ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Der Sermo 267

Von Cornelius Petrus Mayer OSA

Datierung und Gliederung des Sermo 267.

Im Abschnitt 3 dieses Sermo verweist Augustinus auf die jüngst gehaltene Himmelfahrtspredigt, in der er vom ‹finis saeculi – dem Ende der Welt› sprach. Da diese Himmelfahrtspredigt, der Sermo 265, auf den 23. Mai des Jahres 412 datierbar ist, wurde der Sermo 267 am Pfingsttag, dem 2. Juni desselben Jahres gehalten. Die Anspielungen auf die Gnade in den Abschnitten 1 (‹Hochfest der großen Gnade des großen Herrn und Gottes›) und 2 (Gegensatz von ‹carnalitas› und ‹gratia›) belegen als innere Kriterien den um das Jahr 411 bereits einsetzenden Disput mit den Pelagianern .

Augustinus eröffnet den in vier Abschnitte gegliederten Sermo mit dem Hinweis auf den Festcharakter des Tages im Kirchenjahr (Erklärung des Terminus ‹solemnitas›). Pfingsten erfüllte sich die Sendung des Heiligen Geistes. Im folgenden Abschnitt 2 referiert er das Pfingstwunder in enger Anlehnung an den Bericht der Apostelgeschichte (Act 2). Historisch betrachtet ist Pfingsten lediglich der Anfang dessen, was sich seitdem ununterbrochen ereignet: die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Kirche (Abschnitt 3). Der Vergleich der vom Heiligen Geist erfüllten Kirche mit einem beseelten Leib veranschaulicht schließlich das Wirken des Geistes Gottes in der Kirche, und zwar in der katholischen (Abschnitt 4).

Pfingsten – Erfüllung einer Verheißung Jesu nach dem Johannesevangelium.

Der Prediger verweist im Anschluss an Io 16,7 auf die Verheißung des Heiligen Geistes durch Jesus. Im Johannesevangelium wird Jesu ‹Fortgehen› Bedingung der Geistsendung. Augustinus bringt dieses Fortgehen mit dem soteriologischen Werk Jesu in einen ursächlichen Zusammenhang und er unterstreicht diesen mit dem suggestiven biblischen Bild von der ‹großen gekelterten Traube› (2) sowie mit dem weiteren Zitat aus Io 7,39: «weil Jesus noch nicht verherrlicht war». Jesu ‹Verherrlichung› beginnt nach dem vierten Evangelisten schon bei seiner Kreuzigung. ‹Die schon gekelterte große Traubenbeere› ruft beim Prediger ein anderes neutestamentliches Bild hervor, das von den ‹neuen Schläuchen› und dem ‹neuen Wein› (Mc 2,22). In den auf den Heiligen Geist wartenden hundertzwanzig Personen erblickt er jene ‹neuen Schläuche›, die auf den Empfang des ‹neuen Weines› warteten.

Die Zeichenhaftigkeit des Pfingstwunders.

Obgleich Augustinus an der Historizität der im Neuen Testament aufgezeichneten Pfingstereignisse festhält, lenkt er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer doch eher auf die symbolische Deutung dieser Ereignisse. Er stellt zunächst fest, dass die Zahl der in Erwartung des Heiligen Geistes Versammelten das zehnfache der Zahl der Apostel war. Schon im Keime war somit die Kirche auf Expansion angelegt. Die Geschehnisse gipfelten in dem ‹großes Wunder – magnum miraculum› genannten Ereignis der Verkündigung des Evangeliums in den Sprachen aller Nationen. Mit Nachdruck erklärt er, dass die Hundertzwanzig diese fremden Sprachen weder kannten, noch erlernt hatten, und mit dem gleichen Nachdruck legt er dar, dass jenes Sprachereignis nicht auf den (historischen) Pfingsttag beschränkt bleiben konnte, sondern in der Kirche fortdauern muss. Die Metaphorik der neuen Schläuche erstreckt sich somit auf alle Gläubigen in der Kirche. Die Frage, ob denn der Heilige Geist heutzutage nicht mehr so signifikant in Erscheinung trete wie am Pfingsttag, wird vom Prediger eindeutig verneint. «Wer so von ihm (dem Heiligen Geist) denkt, ist nicht würdig, ihn zu empfangen».

