ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Die Aktualität Augustins und unsere Aktivitäten im Zentrum für Augustinus-Forschung

Festrede zur Jahresvollversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung e.V. Exerzitienhaus Himmelspforten, Würzburg, 23.6.2012 Von Christof Müller

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Mitglieder, Funktionäre und Freunde der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung,

‹Zeit ist Geld, und beides ist knapp› – so könnte man eine dominierende Gestimmtheit unseres Zeitgeistes beschreiben! ‹Zeit ist Geld, und beides ist knapp!›

Wieso also, liebe Anwesende, schenken Sie der Würzburger Augustinus-Forschung seit Jahr und Tag ein gutes Stück Ihrer mehr oder weniger knappen Lebenszeit und einen guten Teil Ihres – ebenfalls mehr oder weniger knappen – Geldes? Insofern Sie allesamt Freunde, Funktionäre oder Mitglieder unserer Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung sind, dürfte zumindest der grundlegende Tenor einer Antwort auf diese Frage feststehen: Sie opfern Zeit und Geld, weil Sie Augustinus für eine gewichtige Gestalt der Geistesgeschichte halten, weil Sie das Denken und Handeln dieses spätantiken Afrikaners nach wie vor für anregend und aktuell erachten und weil Sie die Aktivitäten und Akteure des Zentrums für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg, des ZAF, als förderungswürdig betrachten.

Dieses Ihr dreifaches Grundvertrauen ist angesichts der erwähnten Knappheit von Zeit und Geld alles andere als selbstverständlich. Aus dieser Ungeschuldetheit Ihres Grundvertrauens erwachsen für uns Akteure des ZAF mindestens zweierlei Verpflichtungen: zum einen Dankbarkeit, zum anderen Rechenschaft! Dankbarkeit Ihnen, Ihrem Interesse und Ihrem Engagement gegenüber durften heute bereits Berufenere als ich zum Ausdruck bringen – ich kann und will mich Ihren Worten selbstredend voll und ganz anschließen. Bliebe noch das weite Feld der Rechenschaft: Was dessen finanzielle Seite betrifft, darf ich mich ebenfalls auf die Leistungen Anderer und Kompetenterer berufen – Kassenführung und Kassenprüfung werden Gegenstand der später folgenden Regularien sein. Meine Aufgabe und Rolle hier und jetzt hingegen betrifft die inhaltliche Rechenschaftspflicht: Und so lade ich Sie herzlich ein, mir in der nächsten 3/4 Stunde Ihre Zeit zu schenken und Ihr Ohr zu leihen, damit wir gemeinsam die Frage stellen – uns gemeinsam der Frage stellen –, ob und inwiefern der spätantike Mann aus Hippo heute noch oder heute wieder aktuell ist und ob und inwiefern unsere Aktivitäten im ZAF diese Aktualität Augustins aufzugreifen, aufzuarbeiten und weiterzuvermitteln vermögen. Oder um diese Fragen zu einer einzigen, prägnanteren zu bündeln, die als Titel meinem Vortrag voransteht: Sind Augustinus und die Augustinus-Forschung in Würzburg tatsächlich eine ‹lebendige Tradition›?

Meine Gedankenskizze, welche die besagte Frage – es dürfte Sie kaum überraschen – mit einem ebenso bescheidenen wie entschiedenen ‹Ja› beantwortet, umfasst gemäß der Ihnen vorliegenden Gliederung drei Schritte: zunächst eine Tiefenanalyse der gegenwärtigen ‹Zeichen der Zeit› in profaner wie in religiös-kirchlicher Hinsicht; sodann die Formulierung einiger Impulse, wie den aktuellen ‹Zeichen der Zeit› aus Augustins Geist heraus zu begegnen wäre; schließlich eine konkretisierte Auswertung und Anwendung der solcherart aufgewiesenen Aktualität Augustins im Blick auf die Bereiche von Wissenschaft und Bildung mit speziellem Fokus auf unser ZAF und seine Aktivitäten.

1 Die aktuellen ‹Zeichen der Zeit› –
Tiefenanalyse in profaner und religiös-kirchlicher Hinsicht

1.0 Methodische Vorbemerkung

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, fragen wir nach der ‹Lebendigkeit› der augustinischen Tradition und nach der ‹Aktualität› Augustins, so kommen wir zunächst nicht an einer Bestandsaufnahme dessen vorbei, wodurch gegenwärtige ‹Lebendigkeit› und gegenwärtige ‹Aktualität› sich denn wohl auszeichnen mögen. Vor eine vergleichbare Aufgabe sahen sich vor genau einem halben Jahrhundert die Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils im Rahmen ihres grundlegenden Programmes gestellt, die altehrwürdige christliche, kirchliche und theologische Tradition für die Lebenswirklichkeit des 20. Jahrhunderts neu zu formieren, neu zu formulieren, neu zu verantworten und neu zu vermitteln. Die Väter des Konzils entwickelten zur Ermöglichung eines solchen Programms unter anderem die Formel von den ‹Zeichen der Zeit›, die es im sorgfältigen Blick auf die jeweilige Gegenwart zu erheben und vor dem Hintergrund des Evangeliums auszuwerten gelte. Erst danach, gleichsam nach der hermeneutischen ‹Diagnose›, könne der Bedeutungskern der christlichen Botschaft adressatengerecht erfasst, sprachlich gefasst und in Form von Beschlüssen und Erklärungen verfasst werden. Um damaligen wie auch heutigen Missverständnissen vorzubeugen: Diagnose der ‹Zeichen der Zeit› will keineswegs einer Unterwerfung unter den jeweiligen Zeitgeist das Wort reden – ganz im Gegenteil! Doch wer seinen Zeitgenossen etwas zu sagen hat, der wird diese seine Zeitgenossen und ihre Zeit zuvor kennen und verstehen müssen – und übrigens dabei im Gegenzug auch sich selbst und seine eigene Position noch einmal neu kennen und verstehen lernen.

Die solcherart grob umrissene konziliare Programmatik, die Analyse und Auswertung der ‹Zeichen der Zeit›, möchte ich im Folgenden mutatis mutandis auch für die Frage nach der Aktualität bzw. nach der Aktualisierung von Augustinus in Anspruch nehmen. Nun erweist sich freilich eine jede Zeit und zumal unsere eigene Gegenwart, selbst bei Beschränkung auf die westliche Kultur und bei besonderem Fokus auf die mitteleuropäische Situation, als ein hochkomplexes Phänomen, dessen Vieldimensionalität allenfalls mit Mühe – und schon gar nicht innerhalb eines kompakt zu haltenden Vortrags – auch nur annähernd einzuholen ist. Ich beschränke mich daher bei meiner hier lediglich unter einem ganz bestimmten Skopus zu erhebenden Diagnose unserer Zeit auf einige ausgewählte Kategorien, die mir einerseits wesentliche Kriterien zum Erfassen des Zeitgeistes zu liefern wie auch andererseits – um einen Terminus der Systemtheorie zu verwenden – ‹anschlussfähig› für augustinisches Denken zu sein scheinen. Es handelt sich näherhin um die drei Kategorien bzw. Kategorienpaare ‹Freiheit und Bindung›, ‹Bewahrung und Veränderung› sowie ‹Endlichkeit und Unendlichkeit›.

