ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Deutlich erweitert und durchweg kommentiert: Im Augustinus-Zitatenschatz begegnet der Leser dem Kirchenvater unmittelbar / Von Norbert Fischer

 

Der Pfarrer einer der größten Pfarreien der Diözese Mainz hat, nachdem er die neue Ausgabe des Augustinus-Zitatenschatzes erhalten hatte, freudig berichtet, wie anregend und schön diese Fundgrube für ihn sei: Das Buch habe seinen Platz nicht im Regal gefunden, sondern auf dem Frühstückstisch, wo es ihn allmorgendlich mit Erfolg zur Lektüre einlade. Geistliche – aber auch Lehrer und alle geistig wachen Menschen – werden, wenn sie in diesem Buch stöbern und sich auf die Sache einlassen, alsbald bemerken, welchen Gewinn sie aus dem Werk dieses großen Kirchenvaters ziehen können, der prägend für die Kirche und die westliche Kultur war, in seinen großartigen Texten heute aber meistens nur noch Spezialisten bekannt ist.
Augustinus hatte kein pessimistisches Geschichtsbild

Cornelius Mayer, der Leiter der weltweit wichtigsten Forschungsstelle zum Werk Augustins, dem Würzburger Zentrum für Augustinus-Forschung, hat die fünfte Auflage des Augustinus-Zitatenschatz vorgelegt, der eine ausgezeichnete Handreichung für das breitere Publikum bietet, vor allem in der jetzt deutlich erweiterten und durchweg kommentierten Fassung. Cornelius Mayer hat der Augustinus-Forschung – seit seiner Zeit als Professor der Justus-Liebig-Universität Gießen (1979–1995) – wirksame Anstöße gegeben, die Augustinus erneut nachhaltige Beachtung bei den Gelehrten verschiedener Disziplinen verschafft haben. Die hochwissenschaftlichen Früchte dieser Arbeit, die jetzt von Würzburg aus weiter betrieben wird, sind einerseits das von Cornelius Mayer initiierte und herausgegebene Augustinus-Lexikon, andererseits eine umfassende Ausgabe der Werke Augustins auf CD-ROM (Corpus Augustinianum Gissense), die intelligente Recherche-Möglichkeiten (auch für die einschlägige Literatur) bietet.

Umso mehr ist der erweiterte Augustinus-Zitatenschatz zu begrüßen, der ausgezeichnet geeignet ist, einer großen Leserschaft – Fachleuten wie Interessierten – einen Weg in das gewaltige Werk Augustins zu bahnen. Hervorzuheben ist zudem die prächtige Bebilderung der Schmuckausgabe, die mit zwölf Reproduktionen im DIN A 4-Format beeindruckt.

Auch über scheinbar allbekannte Autoren wird zuweilen hartnäckig Unfug verbreitet, wie vor kurzem wieder über Augustinus im Philosophischen Quartett des ZDF am 29. November 2009. Wer das höchste Ziel der menschlichen Sehnsucht nicht in Zeit und Welt sieht, vertritt damit noch keineswegs ein pessimistisches Geschichtsbild. Vielleicht ist sogar ein Geschichtsbild eher pessimistisch, das keine Perspektive des Glaubens über die Geschichte hinaus kennt und zulässt.

In jedem Falle ist aber anzuraten, Texte eines großen Autors lieber im Original zu lesen, als gängigen Meinungen über ihn blind zu vertrauen. Der von Cornelius Mayer gesammelte Augustinus-Zitatenschatz (= AZS) bietet reiche Möglichkeiten der unmittelbaren Begegnung mit diesem Kirchenvater. Die zahlreichen Zitate aus dem Werk Augustins sind unter 75 Stichwörtern geordnet, unter denen einschlägige Stellen dargeboten werden, jeweils im Originaltext mit Übersetzung und Kurzkommentar (teils mit Hinweisen zu weiterführender Literatur).

Augustinus vertritt kein ,finsteres‘ Menschenbild und Geschichtsverständnis, sondern ist vor allem Lehrer der Liebe Gottes zu den Menschen und damit zugleich der Lehrer einer göttlichen Liebe unter den Menschen. Dementsprechend sind unter dem Stichwort „Liebe“ (AZS 130–143) 21 Stellen mit Übersetzung und Kurzkommentar präsentiert. Und danach folgen noch vier Texte zum Stichwort „Liebe–Begierde“ (AZS 144–145). Zu beachten sind in diesem Kontext jedoch noch weitere Stichwörter, zum Beispiel „Feindesliebe“, „Freundschaft“, „Gott“ (darunter auch der Hinweis, dass Gott, wie Augustinus betont, „nicht nur männliche, sondern auch weibliche Züge“ habe; vgl. AZS 87), „Gottesliebe“, „Glaube, Hoffnung, Liebe“, „Liebe–Begierde“, „Menschwerdung Christi“ (vgl. dazu den Hinweis auf die rhetorische Klimax von Demut, Liebe und Ewigkeit; AZS 153: „humilitas“, „caritas“, „aeternitas“).

