe Mitschwestern, Verwandte, Freundinnen und Freunde der Jubilarinnen, Schwestern und Brüder im Herrn!

Die Zeit kennt keine Zäsuren. Wir Menschen sind es, die sie in Tage, Jahre und Dekade strukturieren, um anlässlich solcher Zäsuren über das gelebte Leben nachzudenken und zu feiern. Solches Feiern zeichnet Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, besonders aus. Weshalb? Weil sie dabei primär nicht sich selbst, sondern den feiern, der der Ursprung und das Ziel ihres Lebens ist. Treffend hat deshalb der hl. Augustinus in seinen Bekenntnissen, in denen er über sein bis dahin gelebtes Leben so nachdachte, dass er es vor Gott und aller Welt offen legte, gleich zum Beginn die vielzitierten Sätze niedergeschrieben: «Preisen will dich der Mensch, ein Stäubchen nur von deiner Schöpfung ... Du regst ihn an, dass dich loben zur Wonne wird; denn auf dich hin hast du uns geschaffen und ruhelos ist unser Herz bis es ruhet in dir».
Vier unserer Mitschwestern, Rosa, Barbara, Apollonia und Remigia gedenken heute Ihrer Profess vor 60 Jahren. Sie feiern den, der sie in seine engere Nachfolge gerufen hat und wir feiern mit ihnen. «Herr, du kennst meinen Weg, und du ebnest die Bahn, und du führst mich den Weg durch die Wüste», hieß es im Eröffnungslied dieser Feier. Wie richtig! Er kennt den Weg, und er weist auch den Weg, den wir zu gehen haben.
Von dem dänischen Philosophen und Theologen Sören Kierkegaard – er lebte im 19. Jahrhundert – stammt der bedenkenswerte Satz: «Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden». Lassen Sie mich diesen Satz anhand eines Erlebnisses illustrieren.
Als Bub stand ich einmal auf der Brücke eines Bahnhofes in Budapest. Das Bild, das sich meinen Augen darbot, war für mich schlicht überwältigend. Schon in weiter Entfernung sah ich die Züge aus verschiedenen Richtungen sich dem Bahnhof nähern. Ich geriet aber dann in Verwirrung, als ich einen Zug in den Blick nahm, der auf der äußersten Linke der Schienen heranrollte. Ich habe mir im Geiste bereits ausgerechnet, er werde ganz links einlaufen. Aber dann musste ich wahrnehmen, wie er seinen Kurs nicht nur einmal, sondern mehrmals änderte, bis er schließlich ganz rechts in die Halle einfuhr.
Ich versuchte zwar, mit meinem Blick den Gleisen zu folgen, aber schon bei der zweiten Kreuzung verlor ich den Überblick, denn ich kannte nicht das System und die Technik der Weichen. Ich wusste nicht, dass im Bahnhof jemand sitzt, der die Weichen stellt, der die Fahrtrichtung lenkt und die Züge dorthin laufen lässt, wohin er will.
«Das Leben wird rückwärts verstanden», sagt Kierkegaard. Wie wahr! Über vieles staunen wir, das wir erst im Nachhinein verstehen, aber wird das Leben restlos verstanden? Bleibt da nicht Unverstandenes, weil letztlich Unverstehbares?
Beim Propheten Jesaja spricht Gott: «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege. Nein! So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch sind meine Wege über euren Wegen und meine Gedanken über eure Gedanken» (55,8f.).
Ich denke, das Leben wahrt bei aller Durchsichtigkeit, die es uns in zunehmendem Alter an Verstehen gewährt, sein Geheimnis. Die Bibel empfiehlt uns, es als Pilgerschaft zu betrachten. Was uns als Pilger im Sinne des Neuen Testamentes aus- und kennzeichnet, ist das Wissen um das Ziel, auf das hin wir unterwegs sind.
Unsere Jubilarinnen haben sich als Lesung für diesen Festgottesdienst einen Text aus dem Ersten Petrusbrief gewünscht. Darin ist vom Ziel und vom Weg des Glaubens die Rede. Die Perikope aus dem Johannesevangelium berichtet vom Gang Jesu über den vom Sturm aufgewühlten See; sie gipfelt im Ruf Jesu an die Seinen: «Ich bin es; fürchtet euch nicht!».

