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Buchbesprechung

Serge Lancel (Ed.), Saint Augustin. La Numidie et la Société de son temps, Bordeaux: Editions Ausonius, 2005. 182 Seiten, 55 Abbildungen. ISBN: 2-910023-66-4

Saint Augustin. La Numidie et la Societé de son temps (s.l.d. de S. Lancel), Ausonius 2005
„Kein Mensch ist eine Insel“: diese Worte des englischen Dichters John Donne treffen mit Sicherheit auch für den heiligen Augustinus zu. Auch er bewegte sich in vielfältigen sozialen Bezügen und war Teil der Gesellschaft, in der er lebte. In besonderem Maße gilt dies für seine Zeit als Bischof von Hippo: Augustinus war nicht nur Vorsteher der katholischen Gemeinde, sondern hatte auch als Richter in Zivilprozessen eine wichtige soziale Funktion. Der Band „Saint Augustine. La Numidie et la Société de son temps“ hilft, sich ein besseres Bild von jenem Nordafrika zu machen, in dem der Bischof von Hippo wirkte. Gesellschaft und Kultur kommen dabei ebenso zu ihrem Recht wie Kunst und Architektur.

Der Herausgeber Serge Lancel referiert in einem Beitrag einführenden Charakters die bekannten Daten der Vita Augustins. Er erinnert daran, dass viele der großen Werke des Kirchenvaters in unermüdlicher Nachtarbeit entstanden, denn die Tage waren für die Amtspflichten des Bischofs von Hippo reserviert. Kaum fassbar sind schon allein der bloße Umfang und die Geschwindigkeit seiner unter diesen schwierigen Bedingungen aufrechterhaltenen literarischen Produktion.

Claude Lepelley stellt knapp und pointiert dar, wie Augustinus Nordafrika wahrnahm und wie diese Wahrnehmung Niederschlag in seinem Werk fand. Augustinus setzte sich mit den zu seiner Zeit in Nordafrika virulenten Häresien auseinander (den Donatisten vor allem); aber auch eher profan-politische Fragen fanden seine Aufmerksamkeit: die „afrikanischen Barbaren“ etwa, d.h. die Völker jenseits der Grenzen des römischen Nordafrikas, zu denen man teils friedliche Beziehungen unterhielt, mit denen man teils aber auch in kriegerischen Auseinandersetzungen stand.

Wie war Augustins Verhältnis zu den Frauen? Dieser Frage widmet sich wiederum der Herausgeber Serge Lancel. Bei diesem Thema denkt man zunächst natürlich an Monnica, die Mutter Augustins, und an die für uns namenlose Frau, mit der Augustinus 15 Jahre in einem eheähnlichen Verhältnis zusammenlebte, die Mutter seines Sohnes Adeodatus. Hinzu kommen verschiedene Frauen, denen Augustinus als Bischof Briefe schrieb. Der aufschlussreiche Beitrag geht der Frage nach, welche grundsätzlichen Ansichten Augustinus vom Wesen der Frau hatte und des hierarchischen Verhältnisses der beiden Geschlechter untereinander – Gedanken, die er auf Basis des Schöpfungsberichtes der Genesis und des paulinischen Denkens entwickelte.

Den christlichen Monumentalbau in Nordafrika zur Zeit Augustins stellt Jean-Pierre Caillet in einem interessant zu lesenden Beitrag anhand ausgewählter Beispiele vor. Mit „Aspekten des Kults in den Kirchen Numidiens zur Zeit Augustins“ beschäftigt sich Anne Michel in ihrem umfangreichen Beitrag. Wie sahen die christlichen Kultstätten zur Zeit Augustins aus? Das wird mit vielen Photos und Rekonstruktionszeichnungen auf Basis der archäologischen Befunde anhand einer großen Zahl von Beispielen dargestellt; hervorzuheben ist auch die reiche Bibliographie.

Über die Pastoralreisen des Hirten von Hippo in seinem Kirchensprengel informiert Sabah Ferdi. Der Reihe nach führt er die einzelnen Orte auf, für die sich ein Besuch durch den Bischof nachweisen lässt, und verweist auch auf die Stellen im Werk des Kirchenvaters, die auf diese Visiten anspielen.

Den faszinierenden 55. Brief Augustins stellt Anne-Isabelle Bouton-Touboulic vor; der Kirchenvater richtete ihn an Januarius. Dieser hatte ihn gefragt, weshalb denn das Osterfest – anders als das Geburtsfest des Herrn – nicht alljährlich am selben Datum stattfände, sondern sich nach dem Termin des Frühjahrsvollmonds richtete. Die Antwort, die Augustinus darauf erteilte, war eine allegorische Auslegung der Mondphase auf Tod und Auferstehung Christi hin. Auch seine übrigen Ausführungen, die Bouton-Touboulic, auch unter Rückgriff auf andere Schriften wie De doctrina christiana, referiert, verdienen höchste Aufmerksamkeit. Sichtbare Dinge als Zeichen unsichtbarer religiöser Realitäten in rechter Weise zu verwenden, ist für Augustinus das einzigartige Privileg der katholischen Kirche gegenüber dem fehlerhaften Gebrauch der Zeichen durch die Heiden und die Schismatiker.

Anne Fraïsse vergleicht die Theologie des Wunders, die Augustinus im 22. Buch von De ciuitate dei vorlegt, mit der Schrift De Miraculis Sancti Stephani (Über die Wunder des hl. Stephan), die unter der Ägide des Bischofs Evodius, eines Freundes Augustins, in der nordafrikanischen Stadt Uzalis entstand, wo sich Reliquien des Protomärtyrers befanden. Auch Augustinus berichtet in ciu. 22,8 sichtlich beeindruckt von einer an dieser heiligen Stätte geschehenen Wunderheilung. Der Vergleich zwischen beiden Werken ist aufschlussreich und führt uns gleichsam von den Höhen des augustinischen Denkens in die ‚Niederungen‘ des Alltags der einfachen Kleriker und Gläubigen.

François Baratte stellt die numidische Bildhauerkunst zur Zeit Augustins vor. Zahlreiche Bildtafeln ergänzen den Text und ermöglichen es dem Leser, sich die Welt vor Augen zu führen, in der der Kirchenvater wirkte.

Fazit: Ein schöner Band, der hilft, sich die Lebensbedingungen und die soziale und kirchliche Umwelt, in der Augustinus als Bischof wirkte, zu vergegenwärtigen. Und der indirekt auch zeigen kann, wie wenig an diesen äußeren Dingen letztlich doch liegt, wie nichtig und vergänglich sie sind, verglichen mit den Werken des Geistes Augustins. Das christliche Nordafrika, das Augustins Heimat war, ist vergangen; die Kirchen, in denen der Bischof von Hippo zelebrierte, sind Ruinen. Seine Werke aber haben in 1600 Jahren nichts von ihrem Glanz verloren und spenden der Welt noch immer Wärme und Licht.

Clemens Schlip

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Eintrag in der Datenbank der Augustinus-Sekundärliteratur

Veröffentlicht: 06.02.2012