ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Klassentreffen 19.-21. Juni 2011 in Aschaffenburg
Stiftsbasilika 11:00 Uhr
Predigt von Prof. Dr. Cornelius Petrus Mayer OSA

Vorspann

Jedes unser 31 Klassentreffen beschlossen wir mit einer Eucharistiefeier – wie sinnvoll! Heißt doch das griechische Verb εὐχαριστεῖν schlicht und einfach danksagen. Das soeben gesungene Lied «Nun danket alle Gott, mit Herzen Mund und Händen» hat der protestantische Theologe und Kirchenmusiker Martin Rinckart während des Dreißigjährigen Krieges – in Zeiten größter Not, von der Gleiches auch wir erlebten – geschrieben.

Und dennoch sollen wir danken! «Lasset uns danken dem Herrn, unserem Gott» Mit diesem Ruf wird die feiernde Gemeinde jeweils zum eucharistischen Hochgebet eingeladen, worauf diese antwortet: Das ist würdig und recht. Diesen Gedanken greift dann die Präfation auf, wenn sie fortfährt: «In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken».

Ich möchte gerade im Hinblick auf diesen uns ehrenden Tatbestand, dass wir das Danksagen bei unseren Treffen nie vernachlässigt, geschweige denn vergessen hätten, die Eucharistie selbst zum Thema unseres Nachdenkens in der Predigt machen.

Vorspann zur Lesung: Im 11. Kapitel seines Ersten Korintherbriefes kommt der Apostel Paulus auf den Einsetzungsbericht der Eucharistie zu sprechen. Das geweihte Brot – so lautet der Kern seiner Verkündigung – ist Christi Leib. Dieses ‹Christi Leibsein› versucht er im folgenden Kapitel 12 den Korinthern näher zu erläutern:

Lesung aus dem Ersten Korintherbrief

«12. Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus.

13. In dem einen Geist wurden wir durch die Taufe alle zu einem einzigen Leib, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und wir wurden alle mit dem einen Geist getränkt.

14. So besteht auch der Leib nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen».

Keines der Glieder kann auf die anderen Glieder verzichten, alle haben einträchtig füreinander zu sorgen, argumentiert Paulus, ehe er vielsagend weiterfährt:

«26. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm».

Und es folgt der Höhepunkt der Ekklesiologie, der Lehre des Apostels über die Kirche:

«27. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm».

Wort des lebendigen Gottes.

Vorspann zum Evangelium: Der sogenannte Einsetzungsbericht ist im Neuen Testament vierfach überliefert: bei Paulus sowie bei den drei Synoptikern: Matthäus, Markus und Lukas. Wir hören die lukanische Version.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas

15. Und er (Jesus) sprach zu ihnen: Sehnsüchtig habe ich verlangt, dieses Pascha mit euch zu essen, bevor ich leide.

....

18. denn ich sage euch: ich werde von nun an nicht mehr von dem Gewächs des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt.

19. Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis!

20. Und in gleicher Weise nahm er nach dem Mahle den Becher mit den Worten: Dieser Becher ist der neue Bund (,der durch mein Blut besiegelt wird), das für euch vergossen wird.

Herr, durch dein Evangelium nimm hinweg unsere Sünden.

Predigt

Wer von uns Christen heute würde schon auf die Frage, was er für seine eigentliche Würde betrachtete, antworten: ‹Glied am Leibe Christi› zu sein? Dabei rangierte gerade diese Antwort an erster Stelle im frühen Christentum. Wie in unserer Lesung vernommen, ist sie im Neuen Testament selbst verankert und sie hängt dort aufs Engste mit der Eucharistie zusammen. Augustinus im 5. Jahrhundert lehrte sogar, erst mit der Kirche zusammen sei Christus ‹der ganze Christus, der totus Christus›, da doch auch ein Leib aus Haupt und Gliedern bestehe. Ja, am Ende einer seiner Predigten, die das Christsein zum Thema hatten, rief er den die Eucharistie mit ihm Feiernden zu: «Also lasst uns gegenseitig beglückwünschen, dass wir nicht nur Christen, sondern Christus geworden sind».