Bevor wir nun das Wort Gottes hören und die Eucharistie miteinander feiern, wollen wir im Kyrie-Ruf das Erbarmen des Herrn auf uns herabrufen.

Kyrie: GL 523

Gloria: GL 223, 1. u. 4.-5.

Tagesgebet:

Getreuer Gott, erfülle uns mit Dankbarkeit für deine Liebe, die unseren Jubilarinnen zuteil geworden ist. Sie wollen heute ihre Selbsthingabe, zu der du sie befähigt hast, erneuern.
Stärke in ihnen den Geist der vollkommenen Hingabe und hilf ihnen, von Tag zu Tag eifriger deiner Ehre und dem Heil der Menschen zu dienen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn, der mit dir und mit dem Hl. Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

Lesung: 1 Petr 1,1-9

1. Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Auserwählten, die als Fremde in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien in der Zerstreuung leben
2. von Gott, dem Vater, von jeher ausersehen und durch den Geist geheiligt, um Jesus Christus gehorsam zu sein und mit seinem Blut besprengt zu werden. Gnade sei euch und Friede in Fülle.
3. Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben
4. und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist.
5. Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll.
6. Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfung leiden müsst.
7. Dadurch soll sich euer Glaube bewähren, und es wird sich zeigen, dass er wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist. So wird (eurem Glauben) Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil bei der Offenbarung Jesu Christi.
8. Ihn habt ihr nicht gesehen und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude,
9. da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil.

Wort des lebendigen Gottes – Dank sei Gott!

Antwortgesang: LQ 936, 4-6

Evangelium: Joh 6,16-21

16. Als es aber spät geworden war, gingen seine Jünger zum See hinab,
17. bestiegen ein Boot und fuhren über den See, auf Kafarnaum zu. Es war schon dunkel geworden, und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen.
18. Da wurde der See durch einen heftigen Sturm aufgewühlt.
19. Als sie etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gefahren waren, sahen sie, wie Jesus über den See ging und sich dem Boot näherte; und sie fürchteten sich.
20. Er aber rief ihnen zu: Ich bin es; fürchtet euch nicht!
21. Sie wollten ihn zu sich in das Boot nehmen, aber schon war das Boot am Ufer, das sie erreichen wollten.

Evangelium unseres Herrn Jesus Christus – Lob sei dir Christus.

Predigt

Schwestern und Brüder im Herrn!

Ich muss zum Beginn meiner Predigt eine m. E. für das rechte Verständnis biblischer Texte insgesamt ungemein wichtige Vorbemerkung machen. Kein Geringerer als der gegenwärtige Papst Benedikt XVI. hat in seiner jüngsten Enzyklika Über die christliche Hoffnung auf den viel zu wenig beachteten Doppelaspekt der biblischen Sprache hingewiesen. Wie die meisten literarischen Texte, will auch die Bibel ihre Leser oder ihre Hörer zunächst über ihre Inhalte informieren. Darüber hinaus aber verfolgt sie noch ein anderes, eigentliches Ziel. Sie will nicht nur informieren, sondern, um ein Fachwort aus den modernen Sprachwissenschaften, der sogenannten Linguistik zu gebrauchen, performieren – das heißt, sie will auf die Leser oder Hörer einwirken, und zwar so einwirken, dass diese sich ändern. «Das Evangelium», so der Papst wörtlich, «ist nicht nur Mitteilung von Wissbarem; es ist Mitteilung, die Tatsachen wirkt und das Leben verändert» (Spe salvi 2).