Die Kirche am Pfingsttag zu Jerusalem und die Kirche über dem ganzen Erdkreis.

In der Theologie des Kirchenvaters spielen die sogenannten Schemata, einander zugeordnete Begriffspaare wie ‹caro (Fleisch) – spiritus (Geist)›, ‹mutabile (veränderlich) – inmutabile (unveränderlich), ‹signum (Zeichen) – res (bezeichnete Sache)› eine wichtige Rolle. Über das Schema ‹tunc (damals) – nunc bzw. modo (jetzt)› sind die Kirche des Anfangs und die Kirche der folgenden Zeiten einander zugeordnet. Was sich im Sprachereignis des Pfingsttages so signifikant zugetragen hat, gehört zu den Strukturelementen der Kirche. Der Bischof erinnert seine Zuhörer an die jüngst gehaltene Himmelfahrtspredigt, in der er ihnen den dominierenden ekklesialen Aspekt der Himmelfahrt Christi dargelegt hatte. Ehe der Herr ‹aufstieg›, verhieß er der Kirche den Heiligen Geist (Abschnitt 3). Damals existierte die Kleinkirche, die ‹ecclesia parua›, nur ‹in wenigen›, im Zeichen des Sprachwunders kündigte sich jedoch bereits die ‹vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang› (Ps 112,3) sich erstreckende Großkirche, die ‹ecclesia ista magna›, unübersehbar an. Nunmehr verkündet sie ihr Evangelium in den Sprachen aller Völker. Jenes Ereignis war zugleich eine Verheißung. Daher: «modo impletur, quod tunc promittebatur». Der gegenwärtigen Gemeinde gilt daher der Psalmvers 44,11: «Höre, Tochter, und sehe!» Sie, ‹die Kirche›, so formuliert Augustin treffend und präzise, ‹ist sich selbst verheißen›.

Der Heilige Geist ist für die Kirche das, was die Seele für den Leib ist.

Der Abschnitt 4 gehört mit zum Schönsten, was Augustinus über die Kirche gesagt hat. Die Feststellung, dass es der Heilige Geist ist, der in der Kirche in den Sprachen aller Völker redet, assoziiert beim Prediger die paulinische Metapher von der Kirche als Leib Christi (cf. 1 Cor 12). In vollkommener Übereinstimmung mit seiner Erkenntnislehre, wonach die Seele es ist, die in den ihr untergeordneten Sinnesorganen sieht, hört, riecht etc. , veranschaulicht Augustinus die belebende Kraft des Heiligen Geistes in der Kirche. Wie der Leib des Menschen von der Seele belebt wird, so belebt der Heilige Geist die Kirche. Zwar könne man die Seele nicht sehen, aber ihr Wirken in den Gliedern des Leibes könne niemandem entgehen. In den einen bewirkt sie dies, in den anderen jenes: «die einzelnen (Glieder) verrichten das ihnen Zuständige, aber alle leben auf gleiche Weise durch sie». Das Fazit lautet demnach: «Was ... die Seele für den Leib ist, das ist der Heilige Geist für den Leib Christi, der die Kirche ist».

Der Heilige Geist und die ‹catholica›.

