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Buchbesprechung

Michael Fiedrowicz (Hg.), Unruhig ist unser Herz. Interpretationen zu Augustins Confessiones, Trier: Paulinus-Verlag, 2004. 191 Seiten. ISBN: 978-3-7902-1313-3

Michael Fiedrowicz (Hg.), Unruhig ist unser Herz. Interpretationen zu Augustins Confessiones, Paulinus-Verlag 2004
Augustins Confessiones gehören zu den einflussreichsten Werken der christlichen Literatur. Und wie bei allen großen literarischen Schöpfungen gilt auch für sie: Ihr Gehalt ist nicht auszuschöpfen. Sie mögen noch so alt sein: Immerfort fordern sie die nachgeborenen Leser zur Beschäftigung und Interpretation unter verschiedenen Aspekten auf. Einige solcher Interpretationen enthält der kleine Sammelband „Unruhig ist unser Herz. Interpretationen zu Augustins Confessiones“, den der Trierer Patristiker Michael Fiedrowicz herausgegeben hat. Mehrere Gelehrte verschiedener Fächer – Theologen, Kirchenhistoriker, Philosophen und ein klassischer Philologe – nähern sich dem Text der „Bekenntnisse“ von verschiedenen Richtungen her.

Erwähnung vor allen anderen verdient Ernst Dassmann, der sich unter dem Titel „So kam ich nach Mailand“ mit dem Verhältnis zwischen dem Mailänder Bischof Ambrosius und Augustinus beschäftigt. Ambrosius war es, dessen Bibelexegese Augustinus von seinen manichäischen Irrtümern befreite, Ambrosius war es, der ihn taufte. Auch seine Schriften waren für Augustin von höchster Bedeutung. Stets blieb er voll des Lobes für den von ihm verehrten Ambrosius. Aber wie oft traf er wirklich persönlich mit ihm zusammen? Dieser Frage und anderen geht Dassmann nach; er weist die Spuren des Mailänders im Denken und Schrifttum des Afrikaners nach. Und er zeigt auch, wo sich Augustin und Ambrosius unterschieden, zum Beispiel in ihren Ansichten zum Verhältnis von Kirche und Staat.

Mit der Wirkungsgeschichte der wohl berühmtesten Sentenz Augustins in Conf. 1,1: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir (sc. Gott)“ setzt sich Walter Andreas Eulers hochinteressanter Beitrag „Unruhig ist unser Herz“ auseinander. Von Marsilio Ficino über Blaise Pascal bis Maurice Blondel verfolgt er die Wirkungsgeschichte, die diesem augustinischen Denkmotiv in der Neuzeit beschieden war und innerhalb derer es systematisch immer mehr vertieft wurde.

Mit dem schwierigen Problem der Theodizee ‚Wie lässt sich Gott rechtfertigen angesichts des Bösen in der Welt?‘ beschäftigt sich Werner Schüßler in seinem Aufsatz „Unde Malum“ („Woher das Böse?“, ein Zitat aus Conf. 7,7). Das Wort Theodizee mag eine Schöpfung der Neuzeit sein; das Problem ist ein altes. Augustinus erklärte die Existenz des Bösen durch die Privationslehre: Das Böse existiert nicht an sich, es ist ein verdorbenes, wesentlicher Eigenschaften beraubtes Gutes. Damit grenzte sich der Kirchenvater deutlich von dem Manichäismus seiner Frühzeit ab: die Manichäer hatten das Böse als eine eigene Substanz betrachtet, die dem Guten entgegengesetzt war. Diese Position konnte der Christ Augustinus nicht mehr vertreten. Denn nach christlichem Verständnis ist Gott der Schöpfer jeder Substanz; was aber Gott geschaffen hat, das kann nicht schlecht sein. Das Gute kann der ‚corruptio‘ anheimfallen; nie aber kann diese Verschlechterung vollkommen sein, und immer trifft sie nur das Wandelbare. Die Dinge sind, für sich und alle zusammen genommen, „sehr gut“; blickt man auf das Ganze, sieht man, dass selbst die Schatten des Bösen letztlich zu seiner vollendeten Schönheit beitragen. Schüßlers Aufsatz ist zugleich ein warmherziges Plädoyer für die bleibende Bedeutung der Privationslehre, die seit Voltaire stark kritisiert wurde und heute selbst unter Theologen Feinde hat. Überzeugend zeigt er, wie sie uns vor zwei gedanklichen Irrtümern zu schützen vermag: vor einem dualistischen Weltbild, das mit einer „partiellen Entmächtigung“ Gottes einher geht (es gibt eine Substanz, das Böse, die ihm entgegengesetzt ist, die er nicht zu kontrollieren vermag), und vor der Dämonisierung Gottes (Gott ist der Schöpfer des Bösen). Eine lobenswerte, kurze Apologie augustinischen Denkens.

Ulrich Eigler („Zwischen confessio und retractatio“) zeigt den alten Augustinus als Herausgeber und Kommentator seiner eigenen Werke. Augustinus inszenierte sein eigenes Werk und beeinflusste so dessen künftige Rezeption auf entscheidende Weise. Eigler zeigt auch, inwiefern der Kirchenvater hier auf die schriftstellerischen Traditionen des Altertums rekurrierte, die er sich freilich in ganz eigener Weise anverwandelte.

Ausdrückliche Erwähnung verdienen ferner Franz-Bernhard Stammkötter („Das Ideal der Ruhe in den Bekenntnissen“) und Christoph Horn („Willensschwäche und zerrissener Wille“), der in seinem spannend zu lesenden Beitrag die augustinische Theorie von der Schwäche und der Zerrissenheit des menschlichen Willens beleuchtet. Wilhelm Geerlings’ Beitrag („Gedächtnis – Ort der Selbstvergewisserung“) ist eine luzide Einführung in das zehnte Buch der Confessiones, die dessen Verständnis nachhaltig befördert.

Summa summarum liegt hier ein Buch vor, das nicht nur als Einführung in die Confessiones, sondern in wichtige Grundzüge augustinischen Denkens überhaupt dienen kann.

Clemens Schlip

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Veröffentlicht: 06.12.2011