Die Adäquatheit dieser Kategorienpaare sehe ich einerseits in inhaltlicher, andererseits in struktureller Hinsicht gegeben: inhaltlich insofern, als es sich zuvörderst um existenzanalytisch-existenzphilosophische Größen handelt – und genau die Frage nach der Existenz ist es, die meines Erachtens ebenso den postmodernen Menschen unserer gegenwärtigen westlichen Welt umtreibt, wie sie vor 1600 Jahren bereits den spätantiken Menschen Augustinus und sein Denken angetrieben hat. In struktureller Hinsicht hingegen erscheinen mir diese Kategorienpaare adäquat, insofern sie eben Kategorien-Paare, Gegensatzeinheiten sind – und duale Spannungsfelder, nicht selten sogar Antithesen und Widersprüche, sind es gerade, die meines Erachtens unsere Zeitgenossenschaft ebenso kennzeichnen wie das Leben und die Lehre desjenigen, um dessentwillen letztlich wir uns heute hier versammelt haben. Diese drei elementaren Gegensatzkategorien spielten in der Geistesgeschichte schon immer eine mehr oder weniger bedeutende Rolle, wobei die ersten beiden speziell in der Existenzanalyse des Tiefenpsychologen Fritz Riemann zentral wurden, während die letztere vor allem in der Existenzphilosophie Kierkegaards breiten Raum einnahm. Entgegen dem ersten Anschein beschreiben diese Kategorien, die übrigens bei beiden Denkern im Zusammenhang einer Analytik der ‹Angst› stehen, durchaus auch die soziale Dimension der Lebenswirklichkeit, nehmen ihren Ausgang jedoch zunächst vom einzelnen Menschen und seiner Daseinsbestimmung her – eine Perspektive und Priorität, die sich schon bei Augustinus findet, insofern er zunächst nach der ‹Seele vor Gott› fragt, diese Weichenstellung ihn aber keineswegs daran hindert, sein Denken zunehmend auch für die Fragen nach Gemeinschaft, Staat, Kirche und Kosmos zu öffnen.

1.1 Bereich ‹Freiheit und Bindung›

Wenden wir uns nach diesen methodischen Vorüberlegungen nun unserem ersten Instrumentarium zu, mittels dessen wir die ‹Zeichen unserer Zeit› zu erheben versuchen und das uns in einem späteren Schritt das produktive Anknüpfen an Augustinus ermöglicht: dem Gegensatzpaar von ‹Freiheit und Bindung›. Wie es auch bei den beiden weiteren Kategorienpaaren der Fall ist, so bilden die einander gegenüberstehenden Begriffe und Wirklichkeiten keineswegs kontradiktorische Gegensätze innerhalb der menschlichen Existenz, innerhalb einer Gesellschaft und innerhalb einer Epoche; vielmehr handelt es sich um Pole, die in der faktischen Lebens- und Weltwirklichkeit stets gemeinsam, eben als Spannungseinheit, gegeben sind, wohl aber die Betonung und Präferenz des einen oder des anderen Pols zulassen. Die Aufgabe der einzelnen Existenz, aber auch von Gemeinschaften liegt eben darin, die jeweiligen Pole der Gegensatzpaare auszuhalten, auszugestalten und ihr In- und Zueinander in eine Einheit zu bringen, die nicht immer ausgemittelt und ausgewogen sein muss, wohl aber wirklichkeitsgerecht und produktiv sein sollte.

Analysieren wir den Zeitgeist unserer westlichen Gesellschaft auf das Kategorienpaar ‹Freiheit und Bindung› hin, so können wir zweifelsohne eine starke Dominanz des ersten Pols diagnostizieren: Die mit Beginn der Neuzeit und zumal seit der Aufklärung zu einem Kardinalwert avancierte Freiheit, deren Bedeutung das Zweite Vatikanum grundsätzlich positiv rezensiert und rezipiert hat, potenziert sich in der fortgeschrittenen Moderne – gleichsam der ‹postmodernen Moderne› – in einer nochmals individualisierten Form: Jeder einzelne will als je einzelner seine jeweilige ‹Ego-Zentrik›, oft auch seinen jeweiligen Egoismus, durchsetzen und seinen je einzelnen Lebensentwurf für jede einzelne Situation allein entscheiden. Werte wie Gemeinschaft, ja Weltgemeinschaft, und Bindung, aber auch ‹Ver-Bindlichkeit› sind zwar keineswegs verschwunden, stehen jedoch unter dem Vorbehalt der je individuellen und situativ vorläufigen Entscheidbarkeit. Nicht Notwendigkeiten, sondern Möglichkeiten – nicht zuletzt digitale und virtuelle Möglichkeiten – faszinieren unsere Zeitgenossen und beherrschen den Zeitgeist: Riemann sprach in tiefenpsychologischer Terminologie von einer Neigung zum ‹Schizoiden›. Selbst bzw. gerade der Verpflichtungscharakter einer so hehren und unbedingten Größe wie ‹Wahrheit› wird tendenziell der Beliebigkeit des Individuums geopfert: Wir kennen alle das den Zeitgeist auf eine Formel bringende Diktum: ‹Das muss jeder für sich selbst entscheiden!›

Während die hier skizzierte Phänomenologie des Zeitgeistes durchaus und gerade auch für die Sphäre des Religiösen gilt – in unserer pluralistischen Welt flickt sich so mancher seinen je individuellen Frömmigkeits- und Gebetsteppich zusammen –, sieht es im Bereich zumal der katholischen Kirche entschieden spannungsreicher aus: einigen häufig zu recht, bisweilen aber auch in individualistischer Überspitzung die Freiheit eines Christenmenschen betonenden Gruppierungen stehen andere Teile der Kirche, besonders der Amtskirche, gegenüber, die vorwiegend mit der Kategorie der Einheit, der Autorität und der ‹Ver-Bindlichkeit› argumentieren bzw. agieren. Anders als im profanen Bereich, spielt im kirchlichen Binnenmilieu der Pol der ‹Bindung› also noch eine – im wahrsten Sinne des Wortes – ‹mächtige› Rolle, wobei die Spannung gegenüber dem antagonistischen Pol, dem der Freiheit, häufig nicht produktiv ausfällt, sondern, so will mir scheinen, eher im Zeichen der Abwehr steht – nach Riemann Ausdruck einer ‹depressiven› Grundeinstellung, einer ekklesialen ‹Angst vor der Freiheit›.

