ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Von Martin Klöckener.

Conuersi ad dominum

Dieser Artikel wurde dem beim Schwabe-Verlag in Basel erscheinenden Augustinus-Lexikon 1 (1986-1994) 1280-1282 entnommen. Dieses weltweit renommierte und auf rund 1.200 Stichwörter geplante Lexikon bietet umfassende Informationen zu Augustins Leben, Lehre und Werk.

1. Die Formel c.a.d. – 2. Text des Gebetsinvitatoriums – 3. Liturgische Funktion – 4. Rezeption

1. Die Formel c.a.d. – C.a.d., eine fast nur bei A. belegte, biblisch inspirierte [1] liturgische Formel der Mahnung, steht am Ende von 74 sermones bzw. en. Ps. [2], dazu in drei Fällen abweichend «conuersi ad deum» (en. Ps. 80,22; s. 18.23A (s. Mai 16). Mit ihr fordert der Bischof (nicht der Diakon) am Schluß der Predigt die Gläubigen auf, sich zum Gebet nach Osten zu wenden und damit ihre innere Ausrichtung auf Gott (‹dominum› ist nicht auf Christus bezogen) zu bezeichnen. Dieser Ruf zur Gebetsostung mit seiner eschatologischen Komponente hat Parallelen in diakonalen Monitionen ostkirchlicher Liturgien; von seiner Funktion her, zur Sammlung und Hinkehr zu Gott aufzurufen, ist er vergleichbar mit dem ↗‹sursum cor(da)› und verwandten Formeln der Liturgien in Ost und West [3].

2. Text des Gebetsinvitatoriums. – Mehrfach ist das c.a.d. mit einer längeren Gebetseinladung (keinem eigentlichen Gebet) an die Gemeinde verbunden, die bei weithin konstanter Struktur inhaltlich variabel ist. Trotz der unsicheren handschriftlichen Überlieferung kennen wir vier solcher Texte in vollem Wortlaut. Der am häufigsten begegnende Text 1 hat folgenden Duktus: «conuersi ad dominum deum patrem omnipotentem ... ei ... maximas atque ueras gratias agamus; precantes toto animo ... ut preces nostras ... exaudire dignetur ... per Iesum Christum ... amen» (en. Ps. 150,8) [4]. Text 2 findet sich in s. 100,362 und disc. chr. 16 [5], Text 3 nur in s. Denis 2. Wegen seiner Stellung im Innern eines Sermo kommt Text 4 (s. frg. 1,3), den A. gegen die Pelagianer als liturgisches Argument anführt, besondere Bedeutung zu [6]. Insgesamt zeigt sich folgende Struktur: C.a.d. – Aufruf zur Danksagung gegenüber Gott (Texte 1.4.5) – Gebetsintentionen (meist für die eigene Gemeinde und die Kirche) – Schlußformel – Amen; inhaltlich haben die Texte teils invitatorischen, teils deprekativen Charakter.

3. Liturgische Funktion. – In der umstrittenen Frage nach liturgischer Funktion und Sinngehalt werden folgende Auffassungen vertreten: a) Gebet zum Predigtschluß [7]; b) Überleitung von Predigt zur ‹oratio fidelium› bzw. deren Invitatorium [8]; c) ‹oratio fidelium› selber [9]; d) Benediktion der Gemeinde [10]; e) Benediktion zur Katechumenenentlassung [11]. Tatsächlich dürfte das c.a.d. mit dem invitatorisch-deprekativen Text eine auch sonst in der Spätantike, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung übliche Gebetsformel zum Predigtende sein, die zwar in manchen Formulierungen der ‹oratio fidelium› nahesteht, aber von ihr verschieden ist und die – eventuell bedingt durch die Gottesdienstart (Messe/Wortgottesdienst) – Züge einer Benediktion annehmen kann [12]; primär lädt sie jedoch in allgemeinen Wendungen, wie sie liturgischem Beten eigen sind, die Gemeinde ein, das verkündete Wort ins Gebet zu übersetzen [13].