Es ist also ein Unterschied, ob wir das Bibelwort aus einem schlichten Informationsbedürfnis hören, oder ob wir uns davon berühren, vereinnahmen und verändern lassen. Konkret bedeutet das für unsere gegenwärtige Feier: Die Jubilarinnen wollen und auch wir sollen diese von ihnen zu ihrer diamantenen Profess gewünschten Texte der Lesung und des Evangeliums nicht einfach als eine Information von anno dazumal vernehmen, nein, sie betrachten sich selbst als jene, die, wie in der Lesung vernommen, «als Fremde ... in der Zerstreuung leben», die «von Gott, dem Vater, von jeher ausersehen und durch den Geist geheiligt» sind, «um Jesus Christus gehorsam zu sein». Ihnen, den Feiernden, und uns, den Mitfeiernden, gilt somit der Gruß, mit welchem der Verfasser des Ersten Petrusbriefes sein Schreiben an die Gemeinden im damaligen in Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien eröffnet: «Gnade euch und Friede in Fülle».

So interessant exakte Antworten auf einzelne Fragen zu diesem Text auch wären, ob denn tatsächlich der Apostel Petrus der Verfasser dieses Briefes war, und was ihn veranlasst haben möge, den Brief zu schreiben, sie sind für den lebendigen Glauben sekundär. Primär und von fundamentaler Bedeutung hingegen ist die Verkündigung: Gott hat uns nicht nur erschaffen, «er hat uns in seinem großen Erbamen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben». Dies, und nichts anderes ist der Kern der neutestamentlichen Botschaft.

Lebendiger Glaube und lebendige Hoffnung sind gefragt. Woran glauben und worauf hoffen? An das im Erlösungswerk Christi empfangene Heil glauben und auf das «unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe, das im Himmel» für uns «aufbewahrt ist», hoffen, lautet die Antwort, die heutzutage nicht mehr alle, die sich Christen nennen, hören, geschweige denn ernst nehmen wollen.

Heinrich Heine, ein Zeitgenosse des erwähnten Kierkegaard, spottete, «Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen», was viele, leider auch Christen, nachbeten. Nicht so Jesus: «Vater unser, der du bist im Himmel», lehrte und lehrt das Evangelium immer noch uns beten. Und zugleich belehrt der Gekreuzigte und Verherrlichte die Seinen, dass der ‹Himmel› als der Inbegriff des Heils nie und nimmer hier schon auf Erden zu haben ist. Das ‹Heil›, so der Vers 5 unserer Lesung, wird erst «am Ende der Zeit offenbart». Hier und jetzt dominiert im Verhältnis zur Ewigkeit ‹die kurze Zeit des Leidens und der Prüfungen›, wodurch sich der ‹Glaube›, der ‹wertvoller als im Feuer geprüftes Gold› ist, bewähren soll. «So wird unserem Glauben Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil bei der Offenbarung Jesu Christi».

Es bedeutet gewiss viel, Glauben und Liebe einer Person entgegenzubringen, die man nicht gesehen hat, heißt es im Text. Der hl. Augustinus würde im Anschluss an den Apostel Paulus sagen, die Gnade, ‹die durch den Hl. Geist in unsere Herzen eingegossene Liebe› (Röm 5,5) vermag dies zu bewirken. Solcher Glaube artikuliert sich dann nach unserem Text im Jubel, «in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärten Freude».

Unsere Jubilarinnen wünschten sich als Evangelienperikope den «Gang Jesu auf dem Wasser». Diese Perikope ist eingebettet in den Bericht über das große Speisewunder im Kapitel 6 des Johannesevangeliums, an das sich die Brot- bzw. die Eucharistierede des Herrn zu Kafarnaum anschließt. «Jesus», so vermerkt der Evangelist nach dem Wunder der Brotvermehrung, «erkannte, dass ...(die Menge) kommen würde, um ... ihn zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein». Jesus wollte nicht König im politischen Sinn werden. Als Pilatus ihn im gleichen Johannesevangelium fragte, ob er ‹König der Juden› sei, verneinte er dies gleich zweimal, indem er sagte: «Meine Königsherrschaft ist nicht von dieser Welt» (18,36). Seine Herrschaft ist also eine umfassendere. Davon kündet der «Gang Jesu auf dem Wasser».