1.2 Bereich ‹Bewahrung und Veränderung›

Eng verwandt mit, in gewisser Weise sogar eine Sonderform der soeben skizzierten Tendenz des kulturellen Zeitgeistes zum Bindungsverlust ist das allenthalben zu konstatierende Phänomen des Traditionsverlustes. Freiheit äußerst sich hier als Freiheit von Althergebrachtem und vermeintlich Überkommenem: Veränderung und Innovation fungieren als die führenden, oder besser: treibenden Leitwerte der meisten Zeitgenossen. Nicht nur weiter und höher, sondern vor allem schneller muss alles werden. Stand ‹Veränderung› zu Beginn der Neuzeit noch unter dem Anspruch der ‹Verbesserung› der Conditio humana, unter dem Anspruch des Fortschritts, so potenziert sich in der fortgeschrittenen Moderne Veränderung, ja Beschleunigung, zum Wert und Reiz an sich – in Riemanns Diktion Ausdruck einer ‹hysterischen› Angstreaktion und Charakterstörung. Freilich geht mit wachsender Beschleunigung und Innovation auch eine kompensatorische Sentimentalität gegenüber dem Bleibenden bzw. dem Gebliebenen einher, doch wird dieses in der Regel allenfalls im Modus des Musealen geduldet oder goutiert.

Auch in Bezug auf dieses Gegensatzpaar zeigt sich die Situation in der Kirche, zumal der katholischen Kirche, widersprüchlicher. Während im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils das gesamte Volk Gottes zu neuen Horizonten aufzubrechen schien, sind sich die Weggefährten zurzeit offenbar nicht mehr über die Marschgeschwindigkeit, ja häufig nicht einmal mehr über die Marschrichtung einig. Gerade die Laien und die Laienvertreter drängen auf neuen Aufbruch bzw. auf Reformen und Innovationen, während so mancher Hirte seine Herde allzu gerne an den vermeintlich altbewährten Weidegründen einsperren würde und so manchem ungestüm am Strick zerrenden Schaf mittels lehramtlicher oder disziplinarischer Stricke die Luft abzuschnüren droht – in der Logik Riemanns Ausdruck einer ‹zwangsneurotischen› Angst vor der Dynamik der irdischen Wirklichkeit.

1.3 Bereich ‹Endlichkeit und Unendlichkeit›

Wenden wir uns schließlich noch demjenigen Gegensatzpaar zu, das – wie in einem gewissen Maße auch die vorausgegangenen – schon seit jeher die Geistesgeschichte geprägt hat; letztlich wohl deshalb, weil es das menschliche Dasein von seinen Grundfesten her imprägniert: dem Gegensatzpaar von ‹Endlichkeit und Unendlichkeit›, das in eine Synthese zu bringen nach Kierkegaard die entscheidende Aufgabe des Menschseins ausmacht. Es vermag entsprechend nicht zu verwundern, dass sich diese Kategorien und ihre Spannung insbesondere in denjenigen Bereichen der gegenwärtigen Lebenswelt niederschlagen, die es mit dem Bild vom Menschen, mit der theoretischen und der praktischen Anthropologie, zu tun haben. Der Zeitgeist zeigt sich auf diesem Wirklichkeits- und Wertefeld eigentümlich zerrissen. Einerseits präferiert er in gegenüber früheren Jahrzehnten – ganz zu schweigen von früheren Jahrhunderten – signifikanter Weise die Endlichkeit und Diesseitigkeit des Menschseins, geronnen zu Stammtischweisheiten wie ‹man muss sich ausleben› und ‹mit dem Tod ist eh’ alles aus›, oder verdichtet in Anthropologien, die den Menschen auf ein biochemisches Ensemble reduzieren und die Geistigkeit und Personalität zu allenfalls heuristisch verwendbaren Scheinwirklicheiten erklären. Kierkegaard würde diese Überidentifikation mit dem Endlichen wohl als angstgetriebenes Bemühen interpretieren, ‹verzweifelt man selbst zu sein›. Andererseits steht diesem Primat der ‹Sinnlichkeit› eine tiefe und breite, wenn auch häufig diffuse Suche nach ‹Sinn› gegenüber: wohl durchaus als eine säkularisierte Sehnsucht nach Unendlichkeit zu interpretieren, die sich freilich nicht selten in fragwürdigen esoterischen Vorstellungen wie z.B. dem Reinkarnationsglauben manifestiert – möglicherweise eine Spielart dessen, was Kierkegaard als das angstgetriebene Bemühen beschreibt, verzweifelt ‹nicht man selbst zu sein›.

Ins Kirchliche gewendet, manifestiert sich das Gegensatzpaar ‹Unendlichkeit – Endlichkeit› unter anderem in den immer neu ins Gleichgewicht zu bringenden klassischen Spannungseinheiten von ‹Glaube und Leben›, ‹Gott und Welt› bzw. ‹Kirche und Welt›. Wie kann der Christ sein Herz zum Himmel erheben, ohne – wie Nietzsche es formuliert hat – ‹die Treue zur Erde› zu verlieren? Wie kann Kirche in der Welt und für die Welt existieren, ohne sich der Welt gleich zu machen? – eine Problemstellung, die erst in unseren Tagen innerhalb der katholischen Kirche wieder explizit aufgeworfen wurde und innerhalb derer so manche Gräben klaffen zwischen demjenigen Akzent, den Rom und seine hiesigen Brückenköpfe dekretieren, und demjenigen Akzent, den weite Teile des deutschen Kirchenvolkes, u.a. mit begründeter Berufung auf das Vatikanum II, für evangeliumstreu, wirklichkeitsgerecht und – im besten Sinne des Wortes – ‹zeit-gemäß› halten.