Vielleicht schütteln einige den Kopf und fragen: Wir Sünder Christus? Wer sonst! Ist Christus nicht um der Sünder willen Mensch geworden? Und ist er nicht für uns Sünder gestorben? Freilich, ist er der Erlöser, sind aber wir nicht die Erlösten?! «Durch ihn (das Haupt) haben wir (die Glieder) den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen», heißt es im Römerbrief des Apostels Paulus, der fortfährt, «und (wir) rühmen uns unserer Hoffnung, mit der wir der Herrlichkeit Gottes entgegengehen. Mehr noch», heißt es vielsagend weiter: «Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung». Sie, «die Hoffnung, lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist» (Röm 5,2-5). Er, der Hl. Geist, ist die Seele dieses Haupt und Glieder belebenden Leibes.

Noch ein weiterer Gedanke scheint mir für ein neutestamentliches Kirchen- und Eucharistieverständnis von Bedeutung zu sein. Wir, die Kirche im dargelegten Sinn, feiern die Eucharistie ‹in memoriam›, in Erinnerung an Christi Kreuzestod und Auferstehung. Die Kirche spricht zu Recht vom Messopfer. Dies ist keineswegs so zu verstehen, als müsste Christus, der ‹ein für allemal› sein Opfer vollzogen hat, wie es im Hebräerbrief (10,1-18) heißt, dies immer wieder aufs Neue tun. Die Kirche indes soll in der Gesinnung ihres Erlösers die Eucharistie feiern. In welcher Gesinnung? In der Gesinnung der Hingabe. Denn ‹der Menschensohn›, sagt Jesus im Markusevangelium, ist nicht gekommen, «um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele» (10,45). «Betet, Schwestern und Brüder», ruft darum der Priester am Ende der Gabenbereitung der Gemeinde zu, «dass mein und euer Opfer Gott dem allmächtigen Vater gefalle», worauf diese antwortet: «Der Herr nehme das Opfer an aus deinen Händen zum Lob und Ruhm seines Namens, zum Segen für uns und seine ganze heilige Kirche».

Wieder war es der hl. Augustinus, der die Verpflichtung der Kirche, bei der Feier der Eucharistie des Todes ihres Erlösers zu gedenken, sozusagen auf den Punkt gebracht hat. Er, Christus, war nämlich im Gegensatz zu den vielen Sühneopfern im Alten Testament der opfernde Priester und zugleich auch die Opfergabe. Die Kirche solle nunmehr als ‹Leib ihres Hauptes› lernen, in der Feier der Eucharistie sich selbst Gott hinzugeben und auf diese Weise sich zu opfern (Der Gottesstaat 10,20).

Apropos Opfer! Lebhaft erinnere ich mich noch an ein Thema, das unser verehrter Deutschlehrer zu Münnerstadt Martin Specht in der Oberklasse uns als Hausaufsatz stellte. Es lautete: «Wenn wir Geopferten werden zu Opfernden, dann haben wir heimgefunden ins Herz der Dinge und Gottes».

Welche Provokation an uns Jugendliche der Nachkriegszeit, aber auch welche Förderung durch Forderung! Erlebten wir doch das Ende eines politischen und gesellschaftlichen Systems, das das sinnlose Opfern und Geopfertwerden auf seine Fahne geschrieben hatte. Und wir lebten auch danach in einer Zeit, in der ein Überleben ohne Opfer kaum möglich war.

Der Satz beschäftigt mich heute noch, und zwar mit zunehmendem Alter zunehmend. Ja, gerade im Hinblick auf unsere fortgeschrittenen Jahre und auf unsere eucharistischen Feiern bei unseren Treffen gewann und gewinnt er immer noch an Leuchtkraft. Sollen wir doch bei der Feier der Eucharistie nicht nur des Todes Jesu gedenken, sondern auch seiner Verherrlichung, an der – so glauben wir zuversichtlich – die uns in Gottes Ewigkeit vorausgegangen sind, bereits Anteil haben.

Das ‹Heimfinden ins Herz der Dinge und Gottes› dürfen wir als Christen so interpretieren und so verstanden wissen, wie dies die zweite Strophe des Dankesliedes von Martin Rinckart besingt, mit der ich meine Predigt schließen will: «Der ewigreiche Gott / woll uns in unserm Leben / ein immer fröhlich Herz / und edlen Frieden geben / und uns in seiner Gnad / erhalten fort und fort / und uns aus aller Not / erlösen hier und dort». Amen.

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