Der hl. Augustinus, der das ganze Johannesevangelium in 124 Traktaten oder Predigten auslegte, beantwortet die Frage, wie denn Jesus sich dem Boot der Jünger genähert habe: «Die Wogen niedertretend, alle Aufwallungen der Welt unter den Füßen habend, alles Hohe dieser Zeitlichkeit niederdrückend. Das geschieht, solange die Zeit zunimmt und das Alter der Welt voranschreitet. Es mehren sich in dieser Zeit die Drangsale, es mehren sich die Übel, es mehren sich die Heimsuchungen, es häuft sich dies alles; Jesus geht darüber hin, die Wogen tretend» (25,6).

«Und doch sind die Trübsale so groß», fährt Augustinus weiter, «dass auch jene, die an Jesus glauben und auszuharren suchen bis zum Ende, in Angst sind, sie möchten erliegen; obwohl Christus die Wogen tritt, die Eitelkeiten und das hochfahrende Wesen der Welt niederdrückt, ängstigt sich der Christ». Warum ängstigt er sich, fragt der predigende Bischof. Sieht er denn nicht, so antwortet er mit Maria im Magnificat, wie der Herr ‹die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht›? (Lk 1,52). Daher der Imperativ als der eigentliche Höhepunkt der Perikope: «Ich bin es, fürchtet euch nicht!» Dieser Imperativ hat, wie dargelegt, einen performativen Sinn; er will und soll uns Christen die Furcht nehmen und uns daran erinnern, dass wir Bürger eines anderen Staates sind, den Augustinus in seiner epochalen Schrift die ‹Civitas dei›, den ‹Gottesstaat› nannte.

In seinem wohl persönlichsten Schreiben, dem Philipperbrief, unterstreicht auch der Apostel Paulus diese, alles Irdische hintansetzende Bürgerschaft. Er erwähnt dort «unter Tränen» die «Feinde des Kreuzes Christi» und rühmt zugleich die Bürgerschaft der an das Erlösungswerk Christi Glaubenden, denn, so schreibt er: «Unsere Heimat ... ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch den Retter, den Herrn Jesus Christus, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann» (3,20f.).

Der Kern der Kritik an den Christen war schon immer der Vorwurf, sie würden eben aufgrund ihres Glaubens an einen Himmel diese gegenwärtige Welt fliehen und sich an deren Aufgaben und Problemen nicht gebührend engagieren. Stimmt das? Schon die Apostelgeschichte und die Briefe des Apostels Paulus, die wiederholt auf das soziale Engagement der Christen zu sprechen kommen, belehren uns eines anderen: Die junge Kirche glänzte durch ihre Caritas, durch ihre karitativen Werke. Allem voran die Ordensleute – Männer wie Frauen, und ich glaube sagen zu dürfen, die Frauen eher als die Männer – prägten das Bild der karitativen Kirche. Gerade die sozialen Aktivitäten der noch verhältnismäßig jungen Kongregation der Ritaschwestern, zu denen unsere vier Jubilarinnen sicher nicht wenig beitrugen, bestätigen dies mit ihrem 60 jährigen Dienst in den verschiedensten Sparten ihrer Aufgabenbereiche aufs Glänzendste. Dafür sei ihnen auch an dieser Stelle ein herzliches Vergelt’s Gott gesagt.