Die Kircheneinheit war dem katholischen Bischof stets ein Herzensanliegen. Kein Wunder, wenn er speziell in seinen Pfingstpredigten wiederholt auf sie eingeht und sie den Gläubigen aufs Wärmste empfiehlt, zumal die Plausibilität des Vergleiches der vom Heiligen Geist beseelten Kirche mit dem lebendigen Leib diese Einheit in der Vielfalt nahe legt. Der Kernsatz dieses Abschnittes lautet: «Membrum amputatum non sequitur spiritus – einem amputierten Glied folgt nicht der Geist». Welcher ‹katholische Christ› wollte dem widersprechen? Das suggestive Bild vom amputierten Glied scheint dies nicht zuzulassen, und zwar deshalb nicht, weil die ‹catholica› (sc. ecclesia›) – der Prediger setzt dies als selbstverständlich voraus – allein vom Heiligen Geist beseelt ist, darum auch allein Anspruch auf die ‹caritas›, auf die ‹ueritas› und auf die ‹unitas› hat. Die Imperative der ‹adhortatio›, der Ermahnung am Ende der Predigt, ergeben sich aufgrund dessen von selbst: Wer deshalb vom Geist leben will, der bewahre die Liebe, der liebe die Wahrheit und der ersehne die Einheit; so wird er zur Ewigkeit gelangen.

 

Sermo 267

1. hodierni diei solemnitas, domini dei magni et magnae gratiae, quae superfusa est super nos recordationem facit. ideo enim solemnitas celebratur, ne quod semel factum est, de memoria deleatur. solemnitas enim ab eo quod solet in anno, nomen accepit: quomodo perennitas fluminis dicitur, quia non siccatur aestate, sed per totum annum fluit: ideo perenne, id est, per annum; sic et solemne, quod solet in anno celebrari.

 

Predigt 267

1. Das Hochfest des heutigen Tages ruft in uns die große Gnade des großen Herrn und Gottes in Erinnerung, die über uns ausgegossen wurde. Ein Hochfest wird nämlich deshalb gefeiert, damit, was einmal geschehen ist, aus dem Gedächtnis nicht verschwinde. Das Wort ‹sollemnitas› erhielt seinen Namen davon, was im Jahr zu geschehen pflegt. So wie man von der Beständigkeit (‹perennitas›) eines Flusses spricht, weil er im Sommer nicht austrocknet, sondern das ganze Jahr über fließt. Daher besagt ‹perenne›, das Jahr hindurch; so meint auch ‹solemne›, was im Jahr gefeiert wird.

celebramus hodie aduentum spiritus sancti. dominus enim spiritum sanctum de caelo misit, quem in terra promisit. et quia sic promiserat de caelo esse missurum, «non potest ille uenire», ait, «nisi ego abiero; dum autem abiero, mittam illum ad uos»; passus est, mortuus est, resurrexit, ascendit: restabat ut impleret quod promisit.  

Wir feiern heute die Ankunft des Heiligen Geistes. Der Herr nämlich sandte ihn vom Himmel, den er, als er auf Erden weilte, zu senden versprach. «Jener vermag nicht zu kommen», sagte er, «wenn ich nicht fortgehe; gehe ich aber fort, so werde ich jenen zu euch senden» (Io 16,7); (zuvor jedoch) litt er, starb er, stand von den Toten auf, fuhr in den Himmel: es stand (somit) aus, dass sich erfülle, was er verhieß.
hoc exspectantes discipuli eius, animae, ut scriptum est, centum uiginti, decuplato numero apostolorum; duodecim enim elegit, et in centum uiginti spiritum misit: hoc ergo promissum exspectantes in una domo erant, orabant: quia desiderabant iam ipsa fide, quod ipsa oratione, ipso spirituali desiderio; utres noui erant, uinum nouum de caelo exspectabatur, et uenit. iam enim fuerat magnus botrus ille calcatus et glorificatus. legimus enim in euangelio, «spiritus enim nondum erat datus, quia Iesus nondum fuerat glorificatus».   Darauf warteten seine Jünger, hundertzwanzig Seelen, wie geschrieben steht (cf. Act 1,15), das zehnfache der Zahl der Apostel; zwölf hat er nämlich erwählt, und hundertzwanzig sandte er den Geist. Den verheißenen also erwartend waren sie in einem Haus versammelt und beteten. Denn im Glauben, in geistlicher Sehnsucht ersehnten sie (ihn) im Gebet. Sie waren (gleichsam) die neuen Schläuche, die für den neuen Wein vom Himmel bereit standen (cf. Mc 2,22). Und er kam. Schon nämlich war jene große Traubenbeere gekeltert und verherrlicht. Wir lesen nämlich im Evangelium: «Der Heilige Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war» (Io 7,39).
2. iam quid respondit, audistis, magnum miraculum. omnes qui aderant, unam linguam didicerant. uenit spiritus sanctus; impleti sunt, coeperunt loqui linguis uariis omnium gentium, quas non nouerant, nec didicerant: sed docebat ille qui uenerat; intrauit, impleti sunt, fudit. et tunc hoc erat signum, quicumque accipiebat spiritum sanctum, subito impletus spiritu linguis omnium loquebatur; non illi solum centum uiginti  

