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Tagungsbericht
Das Lernziel heißt Einsicht
Ein Seminar des Zentrums für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg über die Schrift «De magistro – Über den Lehrer». / Ein Bericht der überregionalen katholischen Zeitung ‹Die Tagespost›.
Der Professor Augustinus liest Rhetorik. B. Gozzoli, 1465

Würzburg (DT) Wer lehrt uns, wenn wir etwas lernen? Die Rolle der Sprache beziehungsweise – allgemeiner gesprochen – von Zeichen für den Erkenntnisakt beschäftigte den jungen Augustinus in seiner um das Jahr 389 verfassten Schrift mit dem Titel „De magistro – Über den Lehrer“. Philosophiegeschichtlich bedeutet das Büchlein einen Meilenstein, insofern der Kirchenvater hier als Erster die Theorie der Zeichen und die Theorie der Sprache zusammenbringt, wie der Papst der modernen Semiotik, Umberto Eco, einmal angemerkt hat. Dass diese Überlegungen Augustins das Denken auch am Beginn des 21. Jahrhunderts herausfordern können, erfuhren die Teilnehmer eines Seminars, zu dem das „Zentrum für Augustinus-Forschung“ (ZAF) und einige kooperierende Institute der Universität Würzburg kürzlich eingeladen hatten.

Unter Leitung von Professor Cornelius Petrus Mayer OSA, dem Herausgeber des renommierten „Augustinus-Lexikons“, beschäftigte sich ein interdisziplinär zusammengesetzter Kreis von Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studierenden mit der von Augustinus bereits wenige Jahre nach seiner Bekehrung und Taufe verfassten Schrift „De magistro“ auf hohem Niveau. Der Text gibt sich als Gespräch zwischen Augustinus und seinem Sohn Adeodatus im Stil der platonischen Dialoge. Das Lehrer-Schüler-Gespräch geht im zweiten Drittel vom Dialog in einen Monolog Augustins über; dieser formale Wechsel markiert zugleich eine inhaltliche Wende. Im Einführungsvortrag wies Professor Mayer die Teilnehmer darauf hin, wie sehr Augustinus mit diesem Frühwerk einverstanden war – „De magistro“ sei die einzige Frühschrift, an der der Kirchenvater in den gegen Ende seines Lebens verfassten „Retractationes“, einer kritischen Revision aller seiner Werke, nichts auszusetzen hatte.

Thema des Dialogs „De magistro“ ist das Lehren und Lernen. Da dies vorzüglich mit Hilfe der Sprache zu geschehen scheint, steht sie im Mittelpunkt des Dialogs. „Was, meinst du, wollen wir bewirken, wenn wir sprechen?“, lautet die Ausgangsfrage Augustins. Worauf der die Schülerrolle einnehmende Adeodatus antwortet: „Entweder sprechen wir, um zu belehren, oder wir sprechen, um andere oder uns an etwas zu erinnern.“ Der Philosophiehistoriker Jörn Müller, der sich mit der Exposition des Dialogs beschäftigte, stellte Augustins konsequent semiotische, das heißt zeichentheoretische Betrachtung von Sprache heraus. Sprache besteht aus Wörtern (verba), die ihrerseits Zeichen (signa) für Dinge (res) sind.

Ein großer Teil des Dialogs beschäftigt sich mit der Differenzierung der verschiedenen Arten von Bezeichnungsverhältnissen. Zeichen bezeichnen nicht nur Dinge, sondern Zeichen können auch auf andere Zeichen verweisen. So verweisen sichtbare Zeichen (das geschriebene Wort) auf hörbare Zeichen (das gesprochene Wort). Augustinus nimmt eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Zeichen-Zeichen-Relation und Zeichen-Sache-Relation vor. Für ihn steht fest, dass die Zeichen prinzipiell den Dingen gegenüber ontologisch minderwertig sind, wie der Philosoph Professor Karl Mertens in seiner Analyse herausstellte – wobei der Kirchenvater allerdings nicht frei von Inkonsequenzen sei. Dennoch scheint Augustinus die Zeichen als notwendig für den Erkenntnisvorgang einzuschätzen. Im ersten Teil der Schrift wird für die Annahme argumentiert, dass nichts ohne Wörter oder Zeichen gelehrt und gelernt werden kann – Zeichen erscheinen damit, wie der Altphilologe Professor Michael Erler es ausdrückte, als „Conditio sine qua non“ von Erkenntnis.

Mit dem Übergang vom dialogischen Teil zur „Oratio continua“, der Alleinrede Augustins, deutet sich allerdings eine Kehrtwende in der Argumentation an. „Wenn wir die Sache genauer betrachten, wirst du möglicherweise überhaupt nichts finden, was durch Zeichen gelernt werden kann“, zeichnet Augustinus die Richtung seiner weiteren Gedankenführung vor. Denn aus der Tatsache, dass Wörter und Zeichen die Kenntnis ihrer Bedeutung stets schon voraussetzen, ergibt sich die Fragwürdigkeit der Sprache als Hilfsmittel des Lehrens und Lernens. Zeichen und Wörtern gesteht der Kirchenvater lediglich Erinnerungs- und Hinweisfunktion zu, fasste ZAF-Mitarbeiter Christof Müller zusammen. Sie können bestenfalls den Willen reizen, nach der wirklichen Erkenntnis der Dinge zu suchen. Das Ziel des Lehrens und Lernens aber, das Wissen, kommt durch unmittelbaren Kontakt mit den Dingen beziehungsweise durch die Schau geistiger Sachverhalte zustande.

An dieser Stelle zeigt sich, dass die gängige Klassifizierung von „De magistro“ als sprachphilosophische Schrift eine unzureichende Charakterisierung darstellt. Vielmehr vertrete Augustinus mit „De magistro“ ein eminent theologisches Anliegen, unterstrich der Kirchenhistoriker Professor Dominik Burkard. Die in die Argumentation einfließenden biblischen Motive verdienten hierbei besondere Beachtung. Die als Ziel des Lehrens und Lernens geforderte Einsicht ist nach Augustinus nicht das Werk des (menschlichen) Lehrers, sondern sie wird vermittelt durch das dem Lernenden einleuchtende Licht der Wahrheit. Diese Wahrheit identifiziert Augustinus im Hinblick auf das Licht des menschgewordenen Logos (Joh 1, 1–14) mit Christus, dem „einen Lehrer von allen im Himmel“ (unus magister omnium in caelis; Mt 23, 10), der zugleich im inneren Menschen wohnt. Mit dieser Position bestreitet Augustinus – der bis zu seiner Bekehrung immerhin eine glänzende Karriere als Professor der Rhetorik durchlaufen hatte – zwar nicht den Nutzen der Sprache, doch bedeutet sie eine klare Relativierung.

Mayer wies abschließend auf das Fortleben der in „De magistro“ entwickelten Zeichentheorie vor allem im Mittelalter hin. Angewandt auf den Sakramentenbegriff, habe sie in den Kontroversen zwischen Symbolisten und Realisten über die Eucharistie eine bedeutende Rolle gespielt – die augustinische Position wurde zeitweise von kirchenamtlicher Seite gar unterdrückt.

Die Reihe der Augustinus-Lektüreseminare von ZAF und Uni Würzburg wird im Wintersemester 2009/2010 fortgesetzt.

Guntram Matthias Förster

 

© Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur vom 27.02.2009, Seite 6

Wir danken dem Verlag  J.W. Naumann für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.

Veröffentlicht: 27.01.2009 GF
Weiterführende Links:
www.die-tagespost.de
Einführungsvortrag von Prof. Dr. Cornelius Mayer
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