Vielen bekannt ist Augustins Wort: „Liebe und tu, was du willst“ (ama et fac, quod vis), das so bei Augustinus nicht zu finden ist und zudem oft falsch verstanden wird. Die Texte zu „Liebe“ beginnen mit dem richtig zitierten Wort Augustins (AZS 130): „Dilige, et quod vis fac“.

Zutreffend übersetzt Cornelius Mayer: „Liebe, und was du willst, das tu!“ Dieses Wort ist kein Freibrief für Libertinisten, als könne man tun, was man wolle, wenn man es nur mit Liebe tue. Es ist auch keine Rechtfertigung für Tristan und Isolde, was sogar manche Professoren der Germanistik im Blick auf den mittelalterlichen Roman Gottfrieds von Straßburg gemeint haben.

Augustinus fordert seine Hörer mit diesem Wort vielmehr dazu auf, sich in allem Tun von göttlicher Liebe leiten zu lassen, in allem Tun den Vorrang der uneigennützigen, wohlwollenden Liebe anzuerkennen – was im Kurzkommentar mit weiteren Zitaten trefflich gezeigt wird, unter Hinweis auf Gott, der die Liebe und die Wurzel einer solchen reinen Liebe ist: „radix caritatis“.

Viele Zitate stammen aus den Predigtsammlungen – und bieten deswegen auch für Prediger und Redner glänzende Möglichkeiten, an die Rhetorik Augustins anzuknüpfen, der zu seiner Zeit ein echter Star war, ein Publikumsmagnet nicht nur für christliche Gottesdienstbesucher, sondern auch über diesen Kreis hinaus – wobei zu bemerken ist, dass seine Predigten keine sterilen Vorträge waren, keine Monologe, denen die Zuhörer mehr oder weniger aufmerksam lauschten, sondern begeisternde Reden, mit denen Augustinus seine Hörer oft zu lebhafter und lauter Zustimmung, aber auch zu Widerspruch bewegte, auf den er an Ort und Stelle antwortete.
Ein weites Feld zur eigenen Bearbeitung

Dennoch mag es – besonders aus heutiger Sicht – auch problembeladene Lehren Augustins geben, zum Beispiel in der Erbsündenlehre (dazu bietet der Zitatenschatz drei erhellende Texte: 36–38). Vor allem in strittigen Fragen ist es allerdings immer besser, sich auf die originalen Texte einzulassen. Augustins zunächst recht optimistisches Menschenbild ist bei ihm durch die Einsicht in die faktische, weit verbreitete Bosheit der Menschen ebenso wie in ihre Unwissenheit und Schwäche verfinstert worden. Diese Übel wollte und konnte er Gott aber nicht anlasten. Er vermochte sich in dieser schwierigen Situation denkerisch nur behelfen, indem er annahm, dass alle Menschen durch die Sünde Adams ihr ursprüngliche Rechtschaffenheit verloren haben. Dennoch hat er, wie der Zitatenschatz zeigt, an der Freiheit, an der Verantwortung und an der Forderung, dass Menschen nach dem Guten streben sollen, festgehalten und sie deswegen nachhaltig aufgefordert, mit all ihrer Kraft „gegen das Laster zu kämpfen“ (AZS 38).

Der Augustinus-Zitatenschatz hat es in sich: Er öffnet dem Leser ein weites Feld und legt es ihm verlockend zur Anregung und eigenen Bearbeitung vor, damit es weiter fruchtbar werden kann.

Cornelius Mayer erweist sich auch in diesem anderen Genre wiederum als großer Kenner und Meister der Augustinus-Forschung. Dem Augustinus-Zitatenschatz sind viele Leser zu wünschen, damit die Kenntnis dieses großen Kirchenvaters, dessen Anerkennung in der neueren Philosophie und Theologie sogar neu noch weiter angewachsen ist, Solidität gewinnt. Für die Philosophie sei seine Bedeutung für die großen Phänomenologen wie Edmund Husserl, Max Scheler und Martin Heidegger erwähnt, für die Theologie das wissenschaftliche Werk Joseph Ratzingers, des heutigen Papstes Benedikt XVI., dem der Augustinus-Zitatenschatz folglich mit gutem Grund gewidmet ist.

Cornelius Mayer OSA (Hrsg.): Augustinus-Zitatenschatz. Eine Veröffentlichung des Zentrums für Augustinus-Forschung e.V. an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. 5., erheblich erweiterte und durchweg kommentierte Fassung. Würzburg 2009. 210 Seiten. Schmuckausgabe mit farbigen Abbildungen: 30 €; einfache Ausgabe: 20 € (jeweils plus Portokosten).

Zu beziehen vom Zentrum für Augustinus-Forschung, Dominikanerplatz 4, 97070 Würzburg, Tel.: 0931/3097-300, Fax: 0931/3097-301, E-Mail: sekretariataugustinus.de, Internet: www.zitatenschatz.augustinus.de

© ‹Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur› vom 09.02.2010, S. 6

Wir danken dem Verlag J.W. Naumann für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.

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