2 Impulse für Welt und Kirche angesichts der aktuellen ‹Zeichen der Zeit› – Die Aktualität Augustins

2.0 Methodische Vorbemerkung

Meine sehr geehrten Damen und Herren, nachdem wir in einem ersten Schritt mithilfe der von uns zugrundegelegten drei diagnostischen Kategorienpaare einige ‹Zeichen unserer Zeit› herausgearbeitet haben, werde ich nun in einem zweiten Schritt versuchen, diese Gegenwartsanalyse mit Augustins Denken zu korrelieren. Unter Korrelation – ein Begriff, der in der modernen Fundamentaltheologie und Religionsdidaktik eine paradigmatische Rolle spielt – kann und will hier nicht verstanden sein, Versatzstücke aus dem Denken des spätantiken Augustinus zu isolieren und als fixe Antworten, womöglich gar Problemlösungen in unseren modernen bzw. postmodernen – oder gar schon wieder ‹post-postmodernen›? – Kontext zu überführen. Auch die Väter des Vatikanum II haben auf die Auswertung der ‹Zeichen der Zeit› nicht eine unvermittelte Verkündigung von Katechismussätzen folgen lassen. Vielmehr möchte ich in die in Schritt 1 grob schraffierte Skizze unseres profanen und kirchlichen Zeitgeistes hinein einige Impulse einbringen, die aus augustinischem Geist erwachsen. Augustinus selbst wäre gewiss der letzte gewesen, der gewünscht hätte, bei allen möglichen Problemstellungen als der ‹deus ex machina› aus dem geistes- und theologiegeschichtlichen Hut gezaubert zu werden. Wohl aber möchte ich die These wagen und belegen, dass Augustinus in Bezug auf die oben entwickelten Grundfragen der Conditio humana durchaus ‹anschlussfähig› ist und in unsere Zeit hinein, in der die radikalisierte Moderne sich in mancherlei Hinsicht selbst ‹frag-würdig› erscheint, einiges Interessante, einiges Nachdenkenswerte, freilich auch einiges Störrisch-Störende, zu sagen hat.

2.1 Augustinische Impulse für den Bereich ‹Freiheit und Bindung›

Wenden wir uns nach diesen Vorbemerkungen erneut unseren drei Kategorienpaaren zu. Was das Spannungsfeld ‹Freiheit und Bindung› betrifft, so gehört Augustinus zunächst auf jeden Fall in diejenige geistesgeschichtliche Tradition, der wir die Entdeckung und Würdigung von Individualität und je einzelner Subjektivität verdanken. Etliche seiner philosophischen Frühschriften, vor allem aber auch die Confessiones sind Dokumente, ja Manifeste eines selbstbewussten ‹Ich› mit seiner je individuellen Welthabe und seinen frei gesetzten Entscheidungen. Während Augustinus in dieser Hinsicht also durchaus zu den Wegbereitern der Neuzeit gehört, wird man ihn für postmoderne Bindungslosigkeit und Beliebigkeit indes mitnichten vereinnahmen können. Menschliche Freiheit ist für Augustinus nämlich ihrem Wesenskern nach zum einen geschaffene, geschenkte und verdankte Freiheit, zum anderen dialogische Freiheit im Gegenüber zu einem Du und schließlich verantwortliche, zu Verantwortung und Rechenschaft gerufene, Freiheit. Gewiss bewegt sich diese Freiheitslehre Augustins noch ganz im Rahmen einer theologischen Metaphysik und Anthropologie – Gott ist Geber, Gegenüber und Richter menschlicher Freiheit –, doch wird man auch für eine säkulare Philosophie und eine philosophische Anthropologie die grundsätzliche und strukturelle Relationalität von Individualität und Freiheit als wesentlichen Impuls übernehmen können, ja müssen. Über eine nicht zuletzt von Augustinus inspirierte relationale Freiheitslehre – Menschsein ist auch und gerade als freies ein Menschsein in Beziehung und Verantwortung – könnte ein schizoid in seinen Möglichkeiten zu ertrinken drohender Zeitgeist festere Konturen von Orientierung und Identität gewinnen: eine Identität, die auf ‹Liebe› – ein augustinischer Zentralbegriff – gegründet ist und auf diese Weise unabhängiger wird von dem tagtäglichen Kampf um die besten ökonomischen Bilanzen und um die höchste mediale Aufmerksamkeit und Anerkennung. Der ‹Lehrer der Gnade› vermag die Augen zu öffnen für diejenige Dimension der Wirklichkeit, die man nicht ‹machen kann›, sondern die man allenfalls ‹empfangen darf›.

In kirchlicher Hinsicht finden wir im Denken Augustins, was den Bereich von ‹Freiheit und Bindung› betrifft, eine beispielhafte Balance von einzelnem und Gemeinschaft, von ‹Glaubens-Ich› und dem ‹einen Leib Christi› in seinen vielen Gliedern. Ein besonderer Impuls für die Kirche unserer Zeit scheint mir darin zu liegen, dass der Kirchenlehrer die Einheit der ‹ecclesia› nicht nur und nicht in erster Linie von der Uniformierung durch Amt und Institution, sondern von der inneren Einigungskraft Gottes her ansetzt, die sich nicht zuletzt im Sakrament der ‹communio› vollzieht: als Gemeinschaft der Eucharistiefeiernden, deren viele Glieder eine pluriforme Einheit bilden unter dem einen Haupt Jesus Christus und in dem einen heiligen Geist der göttlichen Liebe. Dass derlei Reflexionen den Kirchenvater nicht davon abhielten, nach einer toleranten Phase letztlich doch rigide, ja gewaltsam gegen von ihrer Glaubensfreiheit Gebrauch machende weltanschauliche Abweichler innerhalb und außerhalb der Kirche vorzugehen bzw. vorgehen zu lassen, darf und soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden – in diesem Punkt ist unser Zeitgeist, ja selbst der Geist der katholischen Glaubenskongregation, dem Geist bzw. Ungeist des augustinischen ‹compelle intrare› einen entscheidenden Schritt voraus.

2.2 Augustinische Impulse für den Bereich ‹Bewahrung und Veränderung›

Wichtige anthropologische, gesellschaftliche und kulturelle Anstöße vermag Augustinus unserer Zeit auch im Bereich von ‹Bewahrung und Veränderung› zu geben. Gegenüber der beschleunigten Moderne und ihrer Feier des Wandels und der Schnelligkeit stellt Augustinus als Vertreter einer platonisch getönten Ontologie und einer zumindest auch kontemplativ ausgerichteten Spiritualität einen überaus produktiven Anachronismus dar. Keineswegs verleugnet oder denunziert er die Wirklichkeit und die Notwendigkeit von Zeitlichkeit, Veränderung und Bewegung für die Lebenswirklichkeit der Menschen, doch kreisen sein Denken und seine Frömmigkeit zuinnerst um das Ziel, Zeitlichkeit an Ewigkeit, Veränderung an Bestand und Bewegung an Ruhe zurückzubinden. In Confessiones Buch 11 entwickelt Augustinus eine vielzitierte und vielrezipierte Phänomenologie der zeitlichen Zerrissenheit des irdischen Daseins, das erst dann zu seinem Frieden gelangt, wenn es inmitten des Strudels der Veränderung sein inneres Zentrum, seinen seelischen Ruhepunkt und darin seinen existenziellen Halt findet. Weite Teile der abendländischen Mystik, die gegenwärtig von so manchem gehetzten Zeitgenossen wiederentdeckt wird, verdanken unmittelbar ihre Reflexionen und mittelbar ihre spirituellen Übungen der Philosophie und Theologie der Zerrissenheit und Unruhe bzw. der Sammlung, des Aufstiegs, der Anschauung und der ‹ewigen Ruhe›, die Augustinus so erfahrungsdicht und metaphernprall hinterlassen hat. Keineswegs redet Augustinus aber einer Flucht aus der Zeitlichkeit das Wort: Veränderung und der Umgang mit ihr gehören unabdingbar zu den Bedingungen des Erdendaseins – diesseits der himmlischen Vollendung ist und bleibt der Mensch stets ein Suchender, auch und gerade hinsichtlich der Wahrheitssuche und der Gottsuche.