4. Rezeption. – In der Rezeption des a. c.a.d. (nur bei Fulgentius und Caesarius von Arles) verliert die Monition wegen des anders ausgerichteten Kirchenbaus ihren ursprünglichen Sinn und wird allein zu einem Aufruf zur inneren Sammlung. Zugleich entwickeln sich die Texte zu echten Benediktionen weiter [14].
Anmerkungen. – [1] Cf. z.B. Ps 21,28; dazu ep. 102,37. – [2] Zusammenstellungen (unterschiedlich vollständig) bei Dölger 331sq.; Vogel, Orientation 12 (= id., Sol 182); Zwinggi 105sq. Neu: s. Dolbeau 8. – [3] Cf. Dölger 330sq.333. – [4] Cf. s. 34 (ed. Vlimmerius: cf. CCL 41, p. 427 (krit. App.)); 67; 106; 183; 272; disc. chr. 16 (Cod. A). – [5] In s. 100 nur im Codex Fossatensis (cf. PL 38,605 n. 2). Zu disc. chr. 16 cf. CCL 46, pp. 223sq. (krit. App.). Zum Ganzen Zwinggi 105. – [6] Die Formeln am Ende von s. 141 (Text 5) und en. Ps. 143 (Text 6) sind durch die Überlieferung verkürzt bzw. umgestaltet. Diskussion aller Texte bei Dölger 331-333; Zwinggi 105sq.; de Clerck 50-53. – [7] Roetzer 238-240.245; van der Meer 414sq.; Zwinggi 104-112 (zusätzlich: Funktion eines Katechumenenentlassungsgebetes); Olivar, Predicación 520-527. – [8] Jungmann 1,614sq.; Ramos 130-134; Vogel, Orientation 12 (= id., Sol 182); de Clerck 53-55; Cabié 88. Zwischen a) und b) schwankend Olivar, Remarques 435sq.442. M.E. nicht eindeutig Dölger 333. – [9] Casati 495sq.; anders de Clerck 55sq. – Gegen die Deutungen b) und c) spricht, daß diese Gebetsformel immer als eine Einheit mit der Predigt und nie als selbständiges Element erscheint. Außerdem bliebe für die Katechumenenentlassung, die zwischen Predigt und ‹oratio fidelium› stattfand (cf. s. 49,8), kein Raum. Deutung c) widersprechen auch die im Gegensatz zur ‹oratio fidelium› fast nur selbstbezogenen Inhalte. Weitere Literatur zur Kontroverse bei Zwinggi und de Clerck. – [10] Dotta 209.224. – [11] Gamber 36sq. (zu spekulativ). – [12] In s. frg. 1,3 bezeichnet A. selber dieses Stück als «benedictiones nostras, quas super uos facimus». – [13] Cf. Zwinggi 106-113; Olivar, Predicación 520-523.526sq. Verwandte Formen finden sich in der ‹oratio admonitionis› der altspanischen Liturgie und der altgallischen ‹praefatio/collectio›; cf. Ramos; de Clerck 54sq. – [14] Cf. Olivar, Predicación 521-523.

Bibliographie. – R. Cabié, L'Eucharistie (= A.G. Martimort, L'Eglise en prière 2), Paris 1983. – G. Casati, La liturgia della Messa al tempo di S. Agostino: Aug 9 (1969) 484-514. – P. de Clerck, La «prière universelle» dans les liturgies latines anciennes. Témoignages patristiques et textes liturgiques, Münster 1977. – F.J. Dölger, Sol salutis. Gebet und Gesang im christlichen Altertum, Münster 21925. – C. Dotta, La sinassi eucaristica attraverso le opere di S. Agostino: Ambrosius 6 (1930) 201-224. – K. Gamber, Die Meßliturgie in Nordafrika zur Zeit des hl. Augustinus: Liturgie und Kirchenbau, Regensburg 1976, 28-45. – A. Häussling, Formeln der Mahnung und Aufforderung: ALW 32 (1990) 47-54. – J.A. Jungmann, Missarum sollemnia 1-2, Wien 51962. – F. van der Meer, Augustinus der Seelsorger, Köln 31958. – A. Olivar, Quelques remarques historiques sur la prédication comme action liturgique dans l'Eglise ancienne: Mélanges liturgiques offerts à B. Botte, Louvain 1972, 429-443. – Id., La predicación cristiana antigua, Barcelona 1991. – M. Ramos, Oratio admonitionis. Contribución al estudio de la antigua Misa española, Granada 1964. – W. Roetzer, Des heiligen Augustinus Schriften als liturgie-geschichtliche Quelle, München 1930. – C. Vogel, Sol aequinoctialis: RevSR 36 (1962) 175-211. – Id., L'orientation vers l'Est du célébrant et des fidèles pendant la célébration eucharistique: OrSyr 9 (1964) 3-37. – A. Zwinggi, Der Wortgottesdienst bei Augustinus (I): LJb 20 (1970) 92-113.

Martin Klöckener

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