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Die Absicht wiegt schwerer als die Tat

Anregende Nachlese zur Regensburger Rede des Papstes: „Augustinus – Recht und Gewalt“ als Thema des fünften Würzburger Augustinus-Studientags

 

Von Regina Einig

Würzburg (DT) Seit 2003 setzt sich das „Zentrum für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg“ im Rahmen seines alljährlichen Studientags mit zeitgeschichtlichen Fragen im Kontext augustinischen Denkens auseinander. Am Freitag und Samstag erlebten Wissenschaftler und Augustinusverehrer in der Würzburger Residenz eine spannende Nachlese zur Regensburger Rede des Papstes. Der rege wissenschaftliche Diskurs über die Ausführungen Benedikts XVI. hatte die Organisatoren des fünften Studientags dazu bewogen, das Thema „Augustinus – Recht und Gewalt“ zu wählen. „Ein höchst aktuelles Feld“, wie Würzburgs Bürgermeister Adolf Bauer, erster Vorsitzender des Vereins Zentrum für Augustinus-Forschung (ZAF), in seinem Grußwort unterstrich. Denn fast alle Fragen von heute seien schon vor Jahrhunderten gestellt, viele schon vor Jahrhunderten reflektiert und einige schon vor Jahrhunderten beantwortet worden. Wer „Recht und Gewalt“ bei Augustinus betrachtet, stößt automatisch auf die antike Güter-, Tugend- und Wertelehre. Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel, Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung, erinnerte daran, dass „Recht und Gewalt“ politische Begriffe seien, von denen sinnvoller Weise nur unter dem Stichwort „Ordnung“ gesprochen werden könne. 1 598 Mal erscheint der Terminus „ordo“ in den Schriften Augustins – ein Indiz dafür, wie bedeutsam er für das philosophische und theologische Denken des Kirchenvaters ist. Für Augustinus habe kein Zweifel daran bestanden, dass es gerechte Kriege gebe, solange gestörte Friedensordnung existierten, die es wiederherzustellen gelte, erläuterte der wissenschaftliche Leiter des ZAF und Herausgeber des Augustinus-Lexikons, Cornelius Mayer OSA.

Stolpersteine für moderne Leser

Auch wenn die Lehre vom gerechten Krieg seit Thomas von Aquin fester Bestandteil der christlichen Tradition und auch in den jüngsten Katechismusausgaben der katholischen Kirche erneut rezipiert worden ist, bergen Augustins Positionen über legitime und illegitime Staatsgewalt Zündstoff für den Leser des 21. Jahrhunderts. Christoph Horn vom Bonner Institut für Philosophie listete im Hauptreferat des Studientags akribisch Stolpersteine in den Schriften des Bischofs von Hippo auf: Der spätere Augustinus habe politische Verfolgungen nicht nur gutgeheißen, sondern sogar nachdrücklich verlangt und seine Zeitgenossen zur Zurückhaltung gegenüber dem Unrecht staatlicher Autoritäten aufgefordert. Dabei war der Ansatz des Kirchenvaters ein theologischer: Für Augustinus ließen sich wesentliche Elemente der politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit erst durch Begriffe wie Erbsünde, Gnade und göttliche Strafordnung angemessen interpretieren. Seine Thesen, dass Tyrannen und Folterer Werkzeuge der göttlichen Strafordnung sind, Gott auch von Individuen wie Kaiser Nero Gebrauch mache und sich des römischen Hegemonialismus bedient habe, um die noch schlimmeren Unsitten anderer Völker zu einzudämmen, wirken heute nahezu provokativ. Horn spitzte die Problematik auf die leicht sarkastische Frage zu, ob Augustinus angesichts der verbesserten Herrschaftsordnung der Römer nicht urteilen müsste, dass diese Gottes Konzept einer schlechten Welt durcheinandergebracht haben. Augustins politische Philosophie scheine nur dann rettbar, so Horn, wenn man annehme, dass es sich bei den Vorstellungen von politischer Normativität und göttlicher Strafordnung um einen theoretisch funktionslosen Rest handele, den der Kirchenvater entweder aus seinem frühen Neuplatonismus in die späte Erbsündentheorie übertrug oder aber nur nominell aus seiner Pauluslektüre ableitete, ohne die damit verbundenen Konsequenzen zu ziehen.