Dieses Auf-dem-Weg-Sein gilt für Augustinus nicht nur in individueller, sondern ebenso in gesellschaftlicher, vor allem aber auch in kirchlicher Hinsicht. Was das Zweite Vatikanische Konzil ‹aggiornamento›, Verheutigung, nannte, hat also durchaus in augustinischen Vorstellungs- und Begriffsfeldern wie ‹dispensatio› oder ‹accomodatio› sein Pendant: So wie Gott seine heilsgeschichtliche Zuwendung der zeitlichen Verfasstheit des menschlichen Daseins je nach Epoche je neu anpasst, so dürfen, ja müssen auch das ewige Wort des Evangeliums und die ewige Wahrheit der ‹regula fidei›, der Glaubensregel, sich in ihren Konkretionen mit den jeweiligen Zeitläuften ändern, um von ihren Adressaten nicht nur gehört, sondern auch verstanden, aufgenommen und bestenfalls angenommen zu werden – diese augustinische Maxime gilt gewiss auch im Hinblick auf das aktuelle römische Programm der ‹Neuevangelisierung›. Gleichwohl bleibt die irdische Region des Zeitlichen und Veränderlichen für den Kirchenvater aus Hippo stets eine Sphäre der Entfremdung. Dies machte und macht ihn zwar immun gegen jedwede Art von profan- oder kirchengeschichtlicher Fortschrittsideologie, verhinderte jedoch häufig auch, dass wirkmächtigere Anstöße zur Verbesserung der Conditio humana bzw. der ‹Conditio ecclesiastica› von ihm und seiner Lehre ausgehen konnten.

2.3 Augustinische Impulse für den Bereich ‹Endlichkeit und Unendlichkeit›

Beim Kategorienpaar ‹Endlichkeit und Unendlichkeit› schließlich bewegt sich Augustinus auf seinem ureigenen Terrain. Kaum ein antiker und spätantiker Denker reflektiert so radikal wie er, so gründlich wie er und so phänomenologisch dicht wie er die endliche Verfasstheit der Menschen und ihrer Welt – ‹Augustins Philosophie der Endlichkeit› heißt entsprechend eine einschlägige Studie des Augustinus-Spezialisten Prof. Norbert Fischer aus Eichstätt. Auch wenn wir von Augustins theologischer Einbettung seiner Reflexion der Endlichkeit absehen, bleibt als Tenor seines diesbezüglichen Denkens das Axiom bestehen: Wirklichkeitsgerecht und menschenwürdig können wir nur dann mit unserer endlichen Verfasstheit, Fähigkeit und Freiheit umgehen, wenn wir sie auf einen zumindest unthematisch angenommenen und bejahten unendlichen Horizont, auf eine geheimnisvolle unbedingte Wirklichkeit beziehen. Dabei ist Augustinus dem gegenwärtigen Zeitgenossen ausgesprochen geistes- und seelenverwandt in der Suche nach Erfüllung und Glück inmitten einer orientierungsschwachen Weltanschauungsgemengelage, ausgesprochen sperrig hingegen erweist er sich gegenüber der Neigung unseres Zeitgeistes, den ‹Sinn› inmitten des ‹Sinnlichen› oder gar durch das ‹Sinnlicheselbst – in Konsumkult, in Schönheitskult, in Sexkult – finden zu wollen. Wer sein Suchen und Streben nicht auf objektiv Wahres und schlechterdings Gutes hin ausrichtet, so würde der Prediger von Hippo und Karthago seinen Zuhörern heute zurufen, der wird auch sein subjektives Glück nicht finden – hier folgt Augustinus ebenso den Spuren der platonischen Metaphysik wie der evangelischen Warnung, dass derjenige, der sein Leben gewinnen will, es desto sicherer verlieren wird.

Ähnliche augustinische Denkstrukturen und Grundüberzeugungen finden wir im explizit religiösen und im kirchlichen Bereich. Hier stellt Augustinus Glaube und Leben, Gott und Welt häufig antithetisch einander gegenüber und die Menschen damit vor Alternativen, die ‹moderne› Christen – sei es zu recht, sei es zu unrecht – zu vermeiden streben, um stattdessen ihren Weg, auch ihren Heilsweg, vielmehr in einer engeren Vermittlung der beiden Pole zu suchen: als größtmögliche Einheit von Glaube und Leben, Gott und Welt: einer Welt, deren relative Autonomie, ‹iusta autonomia›, vom Zweiten Vatikanum ja auch ausdrücklich anerkannt wurde. Zugegeben: Der Kirchenvater aus Hippo würde heute wahrscheinlich eher zu denjenigen Theologen und Amtsträgern zählen, die vor einer Verweltlichung der Kirche warnen – meines Erachtens jedoch vermutlich unter drei Bedingungen: zum ersten würde er diese Warnung vor der ‹gloria mundi›, dem ‹Glanz der Welt›, auch an die oberen Etagen der kirchlichen Hierarchie adressieren, zum zweiten würde er sich hüten, die Grenzen zwischen Kirche und Welt allzu eng an den sichtbaren Grenzen der Kirchlichkeit und der Kirchenzugehörigkeit auszurichten – in seinen Augen sind viele, die ‹drinnen› sind, eigentlich ‹draußen›, und etliche, die ‹draußen› sind, eigentlich ‹drinnen› –, und drittens schließlich hieße Warnung vor Verweltlichung für ihn nicht automatisch Anstiftung zur Dialogverweigerung: abgesehen von den erwähnten kirchendisziplinarischen Sündenfällen war Augustinus zeitlebens mehr ein Mann der gesprochenen, geschriebenen und gelebten Überzeugungsarbeit als ein Mann des apodiktischen ‹Anathema›. Freilich würde er uns Christen aber auch durchaus ermutigen, die in den letzten Jahren beobachtbare Rückkehr des im weitesten Sinne ‹Religiösen› als ein positives ‹Zeichen der Zeit› zu nutzen und in diese oft diffuse Sehnsucht nach Transzendenz hinein die Klarheit der christlichen Rede von einem personalen Gott der Liebe einzubringen.