Ich möchte zum Schluss nochmals auf den Lebensweg sowie auf die christliche Pilgerschaft und deren Ziel zurückkommen, von der zum Beginn unseres Gottesdienstes die Rede war. Im gerade erwähnten Philipperbrief kommt der Apostel Paulus darauf abermals zu sprechen. Sein Ziel – was anderes sollte dies sein? – ist «die Gemeinschaft mit Christus». Ausdrücklich und nachdrücklich verlangt er von seinen Lesern, ihn bei der Verfolgung dieses Zieles nachzuahmen. «Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre», schreibt der Apostel. «Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Schwestern und Brüder, ich rede mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt».

Dass Gott unseren Jubilarinnen nach Vollendung ihres Lebensweges den gleichen Siegespreis schenken möge, darum wollen wir den Herrn in dieser Eucharistiefeier bitten. Amen.

Fürbitten

Priester:

Jesus Christus hat uns in seinen Dienst gerufen. Voll Vertrauen beten wir zu ihm.

Vorbeterin:

Erfülle alle, die mit uns dieses Fest feiern, mit tiefer Freude und Dankbarkeit.

In den vielen Jahren unseres Dienstes hast du uns immer wieder Menschen zur Seite gestellt, die uns Mut und Kraft geschenkt haben.

Rufe wieder Frauen in unsere Gemeinschaft, die unsere Aufgabe fortsetzen, die du mit uns begonnen hast.

Schenke uns Kraft und Trost für unseren weiten Weg, damit wir voll Zuversicht dir entgegen gehen können.

Lehre uns begreifen, wie groß deine liebevolle Sorge ist, und lass uns erfahren, was deine Hilfe vermag.

Wir bitten dich für unsere verstorbenen Mitschwestern Felizitas, Philomena und Imelda, die mit uns unterwegs waren, und für die, die unsere Gemeinschaft wieder verlassen haben. Führe alle zusammen am Tisch in deinem Reich.

Lohne unseren verstorbenen Eltern und Angehörigen ihre Opfer und Mühen, mit denen sie unsere Entscheidung der Nachfolge begleiteten.

Priester:

Allmächtiger Gott, auf dich haben wir unser ganzes Vertrauen gesetzt. Wir bitten dich, höre auf unser Beten und komm allen zu Hilfe, die der Hilfe bedürfen. So beten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Gabenbereitung: Instrumental

Gabengebet:

Nimm diese Gaben entgegen, o Herr. Nimm die Selbsthingabe unserer Jubilarinnen, die sie heute vor dir erneuern, gnädig an und mache sie durch die Kraft des Heiligen Geistes immer mehr dem Bilde deines geliebten Sohnes gleich, der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

Sanktus: GL 257,2

Agnus Dei: LQ 323

Dank: GL 266, 1.-3.

Schlussgebet:

Herr, wir haben den Leib und das Blut deines Sohnes empfangen, die Gaben, die du uns in dieser Jubelfeier gewährt hast.
Stärke durch Speise und Trank vom Himmel unsere Schwestern und uns alle, damit wir auf dem Weg, dessen Ziel du selber bist, glücklich voranschreiten. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Auszug: Instrumental Trompete und Orgel

Fest des hl. Augustinus 2007

Mutterhaus der Ritaschwestern

Cornelius Petrus Mayer OSA

Vorspann

Ich war schon angenehm überrascht, als Sie mich am 8. Januar dieses Jahres zu einem Vortrag über das Thema «Ehret in euch gegenseitig Gott, dessen Tempel ihr geworden seid» mit der Begründung einluden, dieser Satz aus dem Anfang der Regel (1,8) unseres Ordensvaters habe bei den Vorbereitungen auf Ihr Kapitel im vergangenen Jahr eine wichtige Rolle gespielt. Darin, so wurde mir gesagt, fanden Sie bei der Suche nach einem Konzept für die Spiritualität Ihrer Kongregation so etwas wie einen Leitgedanken oder ein Fundament des Zusammenlebens. Der Text gibt in der Tat dies her.