2. Gerade habt ihr als Antwort (auf die Verheißung) das große Wunder vernommen. All die Anwesenden haben eine (ihre eigene) Sprache kennen gelernt. Es kam der Heilige Geist; sie wurden von ihm erfüllt und sie begannen in den verschiedenen Sprachen aller Völker, die sie weder kannten, noch erlernt hatten, zu reden. Es lehrte sie aber jener, der gekommen war; er trat ein, er erfüllte sie und goss sich (über sie) aus. Und das war damals das Zeichen: wer immer den Heiligen Geist empfing, redete plötzlich vom Geist erfüllt, in den Sprachen aller, nicht nur jene hundertzwanzig.

docent nos litterae ipsae, postea crediderunt homines, baptizati sunt, acceperunt spiritum sanctum, linguis omnium gentium locuti sunt. expauerunt qui aderant, alii admirantes, alii irridentes: ita ut dicerent. «isti ebrii sunt», «musto pleni sunt». ridebant, et aliquid uerum dicebant. impleti enim erant utres nouo uino. audistis cum euanelium legeretur, «nemo mittit uinum nouum in utres ueteres»: spiritualia non capit carnalis. carnalitas uetustas est, gratia nouitas est. quantocumque homo in melius fuerit innouatus, tanto amplius capit, quod uerum sapit. bulliebat mustum, et musto bulliente linguae gentium profluebant. numquid modo, fratres, non datur spiritus sanctus? quisquis hoc putat, non est dignus accipere.   Dies lehren uns die Texte: auch die Menschen, die später geglaubt haben und getauft wurden, empfingen den Heiligen Geist und redeten in den Sprachen aller Völker. Schrecken ergriff die Anwesenden, die einen wunderten sich, die anderen spotteten, so dass sie sagten: «diese sind betrunken und voll des süßen Weines» (Act 2,13). Sie lachten, brachten indes etwas Wahres zum Ausdruck. Die Schläuche wurden nämlich mit neuem Wein gefüllt. Ihr habt gehört, als das Evangelium gelesen wurde: «Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche» (Mc 2,22): Ein fleischlich Gesinnter fasst nicht, was des Geistes ist (cf. 1 Cor 2,14). Gesinnung des Fleisches bedeutet Vergreisung, Gnade (hingegen) Erneuerung. Je mehr der Mensch sich zum Besseren hin erneuert, umso mehr findet er Geschmack am Wahren. Der Most begann zu sprudeln, und vom sprudelnden Most erfüllt, brachen die Sprachen der Völker hervor. Wird nun aber, Brüder, der Heilige Geist heutzutage nicht mehr gegeben? Wer so von ihm denkt, ist nicht würdig (ihn) zu empfangen.
3. datur et modo. quare ergo nemo loquitur linguis omnium gentium, sicut loquebatur qui tunc spiritu sancto implebatur? quare? quia quod illud significabat, impletum est. quid est illud? quando celebrauimus quadragesimam, recolite, quia commendauimus uobis dominum Iesum Christum ecclesiam suam commendasse et ascendisse. quaerebant discipuli, quando erit finis saeculi? et ille: «non est uestrum scire tempora uel momenta, quae pater posuit in sua potestate». adhuc promittebat quod hodie compleuit: «accipietis uirtutem spiritus sancti superuenientis in uos, et eritis mihi testes in Ierusalem, et in tota Iudaea et Samaria, et usque in fines terrae».   