Dem Bischof von Hippo kann allerdings weder politischer Zynismus noch Flucht in den Heilsegoismus nachgesagt werden. Auch wenn Augustinus unter Gerechtigkeit eine personale Tugend versteht, die sich nur dank der göttlichen Gnade vollkommen entfalten kann, traut er Staaten durchaus zu, bis zu einem gewissen Grad Gerechtigkeit zu praktizieren und Fortschritte in eine moralisch wünschenswerte Richtung machen. Vollkommene Gerechtigkeit zeigt sich vor allem in der Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister: Das Höhere höher und das Geringere geringer zu schätzen. Christliche Regenten nimmt der Bischof von Hippo besonders in die Pflicht, haben sie doch schon zu Lebzeiten einen gewissen Anteil an der wahren Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Daraus ergibt sich, dass auch von Christen geführte Kriege und vollzogene Todesstrafen legitim sein können, die Eigentumsordnung abgesichert sein soll und christliche Staatsbürger die Gesetze einhalten sollen, weil sie nicht allein dem göttlichen Regiment verpflichtet sind. Entscheidendes Kriterium für die Beurteilung an sich verwerflicher menschlicher Taten ist in Augustins Augen weniger der faktische Vollzug als die lustgesteuerte böse Absicht. Von dieser Warte aus wird verständlich, warum der Kirchenvater den Kriegsdienst verteidigte: „Der Soldat, wenn er den Feind tötet, ist ein Diener des Gesetzes“ und „kann also ohne Lust jenem Gesetz gehorchen, das zum Schutz der Bürger befiehlt, feindliche Gewalt mit gleicher Gewalt abzuwehren“. Dass Gehorsam im Fall gerechter Kriege die richtige Verhaltensweise eines Untergebenen ist, zeigt sich gerade in Fällen, in denen etwas, das als individuelle Handlung moralisch falsch wäre, aus Gehorsam dennoch getan werden soll. Die christliche Gehorsamspflicht gegenüber den staatlichen Autoritäten endet nach Augustins Meinung allerdings bei Verstößen gegen göttliche Gebote.

Die Frage, inwieweit göttliche Gebote und die kirchliche Lehre mit Hilfe von Druck und Gewalt durchgesetzt werden dürfen, hat den Bischof von Hippo spätestens seit der Auseinandersetzung mit den Donatisten beschäftigt. Michael Erler (Würzburg) erinnerte an die biblische begründete Position des Kirchenvaters in den antidonatistischen Schriften: Das von Augustinus zitierte Gleichnis vom Gastmahl im Lukasevangelium (Lk 15, 24), in dem der Hausherr durch einen Diener Leute zur Teilnahme am Fest nötigen lässt, diente späteren Generationen zur Rechtfertigung der Ketzerverfolgung. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Zwang schon in der heidnischen antiken Tradition, in der Augustinus stand, nicht auf Restriktionen und physische Gewaltausübung durch Mächtige begrenzt verstanden wurde, sondern eine Mischung aus logischer und überredender Einflussnahme von außen beinhaltete. Erler zeigte am Beispiel von Platons Höhlengleichnis, wie die Frage nach der Hinführung zur Wahrheit mit dem Eingreifen eines Dritten verbunden wurde. Auch wenn der pagane Wahrheitsbegriff Augustinus übel aufstieß – in „De civitate Dei“ beklagt er die babylonische Vielfalt der Wahrheitsangebote paganer Schulen als Merkmal der irdischen Gesellschaft – setzte er methodisch wie viele Denker der Antike auf den Druck rationaler Überzeugungskraft. Nötigung als Teil der Pädagogik zielte darauf ab, die Herzen zu bewegen und Menschen vom Irrtum zu befreien. Dass Augustinus zu Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit Dialoge schrieb, als geweihter Amtsträger jedoch dazu überging, Abhandlungen zu verfassen, bestätigt diese Haltung. Zwar zog Augustinus es vor, Menschen durch Belehrung zum Glauben zu führen statt durch Furcht vor Strafe zum Umdenken zu bewegen, doch war er realistisch genug, um einzusehen, dass sich Menschen häufiger durch Furcht besserten als durch Liebe.