3 Die Aktualität Augustins und unsere Aktivitäten im Zentrum für Augustinus-Forschung

3.1 Die Aktualität Augustins in Bildung und Wissenschaft

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich hoffe, ich konnte Ihnen in meinen bisherigen Ausführungen die Aktualität Augustins auch und gerade vor dem Hintergrund unseres heutigen Zeitgeistes ein Stück weit luzide und nachvollziehbar machen. Bevor ich diese Aktualität Augustins mit unseren konkreten Aktivitäten im ZAF konfrontiere, möchte ich Ihnen kurz den Niederschlag dieser Aktualität im Bereich von Bildung und Wissenschaft ganz allgemein aufzeigen. Denn in der Tat hat Augustinus auch in diesem Sektor Hochkonjunktur, nicht nur im Blick auf die Anziehungskraft, die die Spätantike generell gegenwärtig auf verschiedene Wissenschaftsdisziplinen ausübt, und nicht nur im Blick auf die speziellen Affinitäten, die der derzeit amtierende Bischof von Rom zu seinem prominenten Amtsbruder aus Hippo hegt und pflegt. Natürlich arbeitet zumal die Grundlagenforschung zu Augustinus in erster Linie und sinnvollerweise aus ihren eigenen, wissenschaftsimmanenten Motivationen heraus, dennoch spiegelt auch das Warum, Wieviel, Was und Wie selbst der theoretischen Forschung in einem gewissen Maße die allgemeine kulturelle Aufmerksamkeit wider, die einem bestimmten Bildungs- und Wissenschaftsgegenstand – in unserem Falle Augustinus – in der jeweiligen Gegenwart zukommt. So dürfte die von mir soeben herausgearbeitete Aktualität Augustins für unsere zeitgenössische Kultur zumindest mit dafür verantwortlich sein, dass der spätantike Nordafrikaner gegenwärtig in zahlreichen geistes- und humanwissenschaftlichen Disziplinen und Kontexten eine seiner immer wiederkehrenden Renaissancen erlebt – nicht nur in den einschlägigen Winkeln von Latinistik und Patristik, die sich von ihrem Themengebiet her mit Augustinus auseinandersetzen müssen, sondern auch und gerade in denjenigen Fächern, denen ein engerer Konnex zu sogenanntem ‹Orientierungswissen› eignet. Was dabei die Systematische Theologie betrifft, so scheinen mittlerweile einige reflexhafte Animositäten augustinischem Denken gegenüber entschärft, die sich vor allem – teils zu recht, teils zu unrecht – an Augustins platonisch-dualem Welt- und Menschenbild, seiner Sinnlichkeits- und Sexualskepsis sowie seiner spekulativ zugespitzten Prädestinationslehre entzündet hatten. Trotz bleibender und berechtigter kritischer Anfragen herrscht inzwischen in der evangelischen wie in der katholischen Systematik eine differenziertere und sachlichere Wahrnehmung Augustins vor, die erneut den Blick auf die nach wie vor grandiosen theologischen Leistungen des Kirchenvaters freigibt, wobei es neben vielen weiteren Qualitäten wohl gerade das augustinische Ineinander von Theologie und Existenz, von Gelehrtem und Gelebten, von Noetischem und Narrativen ist, das die zeitgenössische theologische Systematik als anschlussfähig und zeitgemäß empfindet.

Eine Renaissance erlebt augustinisches Denken auch in weiteren dem ‹Orientierungswissen› enger verbundenen Wissenschaftsdisziplinen: vornehmlich in der Philosophie, aber auch in der Psychologie, der Soziologie, der Pädagogik, der Kommunikations- und der Kulturwissenschaft – und nicht zu vergessen in der Geschichtswissenschaft, und zwar nicht nur in der Sektion der Alten Geschichte, sondern quer durch alle Epochen, insofern augustinisches Denken all-überall seine – teils als Segen, teils als Fluch empfundenen – Spuren und Wirkungen hinterlassen hat. ‹After Augustine› – ‹Nach Augustinus› heißt entsprechend eines der größten und ambitioniertesten Projekte im Raum der heutigen Augustinus-Forschung, das unter der Leitung der deutschen Philologin und Theologin Prof. Karla Pollmann von St. Andrews in Schottland aus vor einigen Jahren auf den Weg gebracht und mittlerweile zu seinen ersten Etappenzielen geführt wurde. Die aus diesem gewaltigen und millionenschweren internationalen und interdisziplinären Projekt erwachsenden Enzyklopädiebände erheben den Anspruch, zumindest einen Überblick über die gesamte Breite und Tiefe der augustinischen Rezeptions- und Wirkungsgeschichte zu geben. Man könnte die holzschnittartige Diagnose stellen: Das sogenannte ‹Abendland›, das zurzeit in verschiedenster Hinsicht um seine Identität ringt, besinnt sich erneut – und sei es in Teilen auch kritisch – auf eine seiner bedeutendsten und wirkmächtigsten Wurzeln: auf Augustinus, auf seine Synthese von biblischer und griechisch-römischer Welt, von Glaube und Vernunft, von, säkular gewendet, Werteorientierung und Rationalität – wobei übrigens dieses sogenannte ‹Abendland› en passant sein Bewusstsein dafür schärfen kann, in welch beachtlichem Maße sich der Geist des ‹Okzidents› auch den Ressourcen des ‹Orients› und Nordafrikas verdankt. Und erlauben Sie mir schließlich noch ein letztes, empirisches Indiz für die von mir behauptete Aktualität Augustins auch im Bildungs- und Wissenschaftsbereich: Nach wie vor erscheinen Jahr für Jahr an die 500 Monographien, Aufsätze oder Lexikonartikel, die sich im engeren Sinne mit Augustinus, seinem Leben, seinem Denken, seinem Werk und seiner Wirkung befassen. Allenfalls erwähnen will ich die Tatsache, dass über wissenschaftliche Medien hinaus auch Film, Fernsehen, Rezitation und Musik von Augustinus Notiz nehmen – ob in jedem Falle im Dienste eines besseren Verständnisses dieses Mannes, seiner Lehre und seiner Zeit, sei freilich dahingestellt.