Heute, da wir uns am Festtag unseres Ordensvaters zur Feier der Eucharistie eingefunden haben, möchte ich Ihnen in der Predigt einen anderen Satz vorlegen, der im Gegensatz zu jenem am Anfang am Ende der Regel zu lesen ist, und der die Spiritualität, welche die Regel uns vermittelt, sozusagen auf den Punkt bringt.

Der Satz lautet: «Der Herr gebe euch die Gnade, dass ihr als Liebhaber der geistigen Schönheit dies alles mit Liebe verfolgt und dass ihr auf diese Weise den Wohlgeruch Christi durch euren Lebenswandel verbreitet – nicht wie Sklaven unter dem Joch des Gesetzes, sondern wie Freie unter der Gnade» (8,1).

Was ist darunter zu verstehen, Liebhaber bzw. Liebhaberin der geistigen Schönheit zu sein? Und: wie wird man das? Diese Fragen sollen uns in der Predigt beschäftigen.

Predigt

Über die Person und das Werk des hl. Augustinus, der nicht nur seine eigene Zeit, sondern auch die Zeiten der auf ihn folgenden Jahrhunderte wie kein zweiter kulturell geprägt hat, erscheinen weltweit jährlich immer noch rund 300 Titel. Diese schier einmalige Wirkungsgeschichte hängt gewiss weithin von der Tiefe seiner Gedanken, zugleich aber auch von der Faszination seiner Sprache ab, in der er seine Schriften verfasst hat. Der fromme und gelehrte Bischof war nämlich ein vollendeter Ästhet, d.h. ein Mensch, der das Schöne liebte, und der bei allen seinen Aktivitäten auf das Schöne bedacht war.

Dieses ausgeprägte Interesse am Schönen schlug sich natürlich auch im Text der Regel nieder, die Augustinus zum Beginn seines Episkopates, etwa um das Jahr 397 für Ordensleute geschrieben hat. Darin wendet er sich als Bischof und Ordensgründer an Laien- und Klerikermönche, mit denen er zusammen lebte, ebenso aber auch an Kloster-frauen, die sich in der Umgebung seines Bischofshauses niederließen.

Schon die Komposition dieser Regel ist wie viele andere Schriften des Kirchenvaters ein Kunstwerk. Sie beginnt mit dem Aufriss des Grundideals einer ‹einmütig› auf Gott hin ausgerichteten Lebensfüh-rung.

Nun bedarf eine solche Lebensführung auch konkreter, den Verlauf der täglichen Aufgaben und Bedürfnisse regelnder Weisungen. In sieben Kapiteln werden sie im Einzelnen dargelegt: das gemeinsame und private Gebet, die Sorge um das leibliche und geistige Wohl, der gegenseitige Dienst aneinander, die geschwisterliche Zurechtweisung und dergleichen mehr.

Indes, diese Regel wäre nicht die Regel Augustins, käme darin die Gnade nicht gebührend mit zur Sprache – die Gnade, die ein solches Zusammenleben trägt und prägt und mit ihrer Hilfe auch ermöglicht. Dies geschieht im kurzen letzten Kapitel. Kenner der Werke Augustins weisen darauf hin, dass erst dieser Satz aus dem Schlusskapitel den Lesern der Regel den Schlüssel zu ihrem rechten Verstehen zur Hand gibt: «Der Herr gebe euch die Gnade, dass ihr gleichsam als Liebhaber der geistigen Schönheit dies alles mit Liebe verfolgt und auf diese Weise den Wohlgeruch Christi durch euren Lebenswandel verbreitet – nicht wie Sklaven unter dem Joch des Gesetzes, sondern wie Freie unter der Gnade».

Nach der Augustinus-Regel sind also Ordensleute Liebhaber der geistigen Schönheit – was Schöneres könnte man über sie sagen! Als solche sind sie aufgerufen, ihre ganze Existenz unter ein einziges Gesetz zu stellen, unter das ‹Gesetz der Liebe›, um als ‹Freie unter der Gnade› ihr Leben zu gestalten. Ein großes Wort mit hohem Anspruch!

