ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Dieser Artikel erscheint im Augustinus-Lexikon in dessen 4. Band, Faszikel 5/6 (2016) auf den Spalten 666-668.

  • Pfingsten 897x342

    Pfingstdarstellung aus einem ostenglischen Missale (Anfang 14. Jh.). National Library of Wales. - Bildquelle: wikimedia commons/CC0 0.1


I. Terminologie – II. Theologische Deutung und liturgische Gestalt des Pfingstfestes. – 1. Pfingsttheologie – 2. Pfingstliturgie

I. Terminologie. – Im Neuen Testament (cf. bereits 2 Mcc 12,32) bezeichnet p. (griechisch ἡ πεντηκοστή (sc. ἡμέρα)) das jüdische Wochenfest (Schawuot) am 50. Tag nach Pesach/↗Pascha (Act 2,1; 20,16; 1 Cor 16,8). Nach der Chronologie der Apostelgeschichte ereignete sich nach dem Tod Jesu an diesem Termin die Herabkunft des Hl. Geistes (↗Spiritus sanctus) auf die Apostel (Act 2,1-4). Schon früh erlangt die p. eine Bedeutung für die christliche Liturgie [1], wobei der Akzent zunächst auf der Zeitspanne von 50 Tagen als einer österlichen Freudenzeit liegt [2]. Im Zuge der Herausbildung eines am zeitlichen Ablauf der biblischen Berichte orientierten Osterfestkreises (↗Resurrectio) wird der 50. Tag im Laufe des 4. und 5. Jh.s zu einem eigenständigen Fest mit dem Inhalt der Geistsendung. So bezeichnet das aus dem Griechischen transkribierte Wort p. bei A. stets und ausschließlich den 50. Tag [3]. Von Pfingsten spricht er in der Regel als dem am ‹dies pentecostes› [4] stattfindenden Fest [5] und nennt es damit nur mittelbar. Die gleichwohl verschiedentlich thematisierte [6] fünfzigtägige österliche Festzeit heißt nun latinisiert ↗‹quinquagesima› [7].

Anmerkungen

[1] Cf. Kretschmar; Boeckh; Cabié; Auf der Maur, Feiern 68.70.79-81; Id., Osterfeier 123-134. – [2] Für Nordafrika cf. Tert. orat. 23,2; ieiun. 14,2; bapt. 19,2. – [3] C. Faust. 32,12: «pentecosten etiam, id est a passione et resurrectione domini quinquagesimum diem, quo nobis sanctum spiritum paracletum, quem promiserat, misit.» – [4] Z.B. s. 266,2: «enim solemnitatem modo celebramus aduentus spiritus sancti: nam die pentecostes, qui dies iam coepit, erant uno in loco». Nur an einer Stelle bezeichnet p. direkt das Pfingstfest: «ascendit, decem diebus ibi factis misit spiritum sanctum: ipse est solemnis futurus pentecostes» (s. 265,8). – [5] Dabei fällt auf, daß A. die Wendung ‹celebrare pentecosten› nur für die jüdische Feier des Wochenfestes gebraucht (s. Dolbeau 31,2.4; cf. s. 8,17; 270,6). – [6] Cf. inq. Ian. 2 (= ep. 55),28.32; ep. 36,18; s. 228,1; 259,2. – [7] Cf. diu. qu. 81,2; Io. eu. tr. 17,4. In s. Lambot 25,4 wiederum steht ‹quinquagesima› singulär für das Fest am 50. Tag, dessen Verbreitung in der gesamten Kirche betont wird.

II. Theologische Deutung und liturgische Gestalt des Pfingstfestes.

1. Pfingsttheologie. – Aus den einschlägigen Predigten [8] und anderen Schriften A.s lassen sich zwei bevorzugte Deutungen des Pfingstereignisses erheben. Die erste, ekklesiologische Interpretation bezieht das Sprachenwunder von Act 2 (↗Lingua, 3,997sq.) auf die Universalität und Einheit der Kirche (↗Ecclesia, 2,697sq.), die Menschen aller Sprachen umfaßt (cf. besonders s. 267-269 und – das Gegenbild zur babylonischen Sprachverwirrung betonend – ib. 271) [9]. Die zweite, typologische Deutung stellt die Geistsendung der Übergabe des Gesetzes am Sinai (↗Decalogus) gegenüber (cf. besonders ib. 270 und s. Dolbeau 31) [10], womit sie die zeitgenössische, spätestens seit dem 3. Jh. belegte jüdische Interpretation des Wochenfestes aufgreift. Eine besondere Rolle spielt außerdem die aus den Zahlen 7, 10 und 40 gewonnene und auf den Hl. Geist bezogene Zahlensymbolik des 50. Tages [11] (↗Numerus).

2. Pfingstliturgie. – Die Gemeinde in Hippo kannte eine auch als Tauftermin fungierende Pfingstvigil mit Eucharistiefeier sowie eine zweite Messe am Tage (cf. s. Dolbeau 31,2) [12]. Die von der älteren Forschung gepflegte Methode, aufgrund in Predigten erwähnter Schriftstellen die Festperikopen zu benennen [13], wird heute kritischer beurteilt [14]. Eine ausdrückliche Bezugnahme auf die Evangelienlesung scheint jedoch in s. 267,2 und s. Dolbeau 31,1 vorzuliegen: Mt 9,17 illustriert die erneuernde Wirkung des Geistempfangs [15].

Anmerkungen

[8] Cf. zu A.s Pfingstpredigten Cabié 222- 237; Hoondert; Drobner (zu s. Dolbeau 8); insbesondere jedoch Margoni-Kögler 133-139. – [9] Cf. auch c. Faust. 32,15; Cresc. 2,17; cath. fr. 29; s. Mai 86,3. – [10] Ferner c. Faust. 32,12; en. Ps. 90,2,8. – [11] Cf. vor allem s. dom. m. 1,12; s. 8,17; 270,3.5sq. – [12] Cf. Cabié 203-209; Margoni-Kögler 136-139. – [13] Z.B. Willis 29.68-70. – [14] Cf. Hoondert 304-308. – [15] Für eine Übersicht der Schriftlesungen an Pfingsten cf. Margoni-Kögler 139.

Bibliographie. – H. Auf der Maur, Feiern im Rhythmus der Zeit 1. Herrenfeste in Woche und Jahr, Regensburg 1983. – Id., Die Osterfeier in der alten Kirche, Münster 2003. – J. Boeckh, Die Entwicklung der altkirchlichen Pentekoste: JLH 5 (1960) 1-45. – R. Cabié, La Pentecôte. L’évolution de la Cinquantaine pascale au cours des cinq premiers siècles, Tournai 1965. – H.R. robner, Augustinus, Sermo in vigilia pentecostes aus den in Mainz neuentdeckten Predigten. Datierung und deutsche Übersetzung: ThGl 83 (1993) 446-454. – M.J.M. Hoondert, Les sermons de saint Augustin pour le jour de la pentecôte: Aug(L) 46 (1996) 291-310. – G. Kretschmar, Himmelfahrt und Pfingsten: ZKG 66 (1954/55) 209-253. – M. Margoni-Kögler, Die Perikopen im Gottesdienst bei Augustinus. Ein Beitrag zur Erforschung der liturgischen Schriftlesung in der frühen Kirche, Wien 2010. – W. Roetzer, Des heiligen Augustinus Schriften als liturgie-geschichtliche Quelle, München 1930. – G.G. Willis, St Augustine’s Lectionary, London 1962.

Alexander Zerfaß

© Verlag Schwabe AG, Basel

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