3.2 Das ZAF im Zeichen der Aktualität Augustins

3.2.1 Aufbau und Programm des ZAF

Meine sehr geehrten Damen und Herren, nachdem ich nun lange Ihre Zeit und Ihr Gehör in Anspruch genommen und Ihre Geduld möglicherweise sogar über die Maßen strapaziert habe, schlage ich den Bogen zurück zur Würzburger Augustinus-Forschung innerhalb des ZAF. Unser Zentrum, seine Protagonisten und seine Aktivitäten wollen mit Ihrer Hilfe, liebe Mitglieder der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung, Bausteine – bisweilen sogar Ecksteine – bereitstellen, um an dem beeindruckenden, sich über die ganze Welt erstreckenden Gebäude der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Augustinus mitzubauen. Dabei können wir unser ZAF mit seinem runden Dutzend haupt-, neben- oder ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seinerseits als ein Gebäude begreifen, das – ich darf Ihnen Altbekanntes noch einmal vor Augen führen – auf drei bzw. mittlerweile, mit entsprechendem Zugewinn an Stabilität, auf vier inhaltlichen Säulen ruht: dem zu ca. 2/3 vollendeten und auch in den nächsten Jahren vorrangig aus öffentlichen Mitteln finanzierten Augustinus-Lexikon, dem in Bälde als CAG-Online in seine 3. Auflage gehenden Corpus Augustinianum Gissense, der mittlerweile bestens frequentierten Internet-Homepage www.augustinus.de und – die erwähnte vierte Säule – der immer stärkere Resonanz findenden Bildungsarbeit, die ihre Substanz unter anderem aus Blockseminaren, Studientagen und semesterbegleitenden Veranstaltungen im Raum der hiesigen Universität gewinnt, aber auch in sporadischen Vorträgen oder tagtäglichen Dienstleistungen für akademische und nichtakademische wie auch für christliche und nichtchristliche Augustinus-Interessierte besteht. Augustinus-Lexikon und Augustinus-Corpus, also der digital erschlossene lateinische Gesamttext aller augustinischer Schriften, gehören dabei dem Bereich grundlagenorientierter Forschung bzw. Erschließung Augustins an – Aktualität Augustins heißt in diesem Zusammenhang vor allem Aktualität der hermeneutischen, philologischen und technischen Methoden, um augustinisches Schreiben und Denken in größtmöglicher Authentizität zu erfassen, aufzubereiten und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zu vermitteln. Die zwei anderen Säulen des ZAF, also die didaktisch sorgfältig aufbereitete Internethomepage sowie die universitäre und außeruniversitäre Bildungsarbeit, können sich der Aktualität Augustins zusätzlich auch in inhaltlicher Hinsicht widmen, nämlich durch Auswahl bestimmter Themenstellungen, die kulturell ‹in der Luft liegen› oder die von interessierten Personen, Kreisen oder Institutionen an das ZAF herangetragen werden. So führte bereits der erste Augustinus-Studientag im Jahr 2003 den für die gesamte Bildungsarbeit des ZAF programmatischen Titel: ‹Augustinus – seine Bedeutung für die Gegenwart›.

3.2.2 Aktivitäten des ZAF

Können wir die konkreten Aktivitäten das ZAF möglicherweise noch detaillierter und differenzierter der gegenwärtigen Aktualität Augustins zuordnen? Lassen Sie mich dies zu Abschluss meines Referates wiederum im Blick auf die drei grundlegenden Kategorienpaare ‹Freiheit – Bindung›, ‹Bewahrung – Veränderung› und ‹Endlichkeit – Unendlichkeit› versuchen. Dabei möchte ich zunächst verstärkt die Inhalte unserer Aktivitäten auf den Prüfstand stellen und anschließend einige Formen, Strukturen und Methoden unserer Arbeit ventilieren.

a) Was die Inhalte unserer Aktivitäten im ZAF betrifft, so lassen sich zumal etliche Veranstaltungen aus unserer Tagungs- und Bildungsarbeit ohne hermeneutische Gewalt einzelnen Kategorienpaaren zuweisen. Das im Jahr 2004 in enger Kooperation mit Herausgebern und Autoren des Augustinus-Lexikons veranstaltete Symposion in Mainz zum Themenkreis ‹Gnade – Freiheit – Rechtfertigung› fügt sich ebenso nahtlos zum Begriffsduo ‹Freiheit und Bindung› wie der Würzburger Augustinus-Studientag 2005 mit der Programmatik ‹Aspekte der Ethik› und derjenige des Jahres 2007 mit der Überschrift ‹Recht und Gewalt›.

Überdurchschnittliche Resonanz fanden im Jahre 2010 sowohl das Lektüreseminar im Januar als auch der Studientag im Juni, beide unter das Thema ‹Zeit› mit besonderem Blick auf Confessiones Buch 11 gestellt; Inhalt und Problemstellung dieser Veranstaltungen können wir klar unserem zweiten Kategorienpaar, ‹Bewahrung und Veränderung›, zuordnen, in dessen Zentrum auch das Lektüreseminar des Jahres 2011 zielte, bei dem zahlreiche Teilnehmer aus verschiedensten Lebenswelten gemeinsam Confessiones Buch 10, einen Grundtext der augustinischen Innerlichkeits- und Aufstiegs-‹Mystik›, meditierten und diskutierten.

Innerhalb des dritten Kategorienpaares ‹Endlichkeit und Unendlichkeit› schließlich war unter anderem das Lektüreseminar 2008 angesiedelt, das die Lesung und Auslegung des Dialogs De beata uita – Über das glückselige Leben mit der Diskussion über aktuelle Glücks- und Sinnfragen kombinierte und korrelierte; um ‹Sinn und Sinnlichkeit› drehten sich auch die prominent besetzten und von der Thyssen Stiftung finanzierten Studientage im Juni 2011, in deren Mittelpunkt Augustins Theorie des Schönen stand. Dies alles sind lediglich herausgehobene Beispiele für die Aktualität der Aktivitäten des ZAF, deren Liste sich um einiges nach hinten, aber auch nach vorne, in die Zukunft hinein, verlängern ließe. Gerade im gegenwärtigen Jahr 2012 liegt ein Schwerpunkt unserer Veranstaltungen auf der Frage nach der Begegnung von Kirche und Welt, von christlicher und nichtchristlicher Kultur – ebenfalls eine Schlüsselproblematik unseres dritten Kategorienpaares: Wie hat Augustinus in seiner Zeit die unterschiedlichen Weltanschauungen und Kulturen ins Verhältnis gesetzt, voneinander abgegrenzt, aneinander vermittelt? Und welche Konsequenzen ergaben und ergeben sich aus seinen diesbezüglichen Positionsbestimmungen durch die Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag? Ein Lektüreseminar im Januar, ein Hauptseminar im laufenden Sommersemester sowie, als Höhepunkt, das internationale und interdisziplinäre Rom-Symposion im Herbst versuchten und versuchen sich auf unterschiedlichem Abstraktionsniveau an Antwort- und Lösungsvorschlägen auf diese ebenso gesellschaftlich wie kirchlich hochaktuelle Thematik. Apropos Symposion: Das veritable Programm dieses Kongresses wurde Ihnen heute druckfrisch ausgehändigt. Wir Veranstalter freuen uns, dass einige aus dem Kreis der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung im September mit uns in die ‹ewige Stadt› reisen – wie Sie wissen, im Rahmen einer von Domdekan Monsignore Putz betreuten Studien- und Pilgerfahrt; weitere Anmeldungen zu dieser attraktiven Begleitreise werden hier und heute entgegengenommen, und auch mit Prospekten können wir Ihnen gerne noch dienen.