Wie aber wird man ‹Liebhaber der geistigen Schönheit›? Diese ungemein wichtige Frage beantwortete Augustinus ausführlich in den dreizehn Büchern seiner Bekenntnisse, die er gerade um die Zeit der Abfassung der Regel zu schreiben begann.

Um es gleich vorwegzunehmen, Augustinus besaß bis zu seinem Tod wache Sinnesorgane, mit denen er das Schöne in seiner Umgebung bewusst und lebhaft wahrnahm. Freilich nahm er ebenso wahr, dass sich das Schöne in dieser Welt dem Wahr-nehmenden sozusagen nur im Vorübergehen dar-bietet – konkret: dass die Rose verblüht, dass das Lied verklingt und dass der Duft verströmt.

Was also ist das Schöne in seiner vergänglichen Gestalt, wenn nicht lediglich der Abglanz jenes Schönen, das nicht vergeht, sondern bleibt? Und zwar bleibt es deshalb, weil es allem Schönen, so lange dieses sein Schönsein wahrt, Anteil gibt. Und was ist dieses Schöne, wenn nicht Gott, die Schön-heit selbst als der Schöpfer, als der Erlöser und als der Vollender aller Dinge?

Solche Gedanken entfaltete Augustinus bereits in einer der bald nach seiner Bekehrung abgefassten Schriften, der er den vielsagenden Titel Über die Ordnung gab. Schon darin zeigte und mahnte er, dass der Betrachter der Dinge bei der Wahrnehmung von deren Schönsein nicht innehalten dürfe, sondern dass er gleichsam Stufe für Stufe, von Außen nach Innen, und von Innen nach Oben fortschreiten müsse, um jene von der Schönheit geprägte Ordnung wahrnehmen zu können, die von Gott ausgeht und den Weg zu Gott weist.

Diesen Aufstieg über das Schöne zur Schönheit entfaltet Augustinus dann mustergültig im zehnten Buch seiner Bekenntnisse. Wohlgemerkt, der Bereich des Sinnlichen wird da nicht ausgeschaltet oder verleugnet, gar verdammt, sondern integriert, einbezogen, überhöht, denn das Erschaffene ist es, durch das und über das man sich zu Gott erhebt. So und nur so wird man ‹Liebhaber der geistigen Schönheit›.

Hören Sie sich diesen inhaltlich wie auch sprach-lich bestrickenden Text aus den Bekenntnissen an, den Augustinus gezielt an die Spitze seiner Be-schreibung des Aufstiegs gesetzt haben dürfte: Er beginnt mit der Frage «Was aber liebe ich, wenn ich dich (Gott) liebe?» Die Antwort lautet: «Nicht Schönheit des Körpers, zeitliche Anmut nicht, nicht hellen Glanz des Lichtes, ... nicht süße Weisen aus dem vielgestaltigen Reich der Töne, nicht der Blumen und der Salben und der Gewürze Wohlgeruch, Manna und Honig nicht, nicht liebreizende Glieder in fleischlichen Umarmungen: das ist’s nicht, was ich liebe, wenn meinen Gott ich liebe».

Ist dies aber nicht eine Verleugnung alles irdisch Schönen? Mitnichten! Mitnichten, denn der Auf-stieg baut darauf auf. Deshalb fährt der Text fort: «Und dennoch liebe ich wahrhaft ein Licht und ei-nen Klang und Wohlgeruch, Speisen und Umfangen meines inneren Menschen, wo meiner Seele leuchtet, was kein Raum zu fassen mag, und wo ertönt, was keine Zeit entrafft, und wo erduftet, was kein Wind verweht, wo Speise schmeckt, die nicht die Esslust mindert, wo selig eint, was Übersättigung nicht abstumpft. Das ist es, was ich liebe, wenn meinen Gott ich liebe» (10,8).