3. Er (der Heilige Geist) wird auch jetzt gegeben. Warum also redet niemand (mehr) in der Sprache aller Völker, wie jemand redete, der damals vom Heiligen Geist erfüllt wurde? Warum? Weil das, was jenes Wunder bezeichnete, in Erfüllung gegangen ist. Worin besteht jene Zeichenhaftigkeit? Bedenkt, dass wir, als wir den vierzigsten Tag nach Ostern feierten, eure Aufmerksamkeit darauf gelenkt haben, dass der Herr Jesus Christus seine Kirche empfohlen habe und (darauf) in den Himmel fuhr. Die Jünger fragten ihn, wann wird das Ende der Welt sein? Worauf jener erwiderte: «Es steht euch nicht zu, die Zeiten und Fristen zu kennen, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat». Bis dahin versprach er, was sich heute erfüllt hat: «Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde» (Act 1,7-8).
ecclesia tunc in una domo erat, accepit spiritum sanctum: in hominibus paucis erat, in linguis totius orbis erat. ecce quod praetendebat modo. nam quod illa ecclesia parua linguis omnium gentium loquebatur, quid est, nisi quod ecclesia ista magna a solis ortu usque ad occasum linguis omnium gentium loquitur? modo impletur quod tunc promittebatur. audiuimus, uidemus. «audi, filia, et uide»: ipsi reginae dictum est, «audi, filia, et uide»; audi promissum, uide completum. non te fefellit deus tuus, non te fefellit sponsus tuus, non te fefellit qui suo sanguine te dotauit: non te fefellit qui de foeda pulchram, de immunda uirginem fecit. tu tibi promissa es: sed promissa in paucis, impleta in multis.   Damals war die Kirche in einem Haus (versammelt), sie empfing den Heiligen Geist: sie existierte in (nur) wenigen Menschen, aber in den Sprachen des ganzen Erdkreises. Siehe, was sich jetzt darbot. Denn, dass jene kleine Kirche in den Sprachen aller Völker redete, was ist das anderes, als dass diese (gegenwärtige) große, ‹vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang› (cf. Ps 112,3) sich erstreckende Kirche in den Sprachen aller Völker redet? Jetzt geht in Erfüllung, was damals verheißen wurde. Wir hören es, wir sehen es. «Höre, Tochter, und sehe» (Ps 44,11): der Königin selbst gilt dieses «Höre, Tochter, und sehe». Höre die Verheißung und sehe die Erfüllung! Es betrügt dich nicht dein Gott; es betrügt dich nicht dein Bräutigam; es betrügt dich nicht, der dich mit seinem Blut bedachte; es betrügt dich nicht, der aus einer Hässlichen eine Schöne, aus einer Unreinen eine Jungfrau schuf. Du selbst bist dir verheißen; jedoch verheißen in wenigen, erfüllt in vielen.
4. nemo ergo dicat: accepi spiritum sanctum; quare non loquor linguis omnium gentium? si uultis habere spiritum sanctum, intendite, fratres mei: spiritus noster quo uiuit omnis homo, anima uocatur; spiritus noster quo uiuit singulus quisque homo, anima uocatur: et uidetis quid faciat anima in corpore. omnia membra uegetat; per oculos uidet, per aures audit, per nares olfacit, per linguam loquitur, per manus operatur, per pedes ambulat: omnibus simul adest membris, ut uiuant; uitam dat omnibus, officia singulis. non audit oculus, non uidet auris, non uidet lingua, nec loquitur auris et oculus; sed tamen uiuit: uiuit auris uiuit lingua; officia diuersa sunt, uita communis.   