b) Was die Formen, Strukturen und Methoden unserer Aktivitäten im ZAF betrifft, so versuchen wir auch diese so zu entwickeln und zu handhaben, dass sie der Aktualisierung Augustins zuträglich sind. Ohne Übersystematisierung betreiben zu wollen, darf ich auch im Blick auf diese Dimensionen der ZAF-Arbeit unser Bemühen hervorheben, innerhalb der drei relevanten Kategorienbereiche eine angemessene Verhältnisbestimmung der jeweiligen Pole zu verwirklichen und auf denjenigen Wegen zu wandeln, auf denen Augustinus richtungsgebende Fußspuren hinterlassen hat. Was das Feld von ‹Freiheit und Bindung› betrifft, so sind wir bestrebt, dem ZAF mit der Auswahl und Umsetzung seiner Projekte und Aktivitäten einerseits ein eigenes Profil und, wie man heutzutage sagt, ‹Alleinstellungsmerkmale› zu verleihen, dabei aber andererseits die gerade in der modernen Wissenschaftswelt unverzichtbaren Elemente von Kommunikation und Vernetzung sowie von Internationalität und Interdisziplinarität im Auge zu bewahren – was uns z.B. bei der Kooperation mit der hiesigen Universität, aber auch mit zahlreichen weiteren Institutionen und Personen aus verschiedenen Ländern und aus verschiedenen Wissenschafts- und Kulturbereichen zu gelingen scheint. Kommunikation und Vernetzung über Landes- und über Disziplinengrenzen hinweg gehörte übrigens auch zu den besonderen Fähigkeiten und Interessen Augustins; das ZAF wird sich in der näheren und ferneren Zukunft verstärkt mit dem umfangreichen Briefkorpus Augustins befassen, in dem gerade diese Fähigkeiten und Interessen Augustins einen dichten Niederschlag gefunden haben.

Was das Feld von ‹Bewahrung und Veränderung› angeht, so bemühen wir uns, im ZAF Altbewährtes beizubehalten und zu pflegen, aber auch den Anschluss an methodische und technische Innovationen zu wahren – recht plastisch leisten wir eine solche Synthese mittels des Corpus Augustinianum Gissense, das die alten lateinischen Texte Augustins konserviert, jedoch im jeweils neuesten philologischen und elektronischen Gewand von CD-ROM oder Internetanwendung präsentiert. Dabei rangiert für uns jedoch Gründlichkeit vor Schnelligkeit, Grundlagenbedeutung vor Augenblicksrelevanz – eine Präferenz, für die wir in Bezug auf das Langzeitprojekt Augustinus-Lexikon immer wieder Bestätigung erfahren und die als ein bescheidener Beitrag zur Entschleunigung unserer getriebenen Gegenwartskultur sicherlich guttut. Die Balance von Bewahren und Erneuern ist dem ZAF zudem auch im Personalbereich ein Anliegen, so wie ja auch Augustinus anno 426 – also mit Erreichen des 73. Lebensjahres – einen Nachfolger, Eraclius, ernannte und ihm sukzessive die Ausübung der Amtsgeschäfte übertrug.

Schlussendlich noch ein Blick auf das Feld von ‹Endlichkeit und Unendlichkeit›: Das ZAF möchte mit seinen Aktivitäten die Unbedingtheit der Wahrheitsfrage hochhalten und in seinem Mikrobereich zur Geltung bringen – unabhängig von weltanschaulichen oder konfessionellen Positionierungen –, jedoch dabei stets auch die Bedingtheit der konkreten Wissenschafts- und Bildungssituation im Auge behalten. Von daher ist nicht der ‹elfenbeinerne Turm›, sondern die ‹Agorá›, das Dialog- und Diskussions-Forum – auch in seiner digitalen Gestalt –, unser ureigenes Milieu, spätestens dann, wenn es um die adressatengerechte Formulierung und Vermittlung unserer Forschungsergebnisse geht: eine Kompetenz, die der rhetorisch und pastoral versierte Augustinus seinerzeit in Perfektion beherrschte.

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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, lohnt es sich, so lautete meine Ausgangsfrage, dass Sie Ihre wertvolle Zeit und Ihr gutes Geld in die Aktivitäten des Zentrums für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg investieren? Der Tenor meines Rechtfertigungsversuches lautete: Ja, es lohnt sich, weil und insofern unsere Aktivitäten der Aktualität Augustins verpflichtet sind und von ihr her in die Pflicht genommen werden: Augustinus und sein Denken sind im ZAF und für das ZAF tatsächlich eine ‹lebendige Tradition›!

Freilich sollte uns von Augustinus und seinem Denken her in erster Linie nicht an Ihrer Zeit und Ihrem Geld gelegen sein; vielmehr wollen wir mit unseren Aktivitäten im ZAF vor allem Ihren Geist und Ihr Herz gewinnen. So darf ich Sie nachdrücklich ermutigen, sich via Internet, Broschüren und Veröffentlichungen über unsere Projekte und ihre Ergebnisse zu informieren sowie in Legion unsere öffentlichen Vorträge, Seminare und Studientage zu besuchen. Gerne heißen wir Sie auch in unseren Räumlichkeiten am Dominikanerplatz 4 willkommen, wo wir Ihnen nicht nur eine kleine Führung, sondern gewiss auch einen Kaffee oder Tee angedeihen lassen.

Und wenn Sie schließlich restlos von Augustinus und zumindest partiell von unserem ZAF und seinen Aktivitäten begeistert sind, so lassen Sie ihr soziales Umfeld an dieser Begeisterung teilhaben! Möglicherweise stellt sich dann jener erfreuliche Prozess und Effekt ein, den schon Augustinus beobachtet, geschätzt, genutzt und in sermo 234,3 auf den Begriff gebracht hat: «alter calidus, alter frigidus. calidus frigidum accendat. – Der eine ist heiß, der andere ist kühl. Der Heiße möge den Kühlen anstecken».