Darauf erst beginnt Augustin die Dinge, die ihn umlagern, ins Visier zu nehmen und zu fragen, ob sie denn Gott seien. Sie aber schrieen, heißt es, «wir sind dein Gott nicht, suche höher!» (eb. 10,9). Und so geht der Aufstieg zunächst über die Aus-stattung der Geistseele und deren Betrachtung weiter. In bestrickenden Bildern wird die Innenwelt des Menschen mit den ‹weiten Hallen des Gedächtnisses› geschildert. Aber auch die Geistseele ist nicht Gott. Indes, sie vermag Wahres vom Falschen zu unterscheiden, ebenso Gutes vom Bösen und Schönes vom Hässlichen und auf diese Weise die ‹Spuren Gottes› noch deutlicher zu erkennen. Indem sie aber diese erkennt, erfährt sie sich selbst als ‹Abbild Gottes›, der das Urbild alles Guten, alles Wahren und alles Schönen ist.

Der Aufstieg, den Augustinus in diesem zehnten Buch seiner Bekenntnisse weit und breit unter Auf-wendung all seines sprachlichen Könnens entfaltet – es lohnte sich, diese Texte einmal zur Grundlage von Exerzitien zu machen – dieser Aufstieg endet in einer Art Hymne auf die Schönheit Gottes, die Dichter und Musiker wiederholt zu künstlerischem Schaffen inspirierte: «Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch so neu, spät habe ich dich geliebt. Und siehe, du warst drinnen und ich war draußen, und dort suchte ich dich, und auf das Schöngestaltete, das du geschaffen, warf ich mich selber missgestaltend. Du warst mit mir und ich war nicht bei dir. Und weit hielt mich von dir, was gar kein Dasein hätte, wäre es nicht in dir. Du hast gerufen, ja geschrieen und meine Taubheit zerrissen; du hast geblitzt und gestrahlt und meine Blindheit verscheucht; du hast geduftet, und ich habe den Hauch eingeatmet und lechze nun nach dir; ich habe gekostet, nun hungere ich und dürste; du hast mich angerührt, und da bin ich entbrannt nach deinem Frieden» (ebd. 10,38).

Lassen Sie mich zum Schluss nochmals kurz auf unsere Ordensregel zurückkommen. Ich sagte eingangs, der zitierte Satz mit der Anrede seiner Adressaten als Liebhaber der geistigen Schönheit sei deren eigentlicher Höhepunkt. Er ist in der Tat deren Substanz, denn manch konkrete Anweisung darin war und ist zeitbedingt. Wir tragen – um nur ein Beispiel zu nennen – keine gemeinsame Wäsche mehr.

Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. Was sich aber nicht ändert, was seit Abfassung der Regel galt und weiterhin gelten soll und muss, ist das von Augustinus angeregte Leitmotiv zu einem Leben im Ordensstand, nämlich gemeinsam dem Schönen anzuhangen, dem Schönen in uns und um uns Raum zu geben, und zwar vorzüglich durch Befol-gung des Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe. Dies verlangt Wachsamkeit, nicht Zwang, gegenseitige Ermutigung und Ermunterung, stehen wir doch «nicht wie Sklaven unter dem Joch des Gesetzes, sondern wie Freie unter der Gnade».

Noch ein Letztes: In seinen Predigten zum Ersten Johannesbrief bindet Augustinus das Gebot der Liebe an das Streben nach geistiger Schönheit und das Streben nach geistiger Schönheit an das Liebesgebot. «Auf welche Weise werden wir schön?» fragt er. «Indem wir den lieben», antwortet er, «der immer der Schöne ist». Und dann heißt es: «In dem Maße in dir die Liebe wächst, wächst deine Schönheit; denn die Liebe ist der Seele Schönheit» (9,9).

Dass in uns beides wachse, die Liebe und die Schönheit, dies wünsche ich Ihnen und mir zum Fest unseres Ordensvaters Augustinus. Amen.