4. Niemand sage also: Ich habe den Heiligen Geist empfangen; warum rede ich nicht in den Sprachen aller Völker? Wollt ihr den Heiligen Geist haben, so beachtet dies, meine Brüder: Unser Geist, durch den jeder Mensch lebt, heißt Seele; unser Geist, durch den jeder einzelne Mensch lebt, heißt Seele; und ihr seht, was die Seele im Leib bewirkt. Sie belebt alle Glieder; sie sieht mittels der Augen, sie hört mittels der Ohren, sie riecht mittels der Nase, sie spricht mittels der Zunge, sie schafft mittels der Hände, sie läuft mittels der Füße: in allen Gliedern ist sie so, dass sie leben; sie gibt allen das Leben, sie teilt allen ihre Aufgaben zu. Nicht das Auge hört, nicht das Ohr sieht, nicht die Zunge sieht, auch spricht nicht das Ohre und das Auge; dennoch lebt jedes einzelne; es lebt das Ohr, es lebt die Zunge; die Aufgaben sind verschieden, das Leben ist gemeinsam.
sic est ecclesia dei: in aliis sanctis facit miracula, in aliis sanctis loquitur ueritatem, in aliis sanctis custodit uirginitatem, in aliis sanctis custodit pudicitiam coniugalem, in aliis hoc, in aliis illud: singuli propria operantur, sed pariter uiuunt. quod autem est anima corpori hominis, hoc est spiritus sanctus corpori Christi, quod est ecclesia: hoc agit spiritus sanctus in tota ecclesia, quod agit anima in omnibus membris unius corporis.   So ist es auch mit der Kirche Gottes. In einigen Heiligen bewirkt er Wunder, in anderen Heiligen verkündet er die Wahrheit, in einigen bewahrt er die Jungfräulichkeit, in anderen die eheliche Keuschheit, in den einen dies, in den anderen jenes: die einzelnen verrichten das ihnen Eigentümliche, aber (alle) leben auf gleiche Weise. Was indes die Seele für den Leib ist, das ist der Heilige Geist für den Leib Christi, der die Kirche ist. Der Heilige Geist bewirkt in der ganzen Kirche das, was die Seele in allen Gliedern eines Leibes bewirkt.
sed uidete quid caueatis, uidete quid obseruetis, uidete quid timeatis. contingit ut in corpore humano, imo de corpore aliquod praecidatur membrum, manus, digitus, pes; numquid praecisum sequitur anima? cum in corpore esset, uiuebat; praecisum amittit uitam. sic et homo christianus catholicus est, dum in corpore uiuit; praecisus haereticus factus est, membrum amputatum non sequitur spiritus. si ergo uultis uiuere de spiritu sancto, tenete caritatem, amate ueritatem, desiderate unitatem, ut perueniatis ad aeternitatem. amen.   Achtet jedoch darauf, wovor ihr euch hüten sollt, achtet darauf, was ihr berücksichtigen sollt, achtet darauf, was ihr befürchten sollt. Es kommt vor, dass am menschlichen Körper, ja vielmehr vom Körper ein Glied entfernt (abgeschnitten) wird, eine Hand, ein Finger, ein Fuß; folgt etwa dem abgeschnittenen Glied die Seele? So lange es am Leib war, lebte es, abgeschnitten büßt es das Leben ein. So verhält es sich auch mit einem christkatholischen Menschen, so lange er im Leib (der Kirche) verbleibt, abgeschnitten (vom Leib der Kirche) ist er Häretiker geworden. Einem amputierten Glied folgt nicht der Geist. Wenn ihr somit vom Heiligen Geist leben wollt, so bewahrt die Liebe, liebt die Wahrheit, ersehnt die Einheit, damit ihr in die Ewigkeit gelangt. Amen.

[PL 38 p. 1229-1231] Corpus Augustinianum Gissense a C. Mayer editum]