Vorverurteilungen über Augustinus als „geistigen Vater der Inquisition“ wirken dennoch deplatziert. Politische relevante Texte aus der Feder des Bischofs von Hippo, der auch Richter in seiner Diözese war, waren nie Gegenstand einer institutionellen Lehrtätigkeit an den mittelalterlichen Universitäten. Das berühmte Traktat „De civitate Dei“ stellt keine Ausnahme dar. Eine unterrichtsbezogene Kommentierungstradition fehlt daher. Für Robert Lambertini (Macerata/Italien) ein Grund anzunehmen, dass die Forschung bis heute nur höchst selten von einer „augustinian political language“ spricht.

Dem Mönch Gratian zugeschriebene Texte (Concordia discordantium canonum) sowie Veröffentlichungen von Johannes XXII., Aegidius Romanus, Duns Scotus und Wilhelm Ockham verdeutlichen allerdings, wie stark der Einfluss der augustinischen Schriften auf die politische Theorie des Mittelalters war, schon, weil seine Texte nicht erst durch eine mittelalterliche Übersetzungskampagne zugänglich gemacht werden mussten wie jene des Aristoteles. Das geistige Erbe des Bischofs von Hippo ist jedoch zu vielfältig, um es auf einen „politischen Augustinismus“ zu reduzieren. Politische Außenseiter wie Macchiavelli haben den Kirchenvater überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Doch hätte sich der Verfasser des „Principe“ mit dem Bischof von Hippo vermutlich darüber verständigen können, dass die Kardinaltugenden Klugheit und Tapferkeit unentbehrliche Eigenschaften erfolgreicher Herrscher sind. Ulrich Muhlack (Frankfurt) widerlegte das stereotype Bild des „Fürsten“ als zynischem Machtmensch und unterstrich den rationalen Ansatz der Machtlehre Macchiavellis. Gewaltanwendung stelle für den Verfasser des „Principe“ stets eine Ausnahme dar, um Untergang abzuwenden. Willkür schließe er aus, denn der Fürst, der tun könne, was er wolle, sei toll, zitierte Muhlack Macchiavellis Hauptwerk.

Entstaatlichte Kriege

Bei der Person und Gesinnung des Herrschenden anzusetzen, um die Legitimität bewaffneter Konflikte zu beurteilen erscheint der Mentalität der Menschen im 21. Jahrhundert allerdings eher befremdlich. Augustinus knüpfte den gerechten Krieg nicht nur an einen gerechten Grund und die rechte Absicht, sondern auch an die Bedingung, dass er unter der Autorität des Fürsten stehen müsse. Mit dem modernen Völkerrecht ist die Position nicht vereinbar: Es setzt den Staat als den ausschließlichen legitimen Träger innerer und äußerer Gewalt voraus. „Private führen keine Kriege, sondern Rebellionen“, fasste Heinhard Steiger (Gießen) seine Ausführungen über den gerechten Krieg versus Gewaltverzicht im Völkerrecht der Gegenwart zusammen.

Trotz der vielfältigen Bedrohung durch den internationalen Terrorismus hielt Steiger optimistisch daran fest, dass die Menschen gegenwärtig dank des allgemeines Gewaltverbots und der institutionellen Organisation der Friedenssicherung eine grundsätzlich weiter entwickelte internationale Ordnung erleben als nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs zur Zeit Augustins und in der politisch diffusen Situation der werdenden Staatenwelt zur Zeit des Thomas von Aquin. Dass jede Neuauflage einer Lehre vom gerechten Krieg theoretisch einen Bruch der bestehenden Völkerrechtsordnung darstellt, widerspricht den Argumenten christlicher Befürworter militärischer Auseinandersetzungen wie des Irakkriegs letztlich nicht: Denn der internationale Terror sprengt die Kategorien des Völkerrechts, da er von nichtstaatlichen Gruppen getragen wird und die militärischen Reaktionen Krieg zumindest teilweise wieder entstaatlichen. Die negativen Konsequenzen liegen auf der Hand: Weder Krieg noch Frieden sind rechtlich zu ordnen. Hier schließt sich der Kreis zur Epoche des heiligen Augustinus: Der Kirchenvater entwickelte keine geschlossen ausgearbeitete Theorie des Krieges, formulierte aber einen unverändert aktuellen Schlüsselsatz seines Ordnungsempfindens: Dass es besser ist, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun, bleibt für politische Entscheidungsträger der Gegenwart ein ebenso wichtiges Leitmotiv wie das augustinische Bewusstsein, sich einst vor dem höchsten Richter für das eigene Tun verantworten zu müssen.

Quelle: Die Tagespost vom 21.